Hamburg Sehnsucht nach dem starken Mann? Warum so viele Türken in Deutschland Erdogan wählen
Türken in Deutschland wählten bei der letzten Wahl zum Großteil Erdogan. Der Integrationsexperte Haci-Halil Uslucan erwartet diesmal ein ähnliches Ergebnis. Warum ist das so?
Am 14. Mai wird in der Türkei das Parlament und der Präsident gewählt. Bereits seit Ende April sind 1,4 Millionen Türken in Deutschland zur Wahl aufgerufen. Bei der letzten Wahl stimmte die Mehrheit für Amtsinhaber Erdogan. Warum gerade in Deutschland so viele Menschen Erdogan ihre Stimme geben, erklärt Haci-Halil Uslucan. Der Psychologe ist Professor an der Universität Duisburg-Essen und leitet das Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung.
Frage: Herr Professor Uslucan, am 14. Mai wird in der Türkei gewählt. Rund 1,4 Millionen Türken in Deutschland können seit letzter Woche ihre Stimme abgeben. Welche Themen beschäftigen die türkische Community in Deutschland?
Antwort: Das wichtigste Thema ist der Umgang der Regierung mit der Erdbebenkatastrophe. Mehr als 50.000 Menschen starben und 11 Millionen Menschen sind betroffen. Es ist bis nach Deutschland durchgedrungen, dass das Management alles andere als gut war. Das zweite Thema ist die Inflation, die liegt aktuell bei über 50 Prozent. Das bekommen Türkeistämmige hier zwar nur indirekt mit, aber die Wirtschaft ist ein zentrales Thema.
Frage: Bei der letzten Wahl im Jahr 2018 stimmten über 60 Prozent der Türken in Deutschland für Erdogan. Erwarten Sie ein ähnliches Ergebnis?
Antwort: In einigen Regionen war der Anteil sogar noch höher. In Essen lag der Anteil beispielsweise bei über 70 Prozent. Eine dramatische Veränderung erwarte ich bei dieser Wahl nicht, aber ich denke, dass die Opposition dieses Mal eine echte Chance hat. Das liegt an verschiedenen Faktoren: Das Missmanagement nach dem Erdbeben und die schlechte wirtschaftliche Lage schwächen Erdogan. Die Opposition hat es geschafft, sich auf einen einzigen Kandidaten zu verständigen. Außerdem war bei dieser Wahl die Propaganda der Regierung nicht so exzessiv. Das Staatsfernsehen berichtet zwar regierungsnah, aber durch die sozialen Medien hat es an Bedeutung verloren.
Frage: In Ländern wie den USA oder Großbritannien wählen nur 18 bis 20 Prozent Erdogan. Warum ist der Anteil der AKP-Wähler in Deutschland so hoch?
Antwort: In Deutschland und umliegenden Ländern wie den Niederlanden und Österreich ist die AKP-Unterstützung groß, weil hier eine bestimmte Schicht lebt. Diese Menschen kamen als sogenannte Gastarbeiter und stammen aus ländlichen Regionen. Sie waren eher gering gebildet und religiös. Die Forschung hat gezeigt: Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Bildung und AKP. Vereinfacht lässt sich sagen: Je geringer die Bildung, desto höher die AKP-Sympathie. Türkeistämmigen im Ausland ist es wichtig, dass die Türkei als starkes Land wahrgenommen wird. Die AKP sieht sich als Verteidigerin der Religion und des Türkentums. Dieser Stolz, jemand zu sein in der Welt, überzeugt einige Wähler im Ausland.
Frage: Nun leben aber auch Menschen in zweiter, dritter oder vierter Generation in Deutschland. Warum wählen auch diese Menschen die AKP?
Antwort: Bei der letzten Wahl hat man gesehen, dass die Haltung für eine starke Türkei damit zusammenhängt, dass die Menschen das Gefühl haben, in Deutschland nicht dazuzugehören. Sie haben das Gefühl, nicht zum Kollektiv „Deutschland“ zu gehören und wenden sich wieder der Türkei zu. Das hat die türkische Regierung erkannt und fährt eine Umarmungsstrategie bei diesen Menschen.
Frage: Was meinen Sie damit?
Antwort: Die Türkei hat etwa den Service für Auslandstürken deutlich verbessert und signalisiert den Menschen damit: Wir kümmern uns um euch. Außerdem nehmen die AKP-Anhänger einen Elitenwechsel wahr: In Konsulaten arbeiten heute auch Frauen mit Kopftuch, das war früher ein Unding. Die Menschen fühlen sich gesehen und repräsentiert. Das spiegelt sich auch in der Forschung wider: Türkeistämmige nehmen inzwischen die türkische Regierung und Ausländervertretungen als wichtigste Interessenvertreter wahr. Vor knapp 20 Jahren war das noch die Bundesregierung.
Frage: Wie wichtig sind die Stimmen der Türken in Deutschland für Erdogan?
Antwort: Die Stimmen der Türken in Deutschland werden oft überschätzt. In Deutschland leben knapp drei Millionen Türkeistämmige, davon sind knapp 1,5 Millionen als türkische Staatsbürger wahlberechtigt. In der Türkei sind 61 Millionen Menschen zur Wahl aufgerufen. Selbst wenn in Deutschland alle wahlberechtigten Türken Erdogan wählen würden, wären sie weniger als drei Prozent der Wählerschaft. Bei der Parlamentswahl ist das nicht entscheidend.
Frage: An der Auslandswahl gibt es immer wieder Kritik. Die Türken in Deutschland stimmen für einen Autokraten und genießen die Vorzüge einer liberalen Demokratie. Sollte die Auslandswahl eingeschränkt werden?
Antwort: Nein, denn würde man das verbieten, wären Türken in Deutschland nur noch Objekte der Politik. Sie dürften weder in der Türkei noch in Deutschland wählen. Das Recht der Auslandswahl haben auch nicht nur Türken, sondern auch Deutsche, die im Ausland leben. Die Frage, wie es zu bewerten ist, dass aus einer Demokratie heraus Autokraten gewählt werden, ist eine ethische.
Frage: Wie lautet Ihre Antwort?
Antwort: Es gibt Tendenzen, dass Menschen in der Diaspora regierungsnah wählen. Das gilt nicht nur für Türken. Italiener etwa wählten eher Berlusconi und Auslandspolen gaben der Pis-Partei ihre Stimme. Die Türkeistämmigen in Deutschland sind nicht von Repression betroffen und die, die es sind, wie etwa die Kurden, wählen nicht Erdogan. Die Menschen sind auch nicht von der Preissteigerung betroffen, im Urlaub erleben sie sich sogar als sehr mächtig. Da ist das Gehalt einer Kassiererin in Deutschland mit einer gut bezahlten Professorin vergleichbar. Menschen, die in Deutschland kaum gesehen werden, sind plötzlich wer. Ethisch ist das natürlich schwierig.
Frage: Inzwischen verlassen immer mehr Türken das Land. In Deutschland sind sie die drittgrößte Gruppe an Asylbewerbern. Wird diese Wahl entscheidend für die Migration von Türken sein?
Antwort: Bislang haben vor allem Intellektuelle das Land verlassen. Und ja, es gibt Menschen, die die Wahl abwarten. Wenn eine Korrektur stattfindet und die Opposition gewinnt, bleiben sie, sonst verlassen sie die Türkei. Es ist erwartbar, dass bei einer Wiederwahl Erdogans das System noch repressiver wird und noch mehr Menschen die Türkei verlassen.