Trotz Hausärzte-Mangel Zu wenig Studienplätze für Landarzt-Interessenten in Niedersachsen
Landärzte werden dringend gesucht. Niedersachsen versucht, junge Leute mit einem erleichterten Zugang zu Medizin-Studienplätzen zu werben. Und es gibt Interessenten – aber zu wenig Studienplätze.
Ostfriesland/Hannover - Im Jahr 2035 wird Ostfriesland hausärztlich unterversorgt sein. Das geht aus einer Prognose der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) hervor. Dann sollen die Versorgungsgrade in den regionalen Planungsbereichen unter 80, 70 und 60 Prozent liegen – gemessen an einer „Bedarfsplanung“, der gar keine wirkliche Bedarfsforschung zugrundeliegt, wie die KVN selbst kritisiert. Die Bedarfsplanung für Ostfriesland basiere auf Entscheidungen des „Gemeinsamen Bundesausschusses“ und des niedersächsischen Zulassungsausschusses, die jeweils hälftig mit Vertretern von Ärzten und Gesetzlichen Krankenkassen besetzt seien. Die Bedarfsplanung ist laut KVN zur „Mangelverwaltung mutiert“.
Was und warum
Darum geht es: Um den Mangel an Medizin-Studienplätzen in Niedersachsen für junge Leute, die Landarzt werden wollen.
Vor allem interessant für: Patientinnen und Patienten sowie Abiturientinnen und Abiturienten
Deshalb berichten wir: Weil seit Jahren bekannt ist, dass in Ostfriesland und anderswo ein gewaltiger Hausärzte-Mangel droht – und trotzdem nicht genug Medizin-Studienplätze geschaffen wurden. Den Autor erreichen Sie unter: a.ellinger@zgo.de
Bereits aktuell – Stand: März 2023 – sind laut KVN-Statistik im Bereich Aurich 5,5 Hausarzt-Sitze frei, in Emden 1,5, in Leer-Nord 4,5, in Leer-Süd 14,5, in Norden 0,5 und in Wittmund 5,5. Der Landkreis Leer hat mit Blick auf den zu erwartenden Hausärzte-Mangel schon vor ein paar Jahren ein Stipendien-Programm aufgelegt: „Zur Gewinnung von ärztlichem Nachwuchs hat der Landkreis Leer die Vergabe von jährlich drei Stipendien zur Förderung von Medizinstudent:innen ausgelobt.“ Konkreter: „Der Landkreis Leer fördert die Stipendiaten in den ersten beiden Studienjahren mit 400 Euro monatlich und ab dem fünften Semester mit 600 Euro monatlich.“ Die Stipendiaten müssen sich dafür verpflichten, „nach der Weiterbildung für zwei beziehungsweise drei Jahre im Landkreis Leer als Allgemeinmediziner tätig zu sein“.
Für eine Landarzt-Laufbahn reicht eine schlechtere Abi-Note
Um ein Stipendium im Landkreis Leer können sich Personen bewerben, „die bereits die Zusage für einen Studienplatz in Humanmedizin haben oder bereits Humanmedizin studieren sowie die Weiterbildung in Allgemeinmedizin absolvieren“. Das Land Niedersachsen setzt noch früher an: Es vergibt Medizin-Studienplätze an junge Leute, „die sich verpflichten, nach Abschluss des Studiums und der fachärztlichen Weiterbildung für mindestens zehn Jahre in der hausärztlichen Versorgung in einem Gebiet tätig zu sein, für das ein besonderer öffentlicher Bedarf festgestellt wurde“.
Das Besondere: „Für die Zulassung gelten andere Kriterien als für das zentrale Zulassungsverfahren zum Studium der Humanmedizin über die Stiftung für Hochschulzulassung.“ Der Vorsitzende des niedersächsischen Hausärzteverbandes, Dr. Matthias Berndt, erläutert: Nicht die Abiturnote entscheide hier über einen Studienplatz, „sondern die ernsthafte Motivation und das Interesse der jungen Bewerbenden an einer Tätigkeit als Landarzt“.
Was für eine „Landarztquote“ mit nur 60 Medizin-Studienplätzen?
Die Landesregierung erklärt: „Die Landarztquote dient dazu, die ärztliche Versorgung in Niedersachsen in den Gebieten zu sichern, in denen eine wohnortnahe hausärztliche Versorgung der Bevölkerung aufgrund bereits bestehender oder zu erwartender Entwicklungen nicht oder nur eingeschränkt vorhanden ist.“ Denn: „Von den rund 5000 niedergelassenen Hausärztinnen und Hausärzten werden im Jahr 2030 etwa 60 Prozent 65 Jahre und älter und damit im ruhestandsfähigen Alter sein.“
Wie das niedersächsische Wissenschaftsministerium auf Anfrage unserer Zeitung bestätigt hat, haben sich in diesem Jahr 295 Interessenten auf die Studienplätze im Rahmen der Landarztquote beworben – aber es gibt nur 60 Studienplätze. Unsere Zeitung wollte daher wissen, warum mit Blick auf den Hausärzte-Mangel nicht mehr Studienplätze geschaffen werden.
Niedersächsischer Hausärzteverbands-Chef fordert mehr Studienplätze
Das Wissenschaftsministerium hat geantwortet: „Nach dem Staatsvertrag über die Hochschulzulassung dürfen insgesamt bis zu 20 Prozent der Medizinstudienplätze über Vorabquoten vergeben werden. Die im Gesetz zur Verbesserung der flächendeckenden hausärztlichen Versorgung in Niedersachsen verankerten 60 Plätze für die Landarztquote sind Plätze aus der nach dem Staatsvertrag möglichen Vorabquote für den besonderen öffentlichen Bedarf; darunter fallen außer der Landarztquote auch die Sanitätsoffizierslaufbahn der Bundeswehr und der Öffentliche Gesundheitsdienst. Weitere Vorabquoten bestehen für Härtefälle, Zweistudienbewerbungen und internationale Bewerbungen.“ Aber: „Mit der Verankerung der 60 Plätze für die Landarztquote wurde die Vorabquote von 20 Prozent voll ausgeschöpft.“
Zwölf der 60 Plätze stehen demnach zum Wintersemester an der Universität Oldenburg bereit, 18 an der Medizinischen Hochschule Hannover und 15 an der Universität Göttingen – weitere 15 zum Sommersemester in Göttingen. Der Vorsitzende des Hausärzteverbands Niedersachsen, Dr. Matthias Berndt kommentierte kürzlich per Pressemitteilung: „Es hat sich gezeigt, dass mit der fünffachen Anzahl an Anwerbenden pro Platz das Interesse am Hausarztberuf sehr groß ist.“ Er fordert: „Wir brauchen noch mehr Nachwuchskräfte, die sich für einen Weg in die Hausarztpraxen entscheiden. Wir fordern daher die weitere Aufstockung der Studienplätze über die Landarztquote!“