Emden  Nach 35 Schafsrissen: Landwirtschaftskammer genehmigt Entschädigung nur für ein einziges Tier

Hannah Weiden
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Von Hannah Weiden
| 05.05.2023 12:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Dennis Bonsemeyer ist Deichschäfer. Er hat schon über 30 Schafe durch Risse verloren. Foto: Ortgies
Dennis Bonsemeyer ist Deichschäfer. Er hat schon über 30 Schafe durch Risse verloren. Foto: Ortgies
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Deichschäfer Dennis Bonsemeyer fühlt sich von der Politik allein gelassen. Der Wolf stellt ihn und seine Berufskollegen vor große Probleme – doch eine Entschädigung bekommen sie nur selten.

„Man kommt sich ehrlich gesagt ziemlich verarscht vor“, sagt Dennis Bonsemeyer. Der Deichschäfer aus dem ostfriesischen Emden hat in den letzten fünf Jahren an die 35 Schafe durch Risse verloren. In den meisten Fällen sprach dabei alles für den Wolf, sagt er. Entschädigung hat er aber in nur einem Fall erhalten. Wie kann das sein?

„Die Nutztierhalterin beziehungsweise der Nutztierhalter kann über die zentrale Hotline der Landwirtschaftskammer Niedersachsen unsere Fachleute für Rissbegutachtung über den Vorfall informieren“, schreibt Wolfgang Ehrecke, Sprecher der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, auf Nachfrage der Zeitung. „In der Regel am selben oder am nächsten Tag gibt es dann einen Ortstermin, bei dem unsere Fachleute Spuren sichern und prüfen, ob es sich um einen Wolfsübergriff handelt.“

Sollte dann festgestellt werden, dass es sich tatsächlich um einen Wolf handelte, ist laut Ehrecke „unter gewissen Voraussetzungen die Zahlung von Billigkeitsleistungen möglich“. Die Landwirtschaftskammer spricht nicht von Entschädigungen, sondern von Billigkeitsleistungen, da es keinen Rechtsanspruch gibt.

Zwar hätten die Untersuchungen in Bonsemeyers Fall oft ergeben, dass kein Wolf, sondern ein Fuchs oder Hund eines seiner Schafe gerissen habe – aber „die Rissbilder waren immer wolfstypisch“, sagt er. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hunde oder Füchse so starke Gebisse haben, die Wirbelsäule eines Schafs zu durchtrennen“, sagt der Schäfer. Erst letzte Woche seien zwei Lämmer von ihm auf dem Deich gerissen worden: Eines überlebte die Attacke, von dem anderen „blieben nur noch die Hinterbeine“.

„Über Generationen, wenn nicht gar Jahrhunderte, hatte die Deichsicherheit oberste Priorität an der Deutschen Nordseeküste. Diese Grundhaltung wird derzeit von Artenschutzzielen – hier speziell Wolfsschutz – in Frage gestellt“, sagte Simon Grootes, Bezirksvorsitzender der Jägerschaften im Bezirk Ostfriesland und Vorsitzender der Jägerschaft Wittmund, dazu Anfang April im Rahmen der „Auricher Erklärung“. Damals hatten sich mehrere Küstenjägerschaften zusammengetan und eine wolfsrudelfreie Zone entlang der Nordseeküste gefordert.

In der „Auricher Erklärung“ fordern die Jäger, dass Deichschutz und Deichsicherheit Vorrang vor dem Schutzstatus des Wolfes haben sollten. Das bedeutet, so Grootes, dass Wölfe im Fall der Fälle auch unkompliziert und schnell entnommen, also abgeschossen werden müssten. Dies ist aktuell nur in seltenen Ausnahmefällen möglich, da der Wolf besonders unter Schutz steht.

Es ist schwer, genaue Informationen darüber zu bekommen, wie viele Wölfe es aktuell in Ostfriesland gibt. Offiziell gibt es nur ein Rudel in Friedeburg und keine weiteren „residenten“ Wölfe. Das sind Wölfe, die sich in einem bestimmten Gebiet niedergelassen haben. Inoffiziell gehen die Jägerschaften, das war bei der Unterzeichnung der „Auricher Erklärung“ zu erfahren, von bis zu zehn Wölfen aus, die sich zumindest regelmäßig in Ostfriesland aufhalten. Nachkommen des Friedeburger Rudels, so die Vermutung.

Mittlerweile meldet Dennis Bonsemeyer die Risse nur noch selten: „Da kommt eh nichts bei rum“, sagt er. Hinzu käme nämlich, dass die Billigkeitsleistung geringer ausfällt als der Verkaufspreis für das Tier. „Für ein 35 Kilo schweres Lamm bekomme ich beim Schlachter 140 Euro. Vom Land gerade einmal 90 Euro“, sagt Bonsemeyer.

Dabei werde dann zudem nicht berechnet, dass das Lamm ja noch schwerer – und somit wertvoller – geworden wäre, wenn es den Riss nicht gegeben hätte. Bonsemeyer plant deshalb mittlerweile „Puffer“ ein. „Wir halten mittlerweile jedes Jahr 20 bis 30 Tiere mehr als eigentlich geplant“, sagt der Deichschäfer.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Ostfriesen-Zeitung.

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