Ärger in Leer Lärm, Dreck, Scherben – Mieter will um seine Rechte kämpfen
Seit mehreren Jahrzehnten wohnt ein 70-jähriger Mann schon in seiner Wohnung in der Blinke 50 in Leer. Wo er sich einst wohlgefühlt hat, muss er nun mit vielen Problemen kämpfen.
Leer - Die Fassade des Acht-Parteien-Hauses Blinke 50 sieht eigentlich ganz gepflegt aus: rote Klinkersteine, weiße Fensterrahmen, nette Grünanlage. Der Eingangsbereich aber trübt den ersten Eindruck. Hier nagt der Zahn der Zeit, noch deutlich schlimmer wird es, wenn man das Haus betritt. Die Briefkastenanlage ist verdreckt und verbeult, einige Türen öffnen sich auch ohne Schlüssel.
Was und warum
Darum geht es: Ein Mieter leidet unter den Verhältnissen in seinem Wohnblock, der Vermieter, ein Wohnungsunternehmen aus Düsseldorf, schafft aber allenfalls zögerlich Abhilfe.
Vor allem interessant für: Mieter und Vermieter
Deshalb berichten wir: Die Tochter des Betroffenen hat uns auf die Situation aufmerksam gemacht Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de
Unter der Treppe hat sich ein größerer Müllhaufen angesammelt: ein alter Schirm, ein einzelner Rollschuh, Baumaterialien, Altpapier. Das Flurfenster im ersten Stock hat kein Glas mehr. Stattdessen steckt ein Brett im Rahmen, das zwar den Regen abhält, aber kein Licht durchlässt. Das Licht im Wasch- und im Trockenkeller geht nicht. In Letzterem wächst erkennbar ein Sperrmüllberg heran.
Raues Klima im Haus
„Hier hat vor Kurzem der ganze Keller mit Unrat vollgestanden. Das ist vor einiger Zeit weggeräumt worden, jetzt geht es wieder los“, sagt eine Frau, die ihren Namen nicht sagen möchte, weil sie Angst vor Gewalt habe. Das Klima in dem Haus, in dem ihr 70-jähriger Vater seit 1989 lebt, sei nämlich durchaus rau, erzählt sie und zeigt auf tiefe Kratzer in der Wohnungstüre. Die seien mit dem zerbrochenen Glas des Flurfensters mutwillig gemacht worden. Regelmäßig finde ihr Vater Scherben auf seinem Balkon, die von außen dorthin geworfen worden seien.
An die Hausordnung halte sich in dem Haus kaum jemand, erzählt die Frau. Es herrsche Lärm bis in die Nacht, Waschmaschinen liefen rund um die Uhr und der Hausflur werde zugemüllt. Es gebe zwar einen Hauswart. Der fühle sich aber in den allermeisten Fällen nicht zuständig. Die heutigen Mängel gebe es teilweise schon seit Monaten.
Vermieter-Unternehmen sitzt in Düsseldorf
Vermieter der Wohnungen in der Blinke 50 ist die LEG, ein Wohnungsunternehmen mit Sitz in Düsseldorf, das nach eigener Auskunft in Leer 485 Wohnungen bewirtschaftet. Dort versichert die Pressestelle, dass man Beschwerden von Mietern ernst nehme und sich bemühe, schnellstmöglich Abhilfe zu schaffen. 70 Prozent aller Kleinreparaturen würden innerhalb von fünf Arbeitstagen erledigt, nach zehn Tagen seien es 85 Prozent. Auf die aktuellen Materialengpässe und fehlenden Handwerker habe man aber „leider keinen Einfluss“. Die Behebung der von dem 70-jährigen Mieter reklamierten Mängel sei in Auftrag gegeben.
Bei Ärger mit anderen Mietparteien seien der LEG ab einem bestimmten Punkt die Hände gebunden. „Wir versuchen, zu vermitteln und die Mitparteien in einen persönlichen Austausch zu bringen, damit sie im Idealfall Konflikte miteinander beilegen können“, so die Pressestelle des Unternehmens. Gelinge das nicht, müssten sich die Betroffenen an die zuständigen Behörden wenden.
Bereit, Klage durchzuziehen
Das sieht Rechtsanwalt Alexander Bruns ganz anders. Er vertritt den Mieter in einem Rechtsstreit mit der LEG. Mit dem Unterschreiben des Mietvertrags gingen beide Seiten Verpflichtungen ein. Der Mieter, dass er seine Miete zahlt und sich entsprechend der Hausordnung verhält, und der Vermieter, dass er eine mängelfreie Wohnung bekommt. Dazu gehöre auch, dass er dort seine Ruhe habe. Dafür sei der Vermieter zuständig, der – wenn nichts anders helfe – den störenden Mietparteien kündigen müsse. Aktuell habe sein Mandant die Miete mehrfach gemindert und sei auch bereit, die Behebung der Mängel einzuklagen.
Das sei genau der richtige Weg, sagt Reinold von Thadden, Leiter der Rechtsabteilung des Mieterbundes Niedersachsen. Es passiere immer wieder, dass große Unternehmen eine größere Anzahl von Wohnungen aufkaufe und dort ohne viel Aufwand einen möglichst hohen Mietertrag generieren wolle. Dem müsse man entgegentreten. Er rät dem betroffenen Mieter aber auch, sich parallel nach einer anderen Wohnung umzuschauen. „Ein solcher Rechtsstreit kann jahrelang dauern.“ „Das sieht mein Vater überhaupt nicht ein“, sagt die Frau. „Warum soll er ausziehen, wenn er der einzige ist, der sich an alle Regeln hält?“