Kolumne „Digital total“ Warum die KI ihrem Namen nicht gerecht wird
Künstliche Intelligenz liegt im Trend – und sie kann im Alltag ziemlich praktisch sein. Warum man aber nicht von „Intelligenz“ sprechen sollte, erklärt unser Kolumnist an einem Beispiel.
Ich stehe dem Thema KI ziemlich zwiegespalten gegenüber: Auf der einen Seite finde ich die Techniken, die sich hinter dem Begriff verbergen, äußerst interessant, und auf der anderen Seite geht mir der Hype um das Thema ziemlich gegen den Strich. Das größte Problem habe ich mit dem Namen „Künstliche Intelligenz“. Dieses Problem würde ich gerne mit einem Beispiel aus meinen eigenen KI-Experimenten verdeutlichen.
Zur Person
Fabian Scherschel, geboren in Duisburg und nun in Düsseldorf lebend, arbeitete bis 2019 als Redakteur für das Tech-Portal Heise-Online und für die Tech-Newsseite „The H“ in London. Als Freiberufler schreibt er unter anderem für das Magazin „c’t“. Mittlerweile hat der begeisterte Podcaster sein eigenes Projekt: fab.industries. Fernseh- und Radiosender schätzen ihn als Experten.
In den vergangenen Tagen und Wochen habe ich ein Machine-Learning-Modell darauf trainiert, meine Handschrift zu lesen. Ich habe über 100 handgeschriebene Manuskriptseiten eines Romans, die ich auf diese Weise gerne digitalisieren würde. Mittlerweile habe ich das Modell auch so weit, dass es meine Handschrift mit einer durchschnittlichen Fehlerrate von knapp sechs Prozent entziffern kann. Das ist ziemlich cool und erleichtert mir die Arbeit sehr. Allerdings war es ein ziemlich langer Prozess, dort hinzukommen. Ich musste das Modell zum Beispiel erst mal mit knapp 25 Seiten Manuskript füttern, die ich selbst fehlerfrei transkribieren musste. Das war ein signifikantes Stück Arbeit.
Hier zeigt sich, dass KI durchaus in der Lage ist, einem Arbeit abzunehmen. Das ist ziemlich faszinierend und praktisch. Auf der anderen Seite sieht man dann aber auch schnell, dass KI rein gar nichts mit Intelligenz zu tun hat. Der Algorithmus entziffert meine Handschrift einfach nach dem Prinzip Versuch und Irrtum. Am Ende des Trainings kann er meine Handschrift einigermaßen lesen, aber Intelligenz ist halt so viel mehr.
Ein Mensch könnte sich etwa durch den Rest eines Wortes einen nicht zu entziffernden Buchstaben erschließen. Mit einer stumpfen statistischen Analyse ist das nicht zu machen. Da bräuchte man dann wieder einen anderen Algorithmus, der diese Funktion ergänzt. Mein Algorithmus macht also viele Fehler, die eine echte Intelligenz nie machen würde. KI ist sehr nützlich und praktisch, sie hat aber einfach den falschen Namen.
Kontakt: kolumne@zgo.de
Auch die KI ist nicht frei von Vorurteilen
Künstliche Intelligenz in der Redaktion