Hamburg  Zwischen Ehrfurcht und Verachtung: So spaltet Erdogan die türkische Community

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 28.04.2023 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die 1,5 Millionen Türken in Deutschland sind wichtig für die Wahl. In der Vergangenheit stimmten mehr als 60 Prozent für Erdogan. Foto: dpa/Oliver Berg
Die 1,5 Millionen Türken in Deutschland sind wichtig für die Wahl. In der Vergangenheit stimmten mehr als 60 Prozent für Erdogan. Foto: dpa/Oliver Berg
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Seit Donnerstag können rund 1,5 Millionen in Deutschland lebende Türken ihre Stimme für die Wahl in der Türkei abgeben - auch am Konsulat in Hamburg. Werden die Türken in Deutschland wieder Erdogan wählen? Ein Stimmungsbild.

Zwei Männer recken die Faust in die Luft, als sie aus dem Konsulat treten und rufen „Erdogan, Erdogan“ in Richtung einer Kamera. Sie grinsen, klatschen sich ab und gehen. „Traurig, das tut mir einfach nur weh“, sagt der 70-jährige Bülent mit Blick auf die Männer. Er hat kurz zuvor seine Stimme abgegeben, und zwar für den Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu. „20 Jahre sind genug, wir brauchen endlich einen Wechsel in der Türkei. Der Menschen dort geht es schlecht“, sagt er. 

Der Polit-Krimi, der die Türkei spaltet, treibt auch einen Keil in die türkische Gemeinschaft in Deutschland. Umfragen sehen ein Kopf-an-Kopf Rennen zwischen Kemal Kilicdaroglu und dem amtierenden Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Kilicdaroglu tritt als gemeinsamer Kandidat für eine Allianz aus sechs Oppositionsparteien unterschiedlicher Lager an.

Der amtierende Präsident Recep Tayyip Erdogan strebt mit seiner islamisch-konservativen AKP und im Bündnis zwei weiterer Parteien eine erneute Amtszeit an. In Deutschland leben rund drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln, darunter gut 1,4 Millionen türkische Staatsbürger, die an den Wahlen in der Türkei teilnehmen dürfen. Die Türken in Deutschland sind wichtig für die Wahl. In der Vergangenheit stimmten mehr als 60 Prozent für Erdogan. 

In Hamburg wird ansatzweise deutlich, wie aufgeheizt die Stimmung in der Türkei sein dürfte. Das Land steht vor einer Zerreißprobe. Um Demokratie und Wirtschaft in dem Land steht es schlecht. Und immer mehr Menschen verlassen das Land. Türken sind mittlerweile die drittgrößte Gruppe unter den Menschen, die in Deutschland Asyl beantragen. Manche befürchten, bei einem erneuten Wahlsieg Erdogans könnte sich die Lage weiter verschlechtern. Aber auch die Frage steht im Raum, ob der amtierende Präsident im Falle einer Wahlniederlage freiwillig abtritt.

Vor dem Konsulat ist die Stimmung aufgekratzt. Es scheint, als hätte jede Partei Aufpasser geschickt, die vor dem Konsulat ausharren. Diese Männer erklären unaufgefordert, wie großartig Erdogan sei oder etwas weniger aufdringlich, warum es Zeit für einen Regierungswechsel sei. Vor allem Männer sind gekommen, einige noch in Arbeitskleidung mit Logo der Deutschen Bahn oder der Post. Viele bleiben nach der Wahl und tuscheln in kleinen Gruppen vor dem Eingang. 

Ihren Namen in der Zeitung oder im Internet lesen, wollen die meisten nicht. Die meisten Frauen lehnen ein Gespräch komplett ab. Ein 20-jähriger Erstwähler sagt: „Ich habe Erdogan gewählt, wir brauchen einen starken Mann in der Türkei“. Dass Erdogans Regierungsstil zunehmend autoritäre Züge hat, sei zwar schlecht, aber für ihn in Deutschland nicht wichtig. Es gehe ihm bei der Wahl um das internationale Ansehen der Türkei. In Deutschland verstehe man das nicht.

Auf die Frage, ob sie Erdogan gewählt habe, reagiert eine 26-jährige Türkin geradezu entsetzt. „Ich würde ihn niemals wählen. Er schadet der Türkei und schon jetzt leben viele Menschen in Unfreiheit“, sagt die Grafikdesignerin. Diese Wahl werde entscheiden, ob die Türkei überhaupt eine Demokratie bleibe. 

Neben Wirtschaft und Politik beschäftigen die Folgen des verheerenden Erdbebens und Erdogans Gesundheitszustand die Menschen. Der 69-jährige Präsident musste zuletzt mehrere Auftritte aus gesundheitlichen Gründen absagen. „Ich wünsche niemandem Krankheit, aber wenn sie mich fragen, wäre es sehr gut für die Türkei, wenn Herr Erdogan noch lange krank bleibt“, sagt der Journalist Adil Yigit. Er unterstützt die oppositionelle CHP. „Kilicdaroglu hat eine echte Chance, zu gewinnen“, glaubt er.

Eine 54-jährige Kurdin setzt ihre ganze Hoffnung auf die Opposition. „Erdogan muss weg. Er schadet meinem Volk“, sagt sie. Damit dürfte sie die Kurden meinen, die unter Erdogan einen schweren Stand haben. Dass in Deutschland lebende Türken ihn wählen, empört sie besonders. „Die wissen gar nicht, was der in der Türkei mit den Menschen macht“, sagt sie. Mit Blick auf eine verschleierte Frau sagt sie: „Die wählt bestimmt Erdogan. Solche konservativen Leute lieben ihn.“ 

Untersuchungen aus dem Jahr 2018 haben gezeigt, dass die AKP die traditionell-konservative und religiöse Schicht unter den türkischen Wählern repräsentiert. AKP-Wählerinnen tragen beispielsweise häufiger Kopftuch als der Durchschnitt. 

Es scheint, als stehen sich bei dieser Wahl Oppositionsanhänger und Erdogan-Unterstützer unversöhnlich gegenüber. Die Deutsch-Türken können noch bis zum 9. Mai abstimmen. Am 14. Mai entscheidet sich dann in der Türkei, wer weiter regieren wird. 

Die beiden Männer, die schon vor dem Konsulat ihre Unterstützung für Erdogan bekundet haben, bleiben nochmal mit ihrem Auto vor dem Konsulat stehen. Sie lassen das Fenster runter und rufen nochmal „Erdogan, Erdogan“. Der 70-jährige Bülent macht sich auf den Weg nach Hause und schüttelt den Kopf: „Der Mensch lernt einfach nicht dazu.“

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