Osnabrück  Florian Illies: Mit Kunst in Öl gegen die Klimakrise

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 27.04.2023 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Florian Illies, Buchautor, Kunsthistoriker und Kurator, steht im Museum Kunstpalast zwischen den Werken „Küstenlandschaft im Morgenlicht“ (l, 1816/18) und „Schiffe auf der Reede“ (1818) des Künstlers Caspar David Friedrich. Foto: dpa
Florian Illies, Buchautor, Kunsthistoriker und Kurator, steht im Museum Kunstpalast zwischen den Werken „Küstenlandschaft im Morgenlicht“ (l, 1816/18) und „Schiffe auf der Reede“ (1818) des Künstlers Caspar David Friedrich. Foto: dpa
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Ölskizzen von Malern, die kaum einer kennt? Düsseldorf und Lübeck zeigen stille Naturbilder. Und landen damit einen Geheimtipp der Saison - nicht nur, weil Florian Illies die Bildauswahl kuratiert.

Ein paar Halme, irgendwo am Wegesrand. Graue Wolken, aus denen Regen fällt. Ein namenloser Höhenzug. Viel ist nicht zu sehen, auf diesen kleinen Formaten aus dem frühen 19. Jahrhundert. Die Ölskizze soll eine Entdeckung wert sein. Ausgerechnet. Warum schauen sich Menschen des Instagram-Zeitalters diese kleinen Formate meist namenloser Maler an, gerade noch in Düsseldorf und demnächst wohl auch in Lübeck?

Das Genre klingt nach Nischenthema und Expertenkult, nach einer Spitzwegerei für Kunsthistoriker. Doch die Ausstellung „Mehr Licht“ ist der Geheimtipp der Saison.

Ob es an Florian Illies liegt? Bestseller-Autor („Generation Golf“, „Liebe in Zeiten des Hasses“), Redakteur bei FAZ und Zeit, Kunsthändler in der Berliner Villa Griesebach, Verlagschef bei Rowohlt: In welcher Kulturrolle brilliert er nicht? Jetzt kuratiert er im Museum Kunstpalast die Schau der Ölskizzen so, als würde er den Schleier über einem gut gehüteten Schatz lüften. Schaut her, was es gibt und was Euch bislang entgangen ist! Florian Illies ist prominent genug, um diesen Part des Liebhabers zu spielen, der das Publikum an seiner Passion teilhaben lässt.

Aber das allein reicht wohl nicht aus. Denn Thema wie Bilder riechen nach Öl und Terpentin, nach alten Schinken, die allzu lange irgendwo in einer Malmappe herumgelegen haben. Und wer kennt Künstler wie Ernst Bosch, Georg Heinrich Crola oder Caspar Scheuren? Richtig: Kein Mensch, nicht einmal Experten.

Künstler wie Andreas Achenbach oder Camille Corot markieren die Prominenz in diesem Allerlei der Bildchen. Caspar David Friedrich ist auch dabei. Die Ölskizze war Malern, was ihr Name sagt – eine Skizze, ein gemalter Schnappschuss. Mehr nicht. Sie war die schnelle visuelle Notiz, die jener Arbeit auf die Sprünge helfen sollte, die eigentlich zählte – die Arbeit am großen Staffeleibild im Atelier.

Was heute unbeachtet an der Seite liegt, kann morgen vor aller Augen stehen – und umgekehrt. Das Grundgesetz der Kunst und ihrer Konjunkturen spült jetzt die gute, alte Ölskizze von unten nach oben. Das gilt wohl auch für den Kunstmarkt, auf dem sich Florian Illies bestens auskennt. Viele der 170 ausgestellten Bilder kommen aus Privatsammlungen. Die Ausstellung macht sie jetzt spürbar wertvoller. Ein Schelm, wer sich dabei etwas denkt.

Viel wichtiger: Diese Ausstellung trifft einen Nerv. Ihr Thema verfängt ebenso wie ihre Ästhetik. „Mehr Licht“: Man hätte auch titeln können: Mehr Ruhe. Denn die Präsentation lädt dazu ein, näher zu kommen, sich zu versenken, vor und mit dieser Kunst einmal so richtig durchzuatmen. Wer meint, dabei den Duft von Gras und Blättern wahrzunehmen oder die freie Luft zu spüren, liegt gar nicht so falsch.  

Die meist kleinen Formate bringen genau jene Natur näher, die heute so intensiv gefährdet ist. Die Maler, die Jahrzehnte vor den Impressionisten die Arbeit vor dem Motiv entdecken, suchen nicht das große Motiv, sondern das kleine Glück in Öl. Einfach eine Baumkrone, ein Ast, eine Wolkenstimmung – sie überlassen sich der Natur, geben sich gleichsam selbst aus der Hand. Natur erscheint überall anziehend, gerade auch dort, wo sich keine spektakuläre Aussicht bietet.

Außerdem entsprechen diese Bilder überraschend genau jener Bildästhetik, die heute den Look von Instagram ausmacht. Dabei spielt keine Rolle, ob Sonnenlicht auf einer Blüte spielt oder am Horizont schlechtes Wetter heraufzieht. Der Moment will gesehen und ausgekostet sein. Genauso malen die Künstler, die gerade den Zufall, das Flüchtige festhalten wollen.

Zugleich entlastet diese Schau mit lauter namenlosen Malern vom Starkult der Blockbuster-Ausstellungen. Hier muss kein Piet Mondrian bewundert, kein Vincent van Gogh angestaunt werden. Bei Carl Friedrich Götzloff oder Julius Rollmann darf man ganz nah herankommen, ohne falsche Scheu. „Mehr Licht“ öffnet Raum für lauter intime Begegnungen mit einer Kunst, die aus der Ferne der Zeit nahe rückt, weil sie heute verblüffend genau den Zeitgeist einer Epoche der Krisen und Gefährdungen trifft.

Düsseldorf, Museum Kunstpalast: Mehr Licht. Die Befreiung der Natur. Bis 7. Mai 2023. Di., Mi., Fr.-So., 11-18 Uhr. Do., 11-21 Uhr. Zweite Station: Lübeck, Museum Behnhaus Drägerhaus, Kunsthalle St. Annen. 14. Juli bis 15. Oktober 2023.

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