Hamburg/Osnabrück/Hannover Schüler aus der Ukraine im Unterricht: Das erleben Lehrer in der Schule
Die Aufnahme ukrainischer Kriegsflüchtlinge gilt in der Öffentlichkeit gemeinhin als Erfolgsgeschichte. Was aber Schulpersonal aus Klassenzimmern in Deutschland berichtet, klingt manchmal ganz anders. Wir haben uns unter Lehrern umgehört.
Den Namen im Text nennen? Bloß nicht! Die Schule erwähnen? Auch nicht! So oder so ähnlich haben die Bedingungen für Gespräche zu dieser Geschichte gelautet. Offen will kein Lehrer über das Thema sprechen. Das, was offenbar viele Lehrkräfte im Schulalltag erleben, scheint zu heikel zu sein, es offen anzusprechen: Es gibt mit Schülern aus der Ukraine Probleme. Nicht mit allen 200.000 natürlich, die vor dem Krieg nach Deutschland geflohen sind. Aber eben auch nicht mit gerade wenigen.
Die Politik negiert das bislang weitgehend. Aber die Erfahrungsberichte sind eindeutig. Und das Ergebnis in der Folge auch: Die Kinder und Jugendlichen lernen kein Deutsch, zumindest nicht gut genug, um im deutschen Bildungssystem zu bestehen.
Viele Schüler, so schildern es Lehrkräfte, verweigerten sich dem Unterricht schlichtweg. „So als wäre ihnen das Leben ausgehaucht“, umschreibt eine Sprachlehrerin aus der Region Osnabrück ihre ukrainischen Schüler. Die Pädagogin unterrichtet Kinder und Jugendliche der Jahrgänge 5 bis 10, versucht ihnen deutsche Sprachkenntnisse zu vermitteln. „Es ist mehr als mühsam.“
Kollegen anderer Schulen und aus anderen Regionen bestätigen das in Gesprächen mit unserer Redaktion. „Es ist nicht einfach. Es gibt sehr viel Verweigerung im Schulalltag“, schildert die Sprachlehrerin ihre Erlebnisse. Und: „Ich bin damit nicht allein.“
Von Schülern, die über Tische und Bänke gehen und respektlos gegenüber den Lehrkräften auftreten, ist die Rede. Andernorts wird offenbar im Deutschunterricht Schlaf nachgeholt. In Lehrer-Foren im Internet zeigt sich: Probleme gibt es bundesweit.
Die Sprachlehrerin aus Niedersachsen versucht eine Einordnung. Die Pädagogin sagt über ihre Schüler: „Sie wollen hier keine Heimat schaffen. Sie leben auf Standby.“ Die Kinder und Jugendlichen seien in der Erwartung, spätestens im Sommer dauerhaft zurück in die Ukraine zu können. „Nach einer möglicherweise erfolgreichen Offensive gegen die Russen“, fasst die Sprachlehrerin die Hoffnungen zusammen. Eine wirkliche Integration in die deutsche Klassengemeinschaft fände nicht statt.
Eine pädagogische Fachkraft, die an einer Schule im Emsland arbeitet, bestätigt die Eindrücke. Die Kriegsflüchtlinge „sind eher in ihrer kleinen Gruppe unterwegs. Was verwunderlich ist, denn es sind ganz unterschiedliche Kinder“. Die Flucht aus der Heimat habe sie aber offenbar „zu einer Art Zweckgemeinschaft“ zusammengeschweißt. Das erschwere aber auch das Erlernen der deutschen Sprache.
Heinz-Peter Meidinger hat einen Schuldigen an den Problemen ausgemacht: die deutsche Politik. Meidinger hat nichts dagegen, dass sein Name in diesem Kontext veröffentlicht wird. Er ist Lehrergewerkschafter und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Der „Stuttgarter Zeitung“ sagte er kürzlich: „Die Politik droht das Projekt einer gelungenen Integration der Schüler aus der Ukraine in den deutschen Schulen an die Wand zu fahren.“
An vielen Schulen gebe es zwar „ein bewundernswertes Engagement für die geflüchteten Kinder“, sagte Meidinger. „Doch die große Mehrheit der Bundesländer lässt die Schulen bei der Bewältigung dieser Aufgaben weitgehend im Stich.“
Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg bewertet die Situation etwas anders. In ihrem Bundesland gehen rund 20.000 ukrainische Kriegsflüchtlinge zur Schule. Insgesamt laufe es gut, befindet die Grünen-Politikerin. „Vor allem hören wir aus den Schulen, dass die ukrainischen Kinder wissbegierig und neugierig sind und sich sehr gut einfügen. Da bekommen wir sehr positive Rückmeldungen.” Besonders solche Schulen mit einem hohen Anteil ukrainischer Kinder stünden aber vor Herausforderungen, räumt die Ministerin ein.
Die Sprachlehrerinnen berichten im Gespräch mit unserer Redaktion von großen Klassen, die sie betreuen müssten, von nur einem Schulbuch für alle Jahrgänge. Aber allein bei der deutschen Politik machen sie die Probleme dann doch nicht fest. Schwierig sei, sagt eine der Lehrerinnen aus der Region Osnabrück, dass es für viele Ukrainer nach Schulschluss in Deutschland am Nachmittag mit dem Digitalunterricht der Heimatschule weitergehe.
2015 und 2016 sei Vieles anders gewesen, berichtet eine der Pädagoginnen. In den beiden Jahren der großen Flüchtlingskrise als Hunderttausende Menschen aus Syrien, Afghanistan aber auch Afrika nach Deutschland kamen, habe es in den Sprachlernklassen nicht derartige Probleme gegeben wie jetzt. „Die Schüler wollten Deutsch lernen und möglichst schnell in Deutschland ankommen. Das ist jetzt anders.”
Ihre Kollegin sagt, das Verhalten der Ukrainer wirke aus deutscher Perspektive schnell undankbar. Aber: „Es überwiegt bei ihnen nicht das Gefühl, in Sicherheit und dafür dankbar zu sein. Für sie überwiegt der Verlust der Heimat.”