Bremen  Wenn Senatoren Kunst lieben: 1275 Reichstaler für das Mädchen aus Marmor

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 21.04.2023 15:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Mädchen aus Marmor: Carl Steinhäusers Skulptur „Psyche“ von 1846 wurde ein Jahr später für den Kunstverein in Bremen aus Spendengeldern angekauft. Foto: Stefan Lüddemann
Das Mädchen aus Marmor: Carl Steinhäusers Skulptur „Psyche“ von 1846 wurde ein Jahr später für den Kunstverein in Bremen aus Spendengeldern angekauft. Foto: Stefan Lüddemann
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Wer gehört dazu - und wer nicht? Bremer Bürger versammeln sich vor 200 Jahren im Kunstverein. Es geht um die Liebe zum Schönen. Und darum, wer in der Stadt den Ton angibt. Eine Sozialgeschichte.

Ob es an ihrem versonnenen Blick liegt, den sie in unbestimmte Fernen richtet? Brave Bremer Bürger verfallen ihrem Charme jedenfalls so nachhaltig, dass sie richtig Geld lockermachen, um das scheue Mädchen aus Marmor für immer in ihrer Stadt halten zu können. 73 Personen geben zwischen fünf und hundert Reichstaler. Am Ende sind 1275 Taler in der Kasse. 1847 ist das unfassbar viel Geld, sogar für steinreiche Bremer Senatoren. Macht nichts. Was heute Crowdfunding heißt, gibt es damals auch schon: Jeder gibt ein bisschen.

Carl Steinhäusers Skulptur „Psyche“, der „Seele athmende Marmor“, bleibt in Bremen. Zwei Jahre später steht die schneeweiße Figur mit dem nackten Oberkörper in der neu erbauten Kunsthalle, wo Kaufleute bei ihrem Anblick für Augenblicke vergessen können, worum ihr Leben sonst kreist: das Kontor und das Geld.

200 Jahre Kunstverein: In Bremen ist das mehr als ein Vereinsjubiläum. Wer die Hansestadt, die Mentalität ihrer Bürgergesellschaft und den Norden überhaupt verstehen will, kommt mit dem Kunstverein in Bremen und seiner Geschichte ein gutes Stück weiter. 34 Bürger schließen sich am 14. November 1823 zu einem der ältesten Kunstvereine Deutschlands zusammen.

„Der Zweck des Kunstvereins in Bremen ist, den Sinn für das Schöne zu verbreiten und auszubilden“: Das idealistische Programm hat einen diskreten Hintersinn. Wer in diesem Verein dabei ist, hat es geschafft. Nur 50, später 75 Personen dürfen Mitglieder sein. Beim kundigen Blick auf Grafiken von Albrecht Dürer und anderen Meistern ist man unter sich. Die Elite erkennt sich am Geldbeutel – und am Kunstgeschmack.

„Kunst vereint!“: Der Titel der Ausstellung in der Kunsthalle Bremen, mit dem der Kunstverein jetzt in sein Jubiläumsjahr startet, ist deshalb alles andere als zufällig. Wer der Geschichte dieser Institution durch die Jahre folgt, erlebt verblüffend plastisch mit, wie sich rund um die Kunst eine Gesellschaft der Erfolgreichen formiert. Kunst funktioniert dabei wie der Mitgliedsausweis eines noch sehr geschlossenen Clubs.

Erst eine Sache der Happy Few, dann Pläsir des allgemeineren Bürgertums – die Expansion des Kunstvereins erinnert an die Boomgeschichte von Sportarten wie Tennis oder Golf. Sie starten im 20. Jahrhundert als exklusive Inselphänomene, avancieren dann zu Integrationsarealen mit Breitenwirkung. Der Kunstverein in Bremen wächst um 1848 explosionsartig – in einer Zeit, in der sich das Bürgertum emanzipiert.

Der Kunstgeschmack bleibt zunächst bezeichnend ambivalent. Stiche von Piranesi und Masolino da Panicales Marienbild stehen neben alten Niederländern wie Pieter Wouwermans „Lagerszene“: Italiensehnsucht neben Biedersinn. Kuratorin Mara-Lisa Kinne hat 70 Kunstwerke und viel Archivmaterial zusammengetragen, um mit der Kunst auch das Mentalitätsprogramm einer Bürgerschicht zu kartieren.

Ihr wichtigstes Merkmal: Dieses Bürgertum ruft nicht nach dem Staat, es hält sein Geschick in der eigenen Hand. Bis heute trägt der Kunstverein das Museum. Das ist ein Unikum – bundesweit. Nicht einmal die Hamburger haben solchen Eigensinn bewiesen. Als dort die Kunsthalle gebaut wird, gibt der Kunstverein die Trägerschaft an die Stadt ab. In Bremen nicht. Dort ist man eben nicht nur auf den SV Werder stolz.

Was gehört im Norden zum Stolz? Richtig: die Selbstironie. Zum Jubiläum haben die Künstler Samuel Nyholm und Olav Westphalen, beide Professoren an der Bremer Hochschule für Künste, mit dem „Verein für erzählerische Geschichtsforschung“, kurz VEGA, den Doppelgänger des Kunstvereins gegründet. Nyholm und Westphalen zeigen nun jene Grafiken, die den Mitarbeitern der Kunsthalle am besten gefallen. Das ist zwar keine ganz neue Idee, sorgt mit einem wilden Mix von Matisse bis Munch aber für gute Laune. Was will man mehr zum 200. Geburtstag?

Bremen, Kunsthalle: Kunst vereint! Die frühen Jahre der Sammlung. 22. April bis 20. August 2023. Di., 10-21 Uhr, Mi.-So., 10-17 Uhr.  

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