Defizitäre Notfallversorgung 2,5 Tage nach erstem Notruf operiert – Norderin verlor 1,5 Liter Blut
Eine stark blutende Seniorin aus Norden musste 103 Minuten auf den Rettungsdienst warten. Das war aber nur ein Teil ihres Martyriums. Beteiligte Kliniken äußern sich (fast) nicht – aber andere Ärzte.
Norden/Oldenburg - Es floss Blut aus der Nase einer 66-jährigen Frau aus Norden, wie es ihr Lebensgefährte und sie selbst noch nicht erlebt hatten. Papiertaschentücher und die üblichen Kniffe, wie man ein Nasenbluten beispielsweise bei Kindern stillt, halfen nicht, wie das Paar berichtet. Am Abend des 29. September 2022 fing die Seniorin ihr Blut mit einer Schüssel auf.
Was und warum
Darum geht es: Um eine fragwürdige Notfall- und Krankenhaus-Versorgung in Ostfriesland.
Vor allem interessant für: Patientinnen und Patienten
Deshalb berichten wir: Weil eine Seniorin aus Norden nach einer Odyssee durch Praxen, Rettungswagen und Krankenhäuser rund ein Drittel ihres Blutes verloren hatte. Den Autor erreichen Sie unter: a.ellinger@zgo.de
Es begann eine Odyssee mit zwei Rettungsdienst-Einsätzen, zwei Arztpraxen- und zwei Klinikbesuchen, ehe Ärzte die Blutung gestoppt haben – offenbar mit einer Notoperation an einem Sonntagmorgen, am 2. Oktober. Der Hausarzt und die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin der Frau gehen aufgrund ihrer Blutwerte davon aus, dass sie rund eineinhalb Liter Blut verloren hat – also ungefähr ein Drittel des Blutes, das ein erwachsener Mensch im Körper hat.
Nasenbluten – kann jemand daran verbluten?
Am späten Abend des 29. September wusste sich das Paar aus Norden nicht mehr anders zu helfen, als einen Notruf abzusetzen. Die Besatzung des Rettungswagens hat den Ernst der Lage möglicherweise nur bedingt erkannt: „Seien Sie versichert, an Nasenbluten ist noch keiner verblutet“, soll einer der Sanitäter gesagt haben. Die Norder Hals-Nasen-Ohren-Ärztin Dr. Susanne Modemann, welche die Patientin seit Oktober einmal pro Woche behandelt, sieht das anders: „Grundsätzlich ist es möglich, an Nasenbluten zu verbluten.“
Wie zutreffend oder nicht zutreffend die Sanis den Zustand der Patientin beurteilt haben, kann dahingestellt bleiben – denn sie brachten die blutende Frau ins Norder Krankenhaus. Dort sei sie in die Notaufnahme gekommen, erzählt die Seniorin. Ihr Eindruck: „Der junge Arzt wusste gar nicht richtig, was er machen sollte.“ Er habe ihr eine Ladung Verbandszeug in die Nase geschoben. Ohne eine ältere Krankenschwester, die dabeigewesen sei, „wäre der aufgeschmissen gewesen“, meint die Patientin. Gegen 0.30 Uhr sei sie dann nochmal ins Wartezimmer gebeten und eine runde Stunde später nach Hause geschickt worden. Obwohl sie bezüglich des Nasenblutens zu bedenken gegeben habe: „Das hört nicht auf.“
Welchen Eindruck hatte der Hausarzt von der blutenden Patientin?
Die Frau sollte Recht behalten. Nach einer „ganz miesen Nacht“ und dem Gefühl der Hilflosigkeit suchte sie am nächsten Morgen ihren Hausarzt auf: Diedrich Mencke. Die Patientin hat ihn, wie alle anderen behandelnden Ärztinnen und Ärzte gegenüber dem Autor dieses Berichts von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden.
Als sie zu ihm in die Praxis gekommen sei, „machte sie schon einen geschwächten Eindruck“, berichtet Mencke auf Anfrage unserer Zeitung. Für ihn war aufgrund der „sehr starken Blutung“ gleich klar, dass er als Hausarzt nicht helfen kann. „Ich habe ja gar nicht die Ausrüstung dafür“, erklärt er. Der Mediziner leitete die Patientin zur örtlichen Hals-Nasen-Ohren-Ärztin weiter. Aufgrund der Blutwerte, die Mencke zwischenzeitlich vorliegen, kommt er zu dem Ergebnis, dass die Seniorin letztlich „fast ein Drittel ihres Blutes“ verloren hat.
Wie bewertete die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin den Zustand der Patientin?
Die Norder Hals-Nasen-Ohren-Ärztin Dr. Susanne Modemann registrierte den Verlust „großer Blutmengen in kurzer Zeit“. Sie erklärt auf Anfrage unserer Zeitung: „Die Art der Blutung ließ darauf schließen, dass es sich um eine arterielle Blutung, also aus einer Schlagader, handelt, die sich in den Nebenhöhlen befinden und somit auch nicht vom niedergelassenen HNO-Arzt in der Praxis zu versorgen sind.“
Die Facharztpraxis setzte einen Notruf ab. Der erste Rettungswagen, der kam, wurde jedoch wegen eines anderen Notfalls wieder abgezogen. Das hat der Leiter der Kooperativen Rettungsleitstelle Ostfriesland, Tomke F. Albers, bereits im vergangenen Jahr bestätigt. Nach einer Stunde und 43 Minuten kam ein Notfall-Team, das die Patientin mitnehmen konnte. Albers: „An diesem Tag war ein sehr hohes Einsatzaufkommen und einzelne Mehrzweckfahrzeuge waren abgemeldet, so dass die Leitstelle priorisieren musste und auch gelegentlich vorgeplante Rettungsmittel umdisponieren musste.“
Wie ging es im Klinikum Oldenburg für die Seniorin weiter?
Die HNO-Ärztin Modemann, in deren Praxis die Seniorin unter anderem mit Infusionen versorgt wurde, bis die Sanitäter kamen, berichtet: Die Patientin „blutete trotz Tamponade weiter (episodisch), das heißt sie verlor weiter Blut“. Und: „Es bestand die Gefahr des Kreislaufzusammenbruchs.“
Der Rettungswagen transportierte die blutende Seniorin an jenem Freitag ins Klinikum Oldenburg. Dort sei unter anderem mit aufblasbarer Tamponade gearbeitet worden, erzählt die Betroffene. „Es tut hundsgemein weh, wenn die Sie da ausstopfen“, berichtet sie. Sie habe mehrfach das Bett vollgeblutet. Am Sonntagmorgen sei sie operiert worden – in einer Notoperation.
Auch nach der Operation kämpfte die Frau noch mit Blut
In den ersten Nächten danach habe sie alle zwei Stunden aufstehen müssen, weil Blut gekommen sei, sagt die Seniorin. Noch bis November habe sie altes Blut gespuckt. Seit der Entlassung aus dem Krankenhaus müsse sie einmal pro Woche zu Fachärztin Modemann.
Unsere Zeitung hat beim Klinikum Oldenburg unter anderem angefragt, in welchem Zustand die Norderin eingeliefert worden ist, was Ursache des Nasenblutens war, welche Gefahren davon für die Patientin ausgingen, ob die zeitlichen Verzögerungen durch die Nichtaufnahme im Norder Krankenhaus und schließlich die Wartezeit auf den Rettungswagen mit Risiken oder gesundheitlichen Folgen für die Betroffene verbunden waren und wie sie in Oldenburg behandelt werden musste.
Wie reagierte das Klinikum Oldenburg auf die Anfrage unserer Zeitung?
Daraufhin rief eine Klinikumssprecherin an, die einige der Fragen kritisierte und ankündigte, dass die letzten Fragen nicht beantwortet werden könnten. Obendrein übernehme zum Monatswechsel ein Nachfolger ihre Aufgaben. Sie habe die Anfrage „intern weitergeleitet“. Ob ihr Nachfolger sich automatisch melde oder unsere Zeitung nochmal anfragen müsse, diese Frage konnte sie angeblich aus zeitlichen Gründen nicht mehr beantworten. Sie beendete das Telefonat. Nachdem sich ihr Nachfolger nicht meldete, hat unsere Redaktion die Fragen vom 17. Januar am 10. Februar nochmal geschickt und am 20. März an die Anfrage erinnert. Es kam keinerlei Reaktion.
Eine weitere Presseanfrage ging an den Klinikverbund Aurich-Emden-Norden. Unsere Zeitung wollte unter anderem wissen, mit welchen Beschwerden die Patientin im Norder Krankenhaus ankam, welche Gefahren von dem Nasenbluten ausgingen, wie sie in der Klinik behandelt wurde, warum sie nicht stationär aufgenommen und auch nicht nach Oldenburg überwiesen wurde, welche Empfehlungen der Seniorin gegeben wurden und ob die Trägergesellschaft der Klinik die Entlassung der Frau als richtig bewertet.
Träger der Norder Klinik versuchte, um Antworten herumzukommen
Auf diese Anfrage vom 17. Januar hat die Trägergesellschaft am 31. März inhaltlich reagiert. Davor hat das Klinik-Unternehmen des Landkreises Aurich und der Stadt Emden behauptet, es könne aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht antworten, „insbesondere da in diesem Fall keine wirksame und korrekt adressierte Schweigepflichtentbindungserklärung“ der Patientin „im Original vorliegt“.
Der Autor dieses Berichts hatte von der Patientin eine Auskunftsvollmacht bekommen, wie er sie in unzähligen anderen Fällen gegenüber Arztpraxen, Krankenhäusern und Krankenkassen eingesetzt hat und diese – ebenfalls wie üblich – als Scan per E-Mail übermittelt. Der Text lautete: „Ich“ – es folgte der Name der Patientin – „bevollmächtige hiermit die Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden mbH, gegenüber dem Journalisten Andreas Ellinger, der für die Ostfriesen-Zeitung als Reporter tätig ist, Auskünfte zu erteilen, die meinen Aufenthalt im Klinikum Norden in der Nacht vom 29. auf den 30. September 2022 betreffen. Von meiner Vollmacht umfasst sind ausdrücklich auch Auskünfte, die normalerweise dem Arztgeheimnis unterliegen würden.“
Klinikverbund Aurich-Emden-Norden verzögerte die Beantwortung weiter
Auf Nachfrage vom 20. Januar, warum diese Vollmacht nicht wirksam sein soll, antwortete die Trägergesellschaft am 31. Januar: „Wir hatten Ihnen mitgeteilt, dass die Schweigepflichtentbindungserklärung nicht korrekt adressiert und somit nicht wirksam ist. Die Behandlung obliegt den einzelnen Klinikgesellschaften und muss daher diese sowie die behandelnden Ärzte von ihrer Schweigepflicht entbinden.“
Auf den Hinweis, dass ohne die Nennung von behandelnden Ärzten diese auch nicht konkret benannt werden könnten und dies rechtlich auch nicht erforderlich sei, schrieb die Trägergesellschaft: „Es gibt übliche Schweigepflichtentbindungserklärungen, die alle behandelnden Ärzte ohne Namensnennung erfassen. Eine solche benötigen wir korrekt an den behandelnden Klinikträger adressiert und unterschrieben im Original.“
Dann antwortete der Klinikverbund inhaltlich – in drei Sätzen
Um die Zeit für einen Rechtsstreit zu sparen, hat unsere Redaktion von der Patientin eine Auskunftsvollmacht für „die Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden mbH sowie die mit ihr verbundenen Gesellschaften sowie die dort jeweils beschäftigten Personen“ eingeholt und im Original übersandt. Daraufhin schickte der Klinikverbund folgende Antwort: „Frau“ – es folgt der Name der Patientin – „ist am 29. September 2022 gegen 23.30 Uhr durch den Rettungsdienst in die Zentrale Notaufnahme der UEK Norden eingeliefert worden. Es erfolgte eine Behandlung lege artis.“ Lege artis steht für „nach den Regeln der Kunst“. Die Patientin sei „gegen 1.30 Uhr entlassen“ worden.
Das war inhaltlich alles – die Fragen unserer Zeitung wurden also nicht beantwortet. Die Trägergesellschaft erläuterte: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich unsere Antwort auf Auskünfte beschränkt und wir keine Gutachten erstellen und Stellungnahmen fertigen werden.“
Was sagen Hausarzt und HNO-Ärztin zur Norder Klinik-Leistung?
Unsere Zeitung hat auch den Hausarzt und der HNO-Ärztin darauf angesprochen, dass die Norder Klinik die Patientin weder aufgenommen noch nach Oldenburg überwiesen hat und dadurch die eigentliche Behandlung verzögert wurde. Hausarzt Mencke meinte, dass die Krankenhaus-Kollegen „mehr machen“ und die Frau beispielsweise „über Nacht behalten“ hätten können. An dieser Stelle äußerte er grundsätzliche Kritik am Gesundheitswesen – dass Krankenhäuser beispielsweise zu viele Operationen machen würden, weil diese ihnen Geld brächten. Mencke stellte seinen eigenen Standpunkt dar: „Ich behandle Patienten und keine Krankheiten.“
HNO-Ärztin Modemann antwortete: „Die Notaufnahme Norden ist mit solchen Fällen nicht hinreichend betraut“, die Situation sei dort „mangels Erfahrung unterschätzt“ worden. Im Fall der Seniorin habe man „bei dem Blutungsgeschehen von großen Blutverlusten ausgehen“ müssen: „Eine stationäre Überwachung oder Verlegung in die HNO-Klinik (die nächstgelegene ist eben in Oldenburg) wären ratsam gewesen.“ Die Medizinerin fügte hinzu: „Dass anscheinend nicht einmal ein Blutbild gemacht worden ist, an welchem man den Blutverlust hätte erkennen können, verstehe ich nicht.“
Was waren die gesundheitlichen Folgen für die Patientin?
Dr. Modemann wies auf die psychischen Folgen für die Patientin hin: „Es ist enorm beängstigend, mit starkem Nasenbluten nach Hause gehen zu müssen, nicht wissend, was weiter geschieht.“ Die Seniorin habe „die Dramatik ihres Zustandes durchaus gespürt, wurde aber von den ärztlichen Kollegen des UEK nicht ernstgenommen“. Abgesehen von diesem Trauma habe sie „im Rahmen der Blutungsepisode (die leider auch in Oldenburg erst zwei Tage nach Einweisung operativ beendet worden war) viel Blut verloren, so dass sie Wochen danach noch an Kurzatmigkeit und fehlender Belastbarkeit litt.“ Und: „Man kann von circa 1,5 Litern Blutverlust ausgehen.“
Nach dem Heilungsprozess gefragt, antwortete die HNO-Ärztin: „Die Blutungsquelle ist erfolgreich verödet. Nach solchen Vorfällen braucht eine Nase circa drei Monate, um sich wieder zu erholen.“ Im Fall dieser Patientin sei „wegen langer Tamponadezeit (auch in Oldenburg dann noch zwei Tage länger) und entsprechender Wundreaktion mit Narbenbildung eine Verwachsung der nichtbetroffenen Nasenseite (die nur zur sogenannten Gegentamponade beteiligt war) entstanden“. Dr. Modemann fügte hinzu: „Wir arbeiten daran.“
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