Binz Streit um LNG-Terminal: Wie Olaf Scholz und Robert Habeck auf Rügen empfangen werden
Bundeskanzler Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Robert Habeck sind zu Gesprächen über ein für Rügen geplantes Flüssigerdgas-Terminal auf die Insel gekommen. Dort schlägt ihnen ziemlicher Unmut entgegen.
Vor der Seebrücke liegen die schweren Pötte, die hier in Binz und auf ganz Rügen für Unmut sorgen. Auf einem Tanker prangt das Problem in drei Buchstaben: LNG. Die Ostsee braust auf und auch im Ort selbst ist die Stimmung eher stürmisch.
Das bestätigt auch der Besitzer der Bar direkt am Strand von Binz. „Die Leute sind völlig realitätsfern“, ärgert er sich. Immer wieder werde er von Touristen gefragt, was da eigentlich in der Bucht passiere. Mitunter denkt er sich Geschichten aus, weil er keine Lust mehr auf das Thema hat. Gut findet er hingegen, dass sich die Insulaner wehren, während drinnen die „Politik-Köpfe“ zusammensitzen. „Das lassen sich die Rüganer nicht gefallen“, weiß er.
Im Haus der Gastes werden an diesem Donnerstagnachmittag mehrere hochrangige Politiker erwartet, die am Abend über das Thema LNG sprechen wollen. Neben Ministerpräsidentin Manuela Schwesig geben sich auch Bundeskanzler Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Robert Habeck die Ehre. Hinter verschlossenen Türen wollen Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft über die Zukunft sprechen.
In Binz sind zahlreiche Streifen- und Mannschaftswagen der Polizei unterwegs. Ein Aufgebot an Pressevertretern mischt sich mit Kameras, Mikrofonen und Schreibblöcken unter die Touristen und Bürger. In die frische Seeluft mischt sich eine gewisse Spannung. Jeder, der über die Promenade spaziert, merkt, dass hier was passiert. Auch im Seebad hängen die Schilder, die auf der ganzen Insel zu finden sind: „Natur tanken statt Flüssiggas.“
Das ist auch für Gisela Bussmann aus Münster ein entscheidender Punkt. Sie sei froh, dass ihr Ferienhaus in Sellin stehe. Als potenziellen Standort für das LNG-Terminal sieht sie Mukran. „Mukran ist ein Hafen und touristisch nicht erschlossen. Ich denke, das ist eine gute Anlaufstelle“, sagt sie. Wie sich ein solches Terminal auf die Gegend auswirke, könne sie aber auch nicht abschätzen.
Zwei laute Knalls, die in Ohren und Beinen gleichermaßen zu spüren sind, sorgen kurz für Irritationen. Ein Streifenwagen bleibt auf der Straße stehen, Polizisten schauen sich um. Nichts zu sehen. Später melden Augenzeugen, dass es sich um Überschallflugzeuge gehandelt haben soll.
Währenddessen wird die Stimmung der Insulaner vor dem Haus des Gastes sichtbar. Mehrere Hundert Menschen haben sich dort versammelt und wollen ihrem Ärger Luft machen. Neben Bürgern und Schaulustigen sind auch Initiativen und Organisationen wie Fridays For Future und der Nabu darunter. Zu viele Fragen seien offen, insbesondere was die Auswirkungen des Terminals und des LNG angehe, aber auch das „Brummen“, von dem andernorts berichtet wird, bereitet den Menschen sorgen.
Als Anwohner ist Karl-Heinz Olschewski in der ersten Reihe dabei. Er lebt in Prora und hat eine klare Haltung zum Thema. „Wenn man an der Strandpromenade ein Toilettenhäuschen bauen will, dauert das Jahre. Aber hier geht das alles ganz schnell.“ Kurz darauf wird im Hintergrund das Lied „Heimat“ angestimmt. Dann ergänzt Karl-Heinz Olschewski: „Wenn der Ukraine-Krieg verhindert worden wäre, hätten wir das alles nicht.“
Als Manuela Schwesig eintrifft, branden Buhrufe auf. Die Stimmung ist aufgeheizt, aber friedlich. Die Ministerpräsidentin geht auf die Menge zu und spricht mit Einzelnen. Ein Pfeifkonzert im Hintergrund untermalt das Ganze. „Du hast alle verraten“, schreit ein Demonstrant. Mehrere Minuten nimmt sie sich Zeit, den Dialog mit den Menschen zu suchen.
Kurz vor 17 Uhr trifft die Polit-Prominenz aus Berlin ein. Die Botschaft der Demonstranten ist bereits deutlich lesbar: „Kein LNG-Terminal vor Rügen“. Doch auch Bundeskanzler Olaf Scholz und Vizekanzler Robert Habeck werden mit lauten „Hau ab“-Rufen begrüßt. Schnellen Schrittes verschwinden sie im Gebäude, während sich auch Manuela Schwesig zum Treffen begibt.
Die Verhandlungen starten hinter verschlossenen Türen und werden bis zum Abend andauern. Dann sollen die Ergebnisse der Gespräche mitgeteilt werden. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig erwartet jedoch keine Standortentscheidung für ein geplantes Flüssigerdgas-Terminal, wie sie bereits im Vorfeld erklärte. Die Demonstranten geben den Politikern noch mit in die Verhandlungen: „Wir bleiben hier, LNG geht weg.“
Nach knapp zwei Stunden ist das Spektakel zu Ende. Manuela Schwesig und Robert Habeck bedanken sich für den „respektvollen Austausch“ und den „ruhigen, konstruktiven Stil“. Olaf Scholz betont seine Leidenschaft für die Insel als persönlichem Urlaubsziel. „Ich will hier auch künftig hier Urlaub machen“, sagt er und will damit die Angst nehmen, dass die Natur und Umwelt durch LNG zerstört würden.
Eine echte Lösung in der Standortfrage gibt es nicht. Der zweistündige Dialog sei ein erster Auftakt gewesen. „Es war sicher nicht das letzte Gespräch“, betont Habeck abschließend.
Sascha Müller-Kraenner von der Deutschen Umwelthilfe zeigt sich enttäuscht. Viele Fragen blieben seiner Meinung nach unbeantwortet. „Man hatte den Eindruck, dass sich die Bundesregierung auf den Standort Mukran schon festgelegt hat“, sagt er. Es sei der Beginn eines Dialoges, bei dem es aber keine Vorfestlegungen geben dürfe, betont er.
Während die letzten Worte vor der Pressewand verkündet werden, machen sich Olaf Scholz und Robert Habeck bereits auf den Rückweg in Richtung Berlin. Einige Demonstranten haben sich am Ausgang versammelt und pfeifen noch mal kräftig zum Abschied. Die Daumen zeigen in puncto LNG noch eindeutig nach unten.