Osnabrück  Lehrermangel? Gibt es nicht. Es fehlt etwas anderes

Burkhard Ewert
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Von Burkhard Ewert
| 21.04.2023 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Immer weniger Lehrer müssen immer mehr Schüler unterrichten? Was viele vermuten, scheint nicht so recht der Realität zu entsprechen. Foto: dpa/Marijan Murat
Immer weniger Lehrer müssen immer mehr Schüler unterrichten? Was viele vermuten, scheint nicht so recht der Realität zu entsprechen. Foto: dpa/Marijan Murat
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Wenn es um Probleme an Schulen geht, wird meist auf den Lehrermangel verwiesen. Ob das wirklich die richtige Annahme ist, ist jedoch zu bezweifeln.

Lehrer möchte ich nicht sein. Wer mit Kindern umgeht, an denen die eigenen Eltern scheitern, hat meinen vollen Respekt. Und wenn sie auch über lange Ferien und viel Freizeit verfügen, die sie in ihre Wohnmobile oder die Pferdehaltung stecken, so weiß ich doch von reichlich Lehrkräften, die ihren Beruf als ebenso bereichernd wie belastend erleben.

Eine andere Frage ist, ob es denn stimmt, dass der Lehrermangel so ungemein groß ist, wie allgemein behauptet. Ich habe in einigen Bundesländern mal nachgefragt – mit durchaus überraschenden Ergebnissen, wie ich fand.

Beispiel Niedersachsen: Rund 78.000 Lehrer kümmern sich an den allgemeinbildenden Schulen um rund 843.000 Schüler. Vor 20 Jahren waren es 68.500 Lehrer und rund 983.900 Schüler. Die Zahl der Schüler sank mithin um mehr als 10 Prozent, während die Zahl der Lehrkräfte um ein Siebtel stieg. 

Beispiel NRW: Nie zuvor gab es dort so viele Lehrer wie derzeit (181.000). Vor 20 Jahren waren es 20.000 weniger. Ist die Zahl der Schüler gestiegen? Im Gegenteil. Sie sank um 400.000 auf 1,9 Millionen. Auch hier kümmern sich immer mehr Lehrer um immer weniger Schüler.

Beispiel Schleswig-Holstein: An den allgemeinbildenden Schulen stieg die Zahl der Lehrer in den vergangenen 20 Jahren um 3000 auf 26.500. Die Zahl der Schüler sank im selben Zeitraum um 43.000 auf gut 292.000. Anders gesagt: 13 Prozent mehr Lehrer kümmern sich um 13 Prozent weniger Schüler. Auf jede Lehrkraft kommen 11 Schüler. Vor 20 Jahren waren es mehr als 14.

Noch ein Beispiel: Mecklenburg-Vorpommern. Wegen der Wende-Effekte sind die Schwankungen beträchtlich. Doch auch hier lässt sich festhalten, dass sich die Zahl der Schüler seit dem Ende der DDR etwa halbiert hat, während die Zahl der Lehrer nur um ein gutes Drittel sank.

Unter einem Lehrermangel hätte man sich eine gegenteilige Entwicklung vorgestellt, oder?

Nun gibt es einige Sondereffekte. Die Betreuung behinderter Kinder an Regelschulen wird genannt – wenngleich es so ist, dass im selben Zuge Förderschulen aufgelöst wurden und zusätzliche Sozialarbeiter und Pflegekräfte an die übrigen Schulen kamen.

Sprachunterricht ist ein weiteres Beispiel. Den gab es für Balkan-Flüchtlinge oder russlanddeutsche Kinder aber ebenfalls.

Mehr Schulen als früher bieten heute die ganztägige Betreuung an. Aber selbst die Lehrergewerkschaft GEW beziffert die dafür nötigen Stellen nur auf einen Bruchteil des Zuwachses, den es gegeben hat.  

Woran also liegt die Misere?

Manche Gesprächspartner verweisen auf die Teilzeit-Schwemme. In der Tat, die Zahl von Lehrkräften, die nicht voll arbeiten, steigt von Jahr zu Jahr. Doch ist zugleich die Zahl der Vollzeitstellen nicht gesunken, während die Schülerzahlen es sehr wohl taten. Auch jede Teilzeitkraft ist mithin eine Verstärkung im Unterschied zu früher, als es sie schlicht nicht gab.

Wen immer ich also frage, welche These ich auch prüfe, nichts erklärt zufriedenstellend, warum es immer mehr Lehrer gibt, aber augenscheinlich immer größere Probleme, den Unterricht umfassend zu gewährleisten.

Vielleicht weiß jemand von Ihnen, was da schief läuft. Mir fällt bis auf weiteres nur ein, dass es weniger an Lehrern als solchen zu fehlen scheint als an umfassender Einsatzbereitschaft, klarer Führung und entschlossener organisatorischer Steuerung. Die Erzählung vom großen Mangel jedenfalls trifft ebenso wenig zu wie dass es ein Problem mit der Bezahlung gäbe. Die ist jetzt bereits weltweit spitze, plus bevorzugte Gesundheitsvorsorge und Unkündbarkeit, attraktive Arbeitszeiten und Luxus-Pension. Was soll man da noch draufpacken?  

Wie gesagt: Lehrer haben keinen leichten Job. Wer meint, dass ihr Beruf so attraktiv ist, dem steht es zudem frei, ihn anzustreben statt neidisch zu schimpfen. Umgekehrt sollte man nicht auf jedes Klagelied der Lehrer hereinfallen. Es gibt keinen Mangel an Lehrkräften. Jedenfalls keinen größeren als anderswo, und außerdem keinen, der sich durch weitere politische Zuwendungen lindern ließe.

Diesen Eindruck zumindest habe ich gewonnen. Haben Sie andere Ideen? Lassen Sie sie mich wissen.

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