Kapazitätsengpässe Klinikum Leer – Verdi fordert „bedarfsgerechte Personalausstattung“
Das Klinikum Leer hatte am Montag wieder Kapazitätsengpässe bei der Patientenaufnahme. Warum werden seine Millionen-Gewinne nicht in zusätzliches Personal investiert? Verdi erhebt Forderungen.
Leer - Ostfriesische Krankenhäuser melden immer wieder Fachbereiche für die Patientenaufnahme ab, so dass die Rettungsdienste ihre Patienten weiter transportieren müssen. Über dieses Problem berichtet unsere Zeitung seit langem. Am 19. November 2021 teilte das Klinikum Leer dazu mit: „In der Regel erfolgt eine Abmeldung wegen voller Kapazitäten oder kurzfristig krankheitsbedingtem Personalausfall, nicht wegen generellem Personalmangel.“ Aber wo ist die Grenze zwischen „kurzfristig krankheitsbedingtem Personalausfall“ und „generellem Personalmangel“?
Im März soll es im Leeraner Klinikum personell besonders knapp zugegangen sein. Unsere Redaktion fragte am 30. März: „Gibt es derzeit oder gab es in den vergangenen zwei Wochen einen derart hohen Krankenstand beim Klinikums-Personal, dass die Schließung eines Bereichs oder einer Station erwogen wurde – das aber verworfen wurde, weil (zu) viele Patienten da waren?“ Die ausweichende Antwort des Klinikums war nur einen Satz lang: „Personalausfälle konnten weitestgehend kompensiert werden und es mussten keine Stationsschließungen vorgenommen werden.“
Welche Fachbereiche des Klinikums waren am Montag abgemeldet?
Welche Leistungsbereiche eine Klinik für die Patientenaufnahme abgemeldet hat, kann man in Niedersachsen im Ivena-Portal einsehen – im Internet. Aber jeweils nur für das aktuelle Zeitfenster, das sieben Stunden groß ist. Am Montag, 17. April, hat unsere Zeitung zwischen 18.15 und 18.30 Uhr wieder mal eine Stichprobe gemacht. Zu sehen war also der Zeitraum von kurz nach 14 Uhr bis kurz nach 21 Uhr.
Das Klinikum Leer hatte etliche rote Balken aufzuweisen – durchgehend. Das bedeutet, der jeweilige Fachbereich war über die sieben Stunden abgemeldet beziehungsweise die Abmeldung angekündigt. Das betraf die Allgemeine Innere Medizin, die Isolierstation und die Kardiologie (Herzmedizin) – sowie die internistische, kardiologische und die chirurgische Intensivstation, jeweils mit und ohne Beatmung. Rot waren all diese Bereiche bezüglich der „stationären Versorgung“ und der „Notfallversorgung“.
Millionen-Gewinne, die ins Klinik-Personal investiert werden könnten
Was selten passiert: Auch das „Herzkatheter“ war abgemeldet, mindestens von kurz nach 14 Uhr bis kurz nach 18 Uhr. Kenner des Krankenhauswesens sagen, dass die Herzkatheter-Messplätze praktisch immer betriebsbereit seien, da besonders profitabel. Das Klinikum teilte am 3. Dezember 2021 auf Anfrage mit: „Unsere Klinik für Kardiologie und Angiologie bietet eine 24-Stunden-Bereitschaft für Herzinfarktpatienten und verfügt über zwei moderne Linksherzkatheter-Messplätze. Das heißt, dass auch im Falle von Wartungsarbeiten oder Ausfällen ein Herzkatheter-Messplatz zur Verfügung steht.“
Das Klinikum Leer ist seit Jahren ein profitables Unternehmen. Mit dem Bilanzgewinn des Jahres 2021 – das ist der aktuellste veröffentlichte Jahresabschluss des Klinikums – wächst die Gewinnrücklage der gemeinnützigen GmbH im Eigentum des Landkreises Leer auf knapp 50 Millionen Euro an. Unsere Redaktion fragte bereits am 29. November 2021: „Warum wurden die Millionen-Gewinne des Klinikums Leer in den vergangenen Jahren nicht genutzt, um einen ausreichend großen Personal-Puffer für Belastungssituationen wie die aktuelle zu schaffen?“
Das Klinikum Leer hat im Jahr 2021 mehr Geld in Personal investiert
Das Klinikum erklärte: „Die Klinikum Leer gGmbH ist eine gemeinnützige Einrichtung, deren Erträge für gemeinnützige Zwecke verwendet werden. [...] Bei der gemeinnützigen Gesellschaftsform ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass die jährlichen Gewinne reinvestiert werden. Das heißt, dass unsere Gewinne dauerhaft in die Erhaltung des Hauses, in die Personalgewinnung und Ähnliches investiert werden.“ Und: „Auch wir sind, wie jedes Krankenhaus Deutschlands, aufgrund des Fachkräftemangels permanent auf der Suche nach Fachkräften.“
Im entsprechenden Jahresabschluss (2021), den das Klinikum jetzt veröffentlicht hat, steht: „Der Personalaufwand ist von 52,084 Millionen Euro in 2020 auf 56,287 Millionen Euro in 2021 um 8,1 Prozent gestiegen. Die Kostenerhöhungen sind durch Personalzuwächse (plus 30,6 Vollkräfte) und durch die tariflichen Lohnsteigerungen in Höhe von durchschnittlich 3,24 Prozent begründet.“
Gewerkschaft fordert „Maßnahmen zur Entlastung“ des Klinikum-Personals
Die Gewerkschaft Verdi ist im Aufsichtsrat des Klinikums Leer vertreten. Unsere Zeitung hat dort am 15. Februar 2022 erstmals angefragt: „Wie bewerten Sie es als Gewerkschaft, dass ein profitables Klinikum in öffentlicher Hand wie das Klinikum Leer seine Millionen-Gewinne nicht nutzt, um – die Diskussion um Stress und Bezahlung in der Pflege ist hinlänglich bekannt – ausreichend Personal anzustellen, um auch Krankheitsausfälle ausgleichen zu können?“
Die Antwort kam, nach mehreren Erinnerungen, ein gutes Jahr später, am 25. März 2023: „Verdi setzt sich seit Jahren für bedarfsgerechte Personalstandards und eine auskömmliche Finanzierung der Krankenhäuser ein. Erste Reformankündigungen der Bundesregierung sind ein Ergebnis dieser Bemühungen. In mittlerweile 23 Krankenhäusern bundesweit hat Verdi zudem Tarifverträge für Entlastung und mehr Personal durchgesetzt. Vor diesem Hintergrund fordern wir auch für das Klinikum Leer eine bedarfsgerechte Personalausstattung und Maßnahmen zur Entlastung.“
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