Osnabrück  „Trembling Time“: Die Medienkunst und der Wal aus der Vorzeit

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 18.04.2023 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Paläontologe Mark Bosselaers in der Installation „In the Belly of the City“ , zu der ein nahezu vollständiger Walschädel gehört. Foto: Swaantje Hehmann
Paläontologe Mark Bosselaers in der Installation „In the Belly of the City“ , zu der ein nahezu vollständiger Walschädel gehört. Foto: Swaantje Hehmann
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Gingkoblatt und Walknochen mitten im Digitalzeitalter: „Trembling Time“ ist die Ausstellung zum European Media Art Festival in Osnabrück. Was hat die Eiszeit mit den Krisen der Gegenwart zu tun?

Er hat nur noch eine Flosse. Und von seinem Rückgrat sind nur noch wenige Wirbel übrig. Aber der schlanke Schädel sieht immer noch beeindruckend aus. Der ganze Wal liegt in eleganter Kurve da, so als würde er gerade den Ozean durchstreifen. Dieses Tier kommt von sehr weit her, aus den unermesslichen Tiefen der Zeit. Liegt es drei oder vier Millionen Jahre zurück, als er auf Beutezug ging, dort, wo heute Antwerpen liegt? Einige tausend Jahre sind nichts auf dem Zifferblatt jener Uhr, die Erdzeitalter misst.

„Dieses Skelett ist aus drei oder vier Exemplaren dieser Walart zusammengesetzt“, erzählt Mark Bosselaers. Der belgische Naturforscher fand den Schädel des Wals aus dem Pliozän dort, wo in Antwerpen 2004 ein neues Gebäude der Universität errichtet wurde – sechs Meter unter Straßenniveau. Seitdem ist der Wal wieder unterwegs. Das Skelett soll nach den Worten Bosselaers in die Sammlung des Paläontologischen Museums in Brüssel aufgenommen werden.

Vorher macht der elegante Schwimmer in der Osnabrücker Kunsthalle Station. „Das Skelett gehört bislang zu meiner privaten Sammlung“, sagt Bosselaers zu dem Exponat, das in der Ausstellung zum European Media Art Festival 2023 wohl der Star sein wird. Künstlerin Eva van Tongeren hat ihm zwei Videomonitore beigegeben, die Bilder Antwerpens kontrastieren: Das Leben der quirligen Modestadt an der Schelde und jene geradezu unheimliche Ruhe, die von dem ausgeht, was sich unter Antwerpens City befindet – ein Millionen Jahre alter Walfriedhof.

Medienkunst ist schnell, sie ist vorn, vibriert vor Ungeduld, im flirrenden Takt der Bits und Bytes. Wirklich? Mit der Ausstellung zum European Media Art Festival 2023, zeigt die Medienkunst ein unerwartetes Gesicht. „Trembling Time“: Im Zeichen der vor Krisen erzitternden Zeit der Gegenwart schaltet Medienkunst in einen unheimlich ruhigen Takt der Zeit.

Geschwindigkeit, Fortschritt, Steigerung: Alles, was die Zeiterfahrung beschleunigte, ist einer jungen Künstlergeneration verdächtig geworden. Zeit fliegt nicht mehr wie ein Pfeil nach vorn, sie biegt und faltet sich zu Schlaufen in weite Parallelräume und tiefe Vergangenheiten. Junge Künstler erforschen Eisberge als Klimaarchive, betrachten den Gingko als lebendes Fossil – oder feiern den Wal, dessen Alter nach Millionen zählt.

Ist das schlicht der Ausbruch aus den Krisen der Gegenwart, die Flucht in das Pathos schwingender Ewigkeiten? In der endlosen Wüste der Zeit verzwergt der Mensch. Sein Handeln wird unwichtig – oder gerade dadurch sichtbar, dass dessen Spuren ewig aufgespeichert bleiben. In diesen Horizonten gewinnt das Wort Nachhaltigkeit eine neue, weil kritische Dimension. Clea T. Waite zeigt das mit „Ice-Time 360 °“, einem Videogemälde aus dem gar nicht mehr so ewigen Eis als Klimaarchiv von Jahrtausenden.

So sehr die Künstler von „Trembling Time“ den Zeitbegriff auf dehnen, so halten sie ihn doch frei von falscher Romantik. Imran Chenna arbeitet mit den wie geputzt aussehenden Landschaften von „Promised Land“ die zur Idylle verklärte koloniale Vergangenheit auf. Die Gruppe Freefilmers zeigt ukrainische Orte, die inzwischen im brutalen russischen Angriffskrieg zerstört sind. Clarissa Thieme und Nihad Kresevljakovic kombinieren auf drei Bildschirmen Filmmaterial aus dem 30 Jahre zurückliegenden bosnischen Bürgerkrieg.

So unterkühlt, weil kontrolliert diese Ästhetik auch wirken mag, so entfaltet sie doch entschiedene Fragen nach Handeln und Verantwortung, nach der langen Dauer jenes Leids, das Menschen einander antun können. Die elf Positionen der Ausstellung wirken gerade deshalb so eindringlich, weil die Künstler die aktuelle politische Agenda außer Acht lassen. Der Blick richtet sich auf Konsequenzen und ihre lange Dauer. Zu ihnen gehören vor allem jene Spuren, die das Industriezeitalter dem Planeten eingeschrieben hat.

Ob das Video, das den Gingko als Uralt-Pflanze feiert oder jene Installation, mit der Thomas Mader an einen Meteoriteneinschlag von 1492 erinnert – diese Kunstwerke rufen mit unfassbar langen Zeiträumen auch eine Vorstellung von Geschichte auf, die sich menschlicher Beeinflussung am Ende entzieht.

Die Hoffnung gilt einer Kunst, die auch dann noch sendet, wenn die Existenz ihrer Schöpfer nicht einmal mehr ferne Erinnerung sein wird. Paul Hauptmeier und Martin Recker haben die Spieldauer ihrer Klangskulptur „Decay“ auf 20402 Jahre berechnet. Der radioaktive Zerfallsprozess steuert Töne, die dann vielleicht durch neue Eiszeiten hallen.

„Trembling Time“: Die von Inga Seidler überlegt kuratierte Schau führt in eine Welt, die den Menschen noch nicht kannte oder ihn nicht mehr braucht – ganz nach Sichtweise. Die in Osnabrück versammelte Medienkunst mag in ihrer Glätte schön wirken. Sie entfaltet aber vor allem die Wirkung des Erhabenen: als ultimative Konfrontation mit Dimensionen, denen auch der technisch hochgerüstete Mensch nicht gewachsen ist.

Wie heißt es in Max Frischs Erzählung „Der Mensch erscheint im Holozän“? „Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen.“

Osnabrück, Kunsthalle: Trembling Time. Ausstellung zum 36. European Media Art Festival. Eröffnung: Mittwoch, 19. April 2023, 19:30 Uhr. Bis 29. Mai 2023. 20.-22. April, 11-22 Uhr, 23. April, 11-20 Uhr, 24. April-29. Mai: Di.-So., 11-18 Uhr.

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