Wirkung von Schockanrufen Warum jeder Opfer eines Telefonbetrugs werden kann
Hans K. aus Aurich hat einen betrügerischen Schockanruf erlebt. 35.000 Euro wollte die freundliche Frau von der Staatsanwaltschaft. „Es klang alles so echt“, sagt K.
Aurich - Ende Januar kam der Anruf. Noch heute erinnert sich der 84-jährige Hans K. aus Aurich ganz genau, wie es damals ablief. An die Geräuschkulisse im Hintergrund, als sich die Frau von der Staatsanwaltschaft meldete. Das schreckliche Weinen am Unfallort. Die Frau am Telefon erzählte in sehr gutem Deutsch von seiner Tochter, die diesen Unfall verursacht habe und deshalb ins Gefängnis gehen sollte. Ein Säugling sei dabei getötet worden. Einfach schrecklich: diese Geräusche, diese Angst. „Es klang alles so echt und war so überzeugend“, sagt K., der nicht mit Namen in der Zeitung genannt werden möchte.
Was und warum
Darum geht es: Ein Betroffener aus Aurich erzählt von einem kriminellen Schockanruf, der ihn auch nach Monaten nicht loslässt.
Vor allem interessant für: alle, denn in Stress und Panik ist jeder ein mögliches Opfer
Deshalb berichten wir: Hans K. hatte bei einem Anruf in der Redaktion von seinem Erlebnis berichtet. Auch wenn der Fall gut ausging, hat ihn der Betrugsversuch tief getroffen.
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Dann rückte die Frau am Telefon mit ihrem Anliegen heraus. 35.000 Euro Kaution müsse er für seine Tochter zahlen, um sie vor der Haft zu bewahren. Als K. sagte, er hätte nicht so viel Geld, forderte die Frau Schmuck und Gold. „Ich dachte damals erst einmal nur daran, wie man das denn umrechnen soll“, sagt K. – jetzt kann er darüber lachen. Damals war er bis ins Mark erschüttert von der Geschichte, die sich während des Anrufs vor seinem geistigen Auge abgespielt hatte. Erst nach und nach war er skeptisch geworden. Gold und Schmuck. Das war absurd. Er erzählte der Frau am Telefon, er sei bereits ausgeraubt worden und es sei nichts mehr da, dann legte er auf.
Die Alarmanlage im Kopf
Augenzeugenberichte wie der von Hans K. sind wertvoll für die Arbeit von Sabine Kahmann von der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund. „Wenn bei einer Informationsveranstaltung eine Person dabei ist, die von ihren Erfahrungen berichten kann, erreiche ich eine Gruppe viel besser“, sagt die Beauftragte für Kriminalprävention. Sie findet es wichtig, dass die Menschen aus erster Hand erfahren, wie leicht jeder zum Opfer werden kann. Erst dann würde vielen klar, wie wichtig es ist, sich systematisch zu schützen. Es geht um eine kleine Sirene im Kopf, die schrillt, wenn Fremde oder vermeintliche Verwandte Geld, Schmuck oder andere Wertgegenstände fordern.
„Wer vorbereitet ist, kann eher Abstand zu einer Situation gewinnen und sich wichtige Fragen stellen, die einen Betrug schnell entlarven“, sagt Kahmann. Auch bei Hans K. habe es deutliche Hinweise gegeben. Eine Kaution zum Beispiel gebe es in Deutschland nicht, Gold und Schmuck würden Staatsbedienstete ebenfalls nicht fordern. Im Stress eines Schockanrufs sei dieses Wissen nicht immer abrufbar. „Die Menschen müssen innerlich einen Schritt zurücktreten“, sagt Kahmann, „und sich aus der emotionalen Falle befreien.“ Das gelte immer, wenn über Whatsapp, SMS, Telefon oder auf anderen Wegen Geld oder Wertgegenstände gefordert werden.
Die Masche ändert sich
Unter dem Begriff Schockanruf finden Betrugsversuche wie der, den Hans K. erlebt hat, regelmäßig ihren Weg in die Zeitungen. Es gibt viele Betrugsmaschen, eine der gängigen ist der Enkeltrick. Trickbetrüger geben sich als Verwandte aus, übermitteln erst ihre neue Telefonnummer und fordern später Geld. „Die Motive ändern sich, die Geschichten auch“, sagt Kahmann. Ihr ist wichtig, dass sich die Menschen nicht auf ein bestimmtes Muster einstellen, sondern grundsätzlich skeptisch sind. Man solle nicht nur beim Anruf eines angeblichen Polizeibeamten oder einer Staatsanwältin hellhörig werden, auch als Steuerbeamte oder Energieversorger geben sich Täter aus.
Nicht immer gehen die Betrugsmaschen glimpflich aus wie bei Hans K. In manchen Fällen heben die Opfer Geld für die Übergabe an einen Boten ab oder überweisen es. Kahmann hat deshalb die Banken ins Boot geholt. Die erhielten einen Fragebogen, der die Bankmitarbeiter auf eine mögliche Betrugsmasche hinweisen soll. Fünf Fragen stehen drauf. Werden zwei mit „ja“ beantwortet, sollten beim Schaltermitarbeiter die Alarmglocken angehen. „Sollen Sie das Geld noch heute übergeben?“, „Haben Sie den Geldbetrag abgehoben, weil Sie angerufen worden sind?“ oder „Hat Ihnen der Anrufer verboten, über den Zweck der Abhebung zu sprechen?“ wird zum Beispiel abgefragt.
Der Schock sitzt tief
Nach fast drei Monaten ist der Schockanruf bei Hans K. noch immer präsent. Auch die Bilder, die der in seinem Kopf erzeugt hat. Warum, fragt der 84-Jährige sich noch heute, habe er nicht früher geschaltet? Warum war er nicht schlagfertiger? Warum hat er so spät aufgelegt und sich so hilflos gefühlt? „Die Anrufer sind extrem gut geschult“, sagt Kahmann: Es sei schwer, sich davon nicht mitreißen zu lassen. „Gerade, weil es emotional sehr in die Tiefe geht“, sagt die Präventionsbeauftragte und erklärt: „Man ist in dem Moment wie in einem anderen Film“.
Niemand sollte sich deshalb schlecht fühlen, weil er auf einen Schockanruf hereingefallen ist oder nicht gleich geschaltet hat. „Die Täter sind hochprofessionell und sitzen meist in eigens dafür eingerichteten Call-Centern“, sagt Kahmann. „Sie wissen genau, was sie sagen müssen, um die Opfer bei der Stange zu halten und glaubhaft zu klingen.“ Es gebe zusätzlich viele Tricks, um noch glaubwürdiger zu wirken: Die Nummer 110 vor der angezeigten Telefonnummer, auch die Nummer einer regionalen Polizeidienststelle vorzuschalten sei möglich.
Erfasst wird nur der Enkeltrick
Wie hoch die Aufklärungsquote dieser Betrugsmaschen ist, dazu kann das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen keine Aussage machen. Einzeln erfasst werden solche Taten nicht. Lediglich die Fallzahlen für den Enkeltrick werden seit 2013 erhoben. Demnach erbeuteten Betrüger auf diese Weise im vergangenen Jahr in 150 Taten allein in Niedersachsen 1,5 Millionen Euro. Fallzahlen und Schadenssummen seien allerdings nur Richtwerte, heißt es weiter. Wichtig für die Aufklärung sei, eine Tat bei der Polizei schnell anzuzeigen. Je schneller die Ermittlungen aufgenommen werden, desto höher seien die Chancen, die Täter zu identifizieren. Die arbeiten in der Regel weltweit, handeln oft nicht allein und sind gut vernetzt. Mehr Informationen gibt das LKA aus ermittlungstaktischen Gründen nicht heraus.
Gerade wenn die Angerufenen auf die Masche hereingefallen sind, sei die Scham meist sehr groß, sagt Sabine Kahmann. „In manchen Fällen ist zum Beispiel ein großer Teil des Erbes weg“, so Kahmann. Sich jemandem anzuvertrauen, falle den Betroffenen deshalb oft schwer, sei aber wichtig, um das Geschehene zu verarbeiten. „Ich schätze, dass die Dunkelziffer der erfolgreichen Taten sehr groß ist“, sagt sie und rät: Wer einen Anruf bekommen hat, soll ihn auf jeden Fall der Polizei melden, auch wenn der Betrug erkannt wurde. Auch sie persönlich freut sich über jeden Anrufer, der einen enttarnten Betrug meldet. Sabine Kahmann: „Das zeigt mir, dass die Aufklärungsarbeit auf einem guten Weg ist.“