Berlin Der Klimawandel soll schuld sein, wenn junge Männer in Berliner Schwimmbädern randalieren
Deuten öffentlich-rechtliche Medien mit abenteuerlichen Methoden die Realität um, weil sie Gewalt durch Menschen mit Migrationshintergrund nicht wahrhaben wollen? Ein Beitrag über Gewalt in Schwimmbädern legt das nahe.
Noch sind die Schwimmbäder leer, die Liegewiesen verwaist und die ersten Hitzetage eine ferne Ahnung. In manchen Medien herrscht jedoch bereits Alarmstimmung. „Extreme Hitze macht aggressiv“, lautete kürzlich eine Schlagzeile in der Wissenschaftssendung „Planet Wissen“ der ARD. Die Rechnung „sonnige Wärme gleich gute Laune“, so ist dort zu erfahren, gehe nicht auf. Vielmehr führten der Klimawandel und die zunehmende Hitze zu einer Verrohung der Gesellschaft.
Um diese These zu bestätigen, zitiert die ARD zwei Wissenschafter, unter ihnen der Umweltpsychologe Professor Gerhard Reese, jugendlich aussehend, mit Bärtchen und lockigem langen Haar. Er steht mit Hoodie und Schal vor einem winterlichen Teich und erklärt: Hitze führe nicht nur zur unangenehmen „Wahrnehmung, dass ich triefe wie ein Schwein“. Es gebe auch Studien aus den USA, die nahelegten, dass die Mordrate mit jedem Grad Fahrenheit steige. „Mehr Gewalt und sogar Morde“, sagt die ARD-Stimme aus dem Off, und sie nennt Beispiele: Die Randale in den Freibädern von Berlin und Düsseldorf. „Dichtgedrängte Badegäste gerieten in Streit, die Lage drohte zu eskalieren. Die Bäder mussten teilweise geschlossen werden.“
Die „Planet Wissen“-Sendung hat in anderen Medien für Spott gesorgt, die Urteile reichten von „kurios“ bis „völliger Quatsch“. Tatsächlich ist der Beitrag ein Beispiel für die Tendenz in den Medien, die Realität nach eigenem Gusto umzudeuten. Dabei geht es nicht um Fehler, die überall passieren können, sondern um bewusste oder unbewusste Irreführung des Publikums.
Anders als dies linke Kommentatoren gerne suggerieren, wird diese Realitätsumdeutungs-Maschinerie nicht nur von rechten Medien wie Fox News betrieben, die wider besseres Wissen behaupten, Donald Trump sei Opfer einer Wahlfälschung. Gerade bei kontroversen Themen wie Klima, Migration oder Corona scheint die Versuchung auch in etablierten Medien latent zu sein, die Realität einem bestimmten Weltbild anzupassen und falsche Zusammenhänge herzustellen. Der zur Ausgewogenheit verpflichtete öffentlichrechtliche Rundfunk fällt in dieser Hinsicht nicht mit Zurückhaltung auf.
So ist es reichlich gewagt, die Randale in den Schwimmbädern mit dem Klimawandel zu erklären. Denn die Gewalt geht massgeblich von Gruppen junger Männer aus, die nicht klimabedingt in Streit „geraten“, sondern temperaturunabhängig Streit suchen. Dies, indem sie, wie es die „Süddeutsche Zeitung“ einmal ausdrückte, „die Anweisungen des Bäderpersonals ignorierten, rumpöbelten oder sonst wie für Ärger sorgten“.
Studien, wonach mehr Hitze zu mehr Gewalt, Mord und Totschlag führt, existieren zwar. Allerdings sind sie umstritten. Die Frage, weshalb sich die Leute im sonnigen Spanien und Italien gemäss Statistiken weniger gegenseitig nach dem Leben trachten als im kühlen Norwegen oder im regnerischen Grossbritannien, können sie jedenfalls nicht beantworten. Bei der ARD wird sie gar nicht erst gestellt.
Die Zuschauer erfahren auch nicht, dass das Phänomen eher mit wenig integrationswilligen Zuwanderern zusammenhängen dürfte als mit dem von der ARD beschworenen „Hot-long-summer-Effekt“. Dies zumindest legen Videoaufnahmen und Aussagen von Bademeistern, Polizisten und Politikerinnen nahe. Bei den Randalen in Düsseldorf war von Tätern mit „nordafrikanischem Migrationshintergrund“ die Rede. Was Berlin betrifft, erklärte die deutsche Innenministerin Nancy Faeser im letzten Sommer, es gehe „ganz offensichtlich um Gewalt aus migrantischen Milieus“. Der Psychologe Ahmad Mansour sprach von einem „Ausdruck gescheiterter Integration“.
Schiebt man die Ursachen der Gewalt wie „Planet Wissen“ auf den Klimawandel, braucht man nicht über Integration und Integrationsbereitschaft zu reden, sondern einzig über Maßnahmen gegen den Klimawandel.
Wieweit diese Ablenkungsmanöver politisch motiviert sind, wissen nur die Verantwortlichen selber. Es kann auch Zufall sein, dass die ARD mit Professor Gerhard Reese einen Kronzeugen gewählt hat, der sich auf Twitter an der FDP abarbeitet, zur Wahl von „klimafreundlichen“ Parteien aufruft und für die sofortige Abschaltung der Atomkraftwerke plädiert hat. Zu wundern brauchen sich die Verantwortlichen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks jedoch nicht, wenn ihnen von bürgerlicher und rechter Seite vorgeworfen wird, sie betrieben Aktivismus zugunsten der Grünen.
Deren Exponenten dürfen sich nicht nur über wohlwollende Berichte freuen, sie werden vom öffentlichrechtlichen Rundfunk auch bei der Dämonisierung der Atomkraft unterstützt. So hat die ZDF-Redaktion wiederholt Bilder von AKW manipuliert, indem sie den Dampf über den Kühltürmen dunkel einfärbte. Erklärt wurde dies mit gestalterischen Gründen, man habe die weisse Schrift über dem Beitrag besser sichtbar machen wollen.
Am 13. Januar, als der von den Grünen forcierte deutsche Atomausstieg noch nicht definitiv war, erinnerte die „Tagesschau“ an die Fukushima-Katastrophe. „Es war das schlimmste Atomunglück seit der Tschernobyl-Katastrophe von 1986“, so hieß es in dem Beitrag, „etwa 18 500 Menschen kamen ums Leben.“ Mit diesem Nebensatz wird ein direkter Zusammenhang hergestellt, den es so nicht gab. Die meisten Menschen starben wegen des Erdbebens und der Flutwelle, nicht an den Folgen der Kernschmelze.
Die Mär von den Tausenden Strahlenopfern wird auch von anderen Medien immer wieder verbreitet. In der Schweiz etwa vom „Blick“, der dieses Jahr von einem „Atom-Gau“ mit 20.000 Toten schrieb. Besonders beliebt ist sie bei grünen Politikerinnen und Politikern. So nutzte Annalena Baerbock den zehnten Jahrestag der Katastrophe, um Deutschlands Ausstieg aus der „Hochrisikotechnologie Atomkraft“ zu fordern. Claudia Roth sprach einst von einer „Atom-Katastrophe“, die 16.000 Tote gefordert habe. Der „Fehler“, so versicherte Roth nach Kritik, sei „unbeabsichtigt“ gewesen. Die „Tagesschau“, die für den gleichen Fehler schon einmal kritisiert worden ist, hat den Nebensatz mit den 18.500 Toten ersatzlos von ihrer Website gestrichen, ohne Hinweis auf die Korrektur.
Ersatzlos gestrichen worden ist im öffentlichrechtlichen Rundfunk auch ein Satz, mit dem die Zuschauer im letzten Jahr in die Irre geführt wurden, als in Schweden vornehmlich muslimische Männer und Jugendliche ihre Aggressionen an Polizisten, Rettungsleuten und öffentlichen Einrichtungen ausliessen. Vorwand für die Gewalt waren Kundgebungen eines Rechtsextremisten, der mit Koran-Verbrennungen provoziert. Die Polizei stufte die Randale der Migranten als Angriff auf den Rechtsstaat und die Demokratie ein, der mit den Rechtsextremen wenig zu tun hatte. Das ZDF suggerierte dagegen in einem Nachrichtentext, es hätten Rechte randaliert – mit Titeln wie „Ausschreitungen bei rechten Demos in Schweden“ oder „Rechte Demos: Ausschreitungen in Schweden“.
Mittlerweile ist der Titel auf „Ausschreitungen in Schweden“ verkürzt worden. Über die Täter erfährt man nichts, im Text ist bloß von Demonstranten die Rede und dass „es“ zu Gewalt gekommen sei. Die Gewalt ist in Schweden inzwischen derart eskaliert, dass sie kaum noch geleugnet werden kann. Wie im Fall der Schwimmbad-Randale suchen manche Journalisten die Schuld überall, nur nicht bei den Tätern.
Ursache der „grassierenden Bandengewalt“, so erklärte der Schweden-Korrespondent des Schweizer Radios und Fernsehens (SRF) kürzlich, sei nicht etwa die angeblich unkontrollierte Einwanderung, sondern die schwedische Siedlungspolitik der 1960er und 1970er Jahre: Die Betonsiedlungen „bergen heute viel soziale Sprengkraft“. In der Realität dürfte die verfehlte Wohnungspolitik ein Faktor für die eskalierende Gewalt sein, aber kaum der entscheidende – wie auch der Klimawandel nicht erklären kann, weshalb junge Männer in Berliner Schwimmbädern randalieren.
„Sind die Vorfälle in den Freibädern nur Einzelfälle?“, so wird in der ARD-Sendung „Planet Wissen“ gefragt, „oder müssen wir uns in Zusammenhang mit dem Klimawandel und den steigenden Temperaturen auf mehr Aggressionen einstellen?“ Die Antwort wird demnach davon abhängen, wie heiß der Sommer wird. Im letzten Jahr gab es laut „Planet Wissen“ elf Tage mit Temperaturen von über 30 Grad in Deutschland.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.