Schwerin Springer hatte das Ende ostdeutscher Propaganda-Assistenten selbst in der Hand
Jüngst enthüllte Chatverläufe aus dem engsten Springer-Führungskreis legen eine verächtliche Sichtweise des Vorstandschefs Mathias Döpfner auf „die Ostdeutschen“ nahe. Dabei hätte es in der Macht des mächtigen Konzerns gelegen, zumindest der ostdeutschen Medienlandschaft eine andere Richtung zu geben.
Die von der Wochenzeitung „Die Zeit“ enthüllte flapsige Führungkommunikation der Springer-Oberen ist ein Armutszeugnis insbesondere für einen Medienkonzern, der sich immer als Bollwerk gegen kommunistische Propaganda verstand.
Zur Erinnerung: Springer-Blätter hatten bis 1989 die DDR grundsätzlich in Gänsefüßchen gesetzt, weil sie „weder deutsch noch demokratisch noch eine Republik“ sei. Ab 2. August, also wenige Wochen vor der Revolution, als der Exodus von DDR-Bürgern über Ungarn und die Botschaften in Prag und Warschau schon seinen Lauf nahm, hörte Springer überraschend damit auf.
Döpfner selbst bekannte 2019 in der „Welt am Sonntag“, die Abschaffung der „Tüttelchen“ sei ein „historischer Fehler und eine opportunistische Peinlichkeit in der Geschichte des Hauses Axel Springer“. Denn es war ein Kotau vor der DDR-Obrigkeit, um endlich wieder eigene Korrespondenten in der DDR akkreditiert zu bekommen. So ist es in der unternehmenseigenen Chronik nachzulesen.
Dieses Pharisäertum setzte sich allerdings nach dem Mauerfall fort: Bei der Privatisierung der ostdeutschen Presselandschaft verschenkte auch der Springerkonzern die historische Chance einer Demokratisierung. Die von der SED dominierte Zeitungslandschaft wies immerhin mit den wesentlich kleineren Blockparteizeitungen noch eine Nebenstruktur auf und mit zahlreichen Neugründungen aus der Revolutionszeit echte neue, freiheitliche publizistische Alternativen. Einer Umfrage des DDR-Nachrichtendienstes ADN zufolge gab es Anfang Februar 1990 bereits 16 Neuerscheinungen in der DDR, vier mit Unterstützung westdeutscher Investoren. Von basisdemokratischen Bürgergruppen, Parteien oder lokalen Bürgerinitiativen gegründet, gab es bis Juli 1990 rund 100 solcher Neugründungen.
Das offiziell zwischen den deutschen Regierungen ausgehandelte medienpolitische Ziel waren eigenständige DDR-Medien, die ihre eigenen Reformprozesse begleiten sollten. Passiert ist dagegen eine brutale Landnahme, bei der es laut einer Analyse für die Bundeszentrale für politische Bildung schlicht um schnöden Mammon und die Ausweitung des Marktgebiets für westdeutsche Verlage ging.
Das Ergebnis war, kurz gesagt, dass vier große Verlagsgruppen, darunter Springer, sich die DDR-Bezirkszeitungen aufteilten, über die Treuhandanstalt Ostverlage erwarben, kleinere zunächst zusammenlegten oder gleich schlossen. Übrig blieben just jene einstigen „Propaganda-Schleudern der SED“, die Springer so lange pathetisch bekämpft hatte. Ein Treppenwitz der deutsch-deutschen Einigungsgeschichte. Hätte Springer seinerzeit die aufgekauften Parteizeitungen samt und sonders plattgemacht und stattdessen kraftvoll in bürgerbewegte oder alternative Neugründungen investiert, hätte Mathias Döpfner 30 Jahre später womöglich nicht über „Propaganda-Assistenten” klagen müssen. Schon Brecht wusste: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.