Osnabrück  Interview mit der obersten deutschen Protestantin: Wie soll man in Kriegszeiten Ostern feiern?

Burkhard Ewert, Stefanie Witte
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Von Burkhard Ewert, Stefanie Witte
| 08.04.2023 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus spricht im Interview über den Krieg Russlands in der Ukraine, ihre Vorgängerin und begründet, warum sie in diesem Jahr nicht an Ostermärschen teilnehmen will. Foto: dpa
Die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus spricht im Interview über den Krieg Russlands in der Ukraine, ihre Vorgängerin und begründet, warum sie in diesem Jahr nicht an Ostermärschen teilnehmen will. Foto: dpa
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Ostern als Hasenfest, eine Vorgängerin, die einen gänzlich anderen Ukraine-Kurs vertritt, und irritierende Haltungen der katholischen Nachbarn: Die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus hätte viele Gründe, an Ostern verstimmt zu sein. Bei all diesen Themen bleibt die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen jedoch klar und optimistisch.

Den Urlaub nehmen viele gerne mit, an den christlichen Kern des Osterfestes glauben jedoch immer weniger Menschen. Die EKD-Ratsvorsitzende sieht das gelassen. Im Interview erklärt sie, warum es nicht in erster Linie auf Zahlen ankommt, warum es gar nicht so schlecht ist, dass Weihnachten als großes Geschenkefest gilt, und was protestantische Friedensethik für den Ukrainekrieg bedeutet.

Frage: Frau Kurschus, wie frustrierend ist es für Sie als Theologin, dass viele Deutsche Ostern eher als Hasen-Eier-Frühlingsfest sehen und das Christliche in den Hintergrund tritt?

Antwort: Da bin ich gelassen. Ich kann verstehen, dass Menschen solche Bräuche und allerlei Beiwerk brauchen, um Feste zu feiern. Für mich ist das ein Ansporn mehr, die biblischen Ostergeschichten zu erzählen und von daher Brücken zu diesen Bräuchen zu bauen. Über die Ostereier als Symbol des Lebens zum Beispiel lassen sich gute Zugänge finden.

Frage: An Weihnachten gibt es Geschenke, an Ostern nur Süßigkeiten – wie sollen Kinder nachvollziehen, dass Ostern eigentlich das wichtigere Fest ist?

Antwort: Vielleicht liegt darin auch eine Chance. Die Geschenke überlagern ja vieles. Zu Ostern spielen sie keine so große Rolle. Da dringen unsere Erzählungen womöglich leichter durch. Gerade die Geschichten der Passionszeit faszinieren schon Kinder, weil sie so nah am Leben sind. Da ist Petrus, der seinen Freund verleugnet, weil es ihm zu brenzlig wird. Da ist Judas, der den Freund verrät und ausliefert, vielleicht aus Geltungssucht, vielleicht nur des Geldes wegen. In all diesen Figuren kann man ein Stück von sich selbst wiederfinden. Das ist die große Stärke der österlichen Geschichten, mit all ihrem Unglauben, ihrem Schrecken und ihrer Furcht und schließlich ihrer Freude.

Frage: Damit diese Geschichten jemanden erreichen, muss derjenige einen grundsätzlichen Zugang haben. Welche Bedeutung kann Ostern in einer Gesellschaft haben, in der immer weniger Menschen gläubig sind?

Antwort: Da muss ich widersprechen. Im Konfirmandenunterricht kann man erleben, dass die Jugendlichen gerade die Erzählungen über Verleugnung, Verrat, Gefangennahme, Prozess, Verurteilung, Hinrichtung und Todesangst eines Unschuldigen bisweilen richtig spannend finden. Wenn ich auf die Literatur und die Filme der Gegenwart sehe, dann beschäftigen sich auch moderne Menschen offenbar mit der Frage, was jenseits des Todes kommt und welche Macht in unserem Leben die stärkere ist: Hass oder Liebe. Meine erste Frage lautet aber nicht, wie wir möglichst viele Leute erreichen können. Mich beschäftigt viel mehr, ob wir selbst leuchten und etwas von dem ausstrahlen, was uns erfüllt und Hoffnung gibt. Das wird andere interessieren und berühren, da bin ich gewiss.

Frage: Sie haben mal gesagt, dass man beim Lesen der Bibel verstehen muss, was der Verfasser eines Textes gemeint hat, dass man Inhalte auf heutige und persönliche Lebensumstände übertragen muss. Wie lassen sich die Überlieferungen zu Ostern in unserer heutigen Zeit erschließen?

Antwort: Die Passions- und Ostergeschichte ist ein großes Stück Literatur. Da verdichten Menschen ihre Glaubenserfahrung, besonders die, dass da kein Gott ist, der in Unglück und Not von oben eingreift und rettet. Diese Geschichte ist gezeichnet von Gewalt, von Krieg, von Macht und schwachen Personen, die nicht weiter wissen. Wir hören von Menschen, die einem Messias zujubeln, in den sie alle ihre Hoffnungen gesetzt haben. Und als er ihren Erwartungen eines starken Mannes nicht entspricht, verhöhnen sie ihn und nageln ihn ans Kreuz. Viele dieser Dynamiken erleben wir heute auch. Darüber hinaus zeigen diese Geschichten, wie wir selbst schlimmstes Leid überwinden können. In diesem Fall wird ein Unschuldiger im Namen des Rechts hingerichtet. Doch die Geschichte ist da eben nicht zu Ende. Die Botschaft zu Ostern ist: Das wird nicht das letzte Wort bleiben. Gott setzt das Recht der Geschundenen durch.

Frage: Die Osterbotschaft wird in diesem Jahr erneut vom Krieg Russlands gegen die Ukraine überschattet. Was bedeutet das für Sie?

Antwort: Die Osterbotschaft vom Sieg des Lebens gehört genau dorthin, wo der Tod täglich seine Triumphe feiert. Die Kriegstreiber werden nicht das letzte Wort behalten, das ist meine tiefe österliche Gewissheit. Weil Gott ein Gott des Lebens ist, setzt er auch uns auf diese Spur.

Frage: Sie sprechen von der Macht des Todes. Getötet wird mit Waffen. Sie haben kurz vor Weihnachten gesagt, auch Waffenlieferungen könnten als Nächstenliebe verstanden werden. Verstehen Sie, dass eine solche Bibelauslegung manchen Gläubigen und auch anderen Bürger verstört?

Antwort: Sie beziehen sich auf eine Überschrift, die meine Aussage verkürzt wiedergegeben und damit völlig entstellt hat. Von Jesus lerne ich, dass Gewalt keine Lösung ist und dass Waffen nicht zum Frieden führen. Von Jesus lerne ich auch, dass ich dem Menschen, der unter Verbrecher gerät, die Nächste sein und ihm helfen soll. Nun ist es das eine, wenn ich für mich persönlich ganz und gar auf Gewalt verzichte, auch um den Preis des eigenen Lebens, und es ist ein ganz anderes, die Rufe der mit Raketen beschossenen Ukrainer nach militärischer Nothilfe damit zu beantworten, man sei prinzipiell gegen Gewalt. Klar ist: Jede Waffe, die zur Verteidigung hilft, kann auch töten. Hier gibt es keine schnellen Antworten, auch in der Spur Jesu nicht. Niemand hat die Wahrheit gepachtet und kann zweifelsfrei sagen, was das Richtige ist. Deswegen ringen wir in unserer Kirche um christlich verantwortbare Positionen. Ich halte das für angemessen.

Frage: Die Organisatoren der Ostermärsche rufen dezidiert zum Waffenstillstand auf und dazu, keine Waffen zu liefern. Inwieweit schließen Sie sich da an?

Antwort: Der Ruf nach Verhandlungen darf zu keinem Zeitpunkt als naiv abgetan werden, da bin ich sehr entschieden. Menschen, die zu Ostern für den Frieden auf die Straße gehen, wollen keinen Krieg gewinnen, sondern den Frieden. Dieses Ziel kann ich nur unterstützen. Ohne Gespräche, ohne Verhandlungen kann kein Friede werden. Es müssen allerdings Verhandlungen „auf Augenhöhe“ sein. Und solche Verhandlungen lassen sich nur mühsam herbeiverhandeln.

Frage: Gehen Sie bei den Ostermärschen mit?

Antwort: Ich habe eine andere Art, meine Sehnsucht nach Frieden auf die Straße zu bringen. Ich feiere Gottesdienste und werde Gott meine Klagen und Bitten und Hoffnungen ans Herz legen. Dass Menschen sich zu Ostermärschen aufmachen und für den Frieden demonstrieren, unterstütze ich. Der laute Ruf nach Frieden darf nicht verstummen! Mir ist bewusst, dass sich da auch Leute einmischen, die so etwas für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen – Rechtspopulisten, Extremisten. Ich erwarte von den Veranstaltern, dass sie den Demokratiefeinden kein Podium bieten, ihnen kein Rederecht geben und reagieren, wenn sie zum Beispiel Flaggen mit einem Z sehen sollten.

Frage: Sie haben Ihre Position beschrieben. Ihre Vorgängerin, Margot Käßmann, hat den Appell von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer unterschrieben. Manche wünschen sich einen eindeutigeren Kompass von der EKD. Können Sie das nachvollziehen?

Antwort: Es gehörte immer zum Selbstverständnis der Protestanten, anderen nicht sagen zu wollen, was falsch und richtig ist. Wir sind keine Agentur christlicher Werte. Angeblich christliche Werte kann man ausnutzen und anderen um die Ohren hauen. Dasselbe gilt für aus dem Zusammenhang gerissene Bibelzitate. Das ist nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe ist, in der Spur Jesu zu bleiben. Das ist in den seltensten Fällen so eindeutig, dass sich daraus ganz klare Handlungsanweisungen ableiten lassen. Mit Handlungsrezepten können wir nicht dienen, wenn wir redlich bleiben wollen. „Was würde Jesus dazu sagen?“ Diese Frage stelle ich mir täglich mehrfach. Klare Kriterien gibt Jesus uns an die Hand: Es geht immer darum, dem Leben zu dienen und Leben zu schützen. Es geht um klare Parteinahme für die Ausgegrenzten und Untergebutterten. Es geht um eine deutliche Stimme für die Schwachen und Stummen, die keine Lobby in unserer Gesellschaft haben. Aus dieser grundsätzlichen Orientierung kommen Christen zu unterschiedlichen praktischen Folgerungen.

Frage: Der ukrainische Präsident Selenskyj lässt in diesen Tagen das Höhlenkloster in Kiew räumen, weil ihm die orthodoxen Mönche zu prorussisch sind. Lässt es eine EKD-Ratsvorsitzende kalt, wenn ein Staat mit Gewalt gegen eine christliche Einrichtung vorgeht?

Antwort: Ich kann und mag mir hier kein Urteil anmaßen. Innerhalb der orthodoxen Kirchen in der Ukraine wie in Russland gibt es die unterschiedlichsten Stimmen. Längst nicht alle unterstützen das Moskauer Patriarchat.

Frage: Der Papst ruft kontinuierlich beide Seiten zu Friedensverhandlungen auf und enthält sich eindeutiger Verurteilungen. Sehen Sie sich da mit einer Stimme sprechen?

Antwort: Für mich ist ganz klar, dass es in diesem Krieg einen Täter gibt. Da kann man Täter und Opfer nicht verwechseln. Ich bin mir sicher, dass auch der Papst das nicht tut. Es handelt sich um einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Ich betone, dass auch in Russland längst nicht alle Menschen diesen Krieg unterstützen. Und auch in russischen Familien entsteht Leid durch diesen Krieg. Aber diejenigen, die diesen Krieg angezettelt haben, stehen für mich klar auf der Täterseite.

Frage: Apropos Papst: Die katholische Kirche in Deutschland scheint zunehmend mehr Gemeinsamkeiten mit der EKD zu haben als mit dem Vatikan. Bahnt sich da eine neue Nähe an, die irgendwann über die gemeinsame Nutzung von Kirchen hinausgeht?

Antwort: In der Tat sind wir spätestens seit dem Reformationsjubiläumjahr 2017, das wir in vielen Teilen als ein gemeinsames Christus-Fest gefeiert haben – einschließlich des Erinnerns an die Schmerzpunkte, die es in der Geschichte unseres Miteinanders gibt – noch bewusster gemeinsam unterwegs. Wir sind erfreulich offen miteinander im Gespräch, teilen manche Sorge um unsere Kirchen und sind uns der gemeinsamen Verantwortung als Christen in der immer komplexer werdenden Welt bewusst. Da wachsen Nähe und Vertrauen. Was müssen wir tun, wenn wir unserem gemeinsamen kirchlichen Auftrag auch in Zukunft treu bleiben wollen? Dieser Auftrag heißt: Die versöhnende Liebe Gottes unter die Leute zu bringen. In einigen Punkten sind wir weiterhin unterschiedlich. Mir leuchtet nicht ein und es schmerzt mich regelrecht, dass die katholische Kirche keine Frauen zu Priesterinnen weiht. Ich nehme wahr, dass die katholische Kirche keine wirkliche Partizipation in der Leitung praktiziert. Auch auf dem Weg zu einer gegenseitigen Einladung zum Abendmahl sind wir noch nicht eins.

Frage: Sie sagen „noch”?

Antwort: Wer weiß.

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