Osnabrück Rücktritt wegen Missbrauchsfällen: Welche Fehler hat Bischof Bode gemacht?
Bei der Verkündung seines Rücktritts spricht der ehemalige Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode von persönlichen Fehlern im Umgang mit Fällen von sexualisierter Gewalt. Doch was bedeutet das konkret? Ein Blick auf drei Fallbeispiele aus der Missbrauchsstudie.
„Ich bekenne mich ausdrücklich zu meiner Verantwortung wie zu meinen persönlichen Fehlern und kann heute nur alle Betroffenen erneut um Verzeihung bitten!“ Mit fester Stimme spricht Franz-Josef Bode die Worte aus. Er blickt in die Kamera, zwischendurch auf den Zettel in seinen Händen.
Das Bistum Osnabrück veröffentlichte diese Videobotschaft, in der Bode seinen Rücktritt bekannt gab, am Samstagmittag vor zwei Wochen. Danach zog sich der emeritierte Bischof aus der Öffentlichkeit zurück, ist seitdem für Medienanfragen nicht mehr zu erreichen.
Bodes Rolle bei den Missbrauchsfällen im Bistum mag zwar nicht der alleinige Grund für diesen Schritt gewesen sein. Der 72-Jährige spricht auch von seiner angeschlagenen Gesundheit. Dennoch ist der Zusammenhang zu der Missbrauchsstudie der Uni Osnabrück und dem im September veröffentlichten Zwischenbericht nicht von der Hand zu weisen.
In der auf drei Jahre angelegten Studie untersuchen Historiker und Juristen Fälle sexualisierter Gewalt durch Kleriker im Bistum Osnabrück – von 1945 bis heute. In dem 600-seitigen Zwischenbericht befassen sie sich insbesondere mit der Bistumsleitung. Anhand von 16 untersuchten Fällen attestieren die Forscher den Verantwortlichen zahlreiche Pflichtverletzungen im Umgang mit Tätern und Betroffenen. 16 Fälle – die meisten davon fallen in Bodes Amtszeit.
Als Diözesanbischof stand Bode an der Spitze des Bistums. Somit hatte er – den Wissenschaftlern zufolge – „eine individuelle Verantwortung“, wenn es um den Umgang mit sexueller Gewalt und beschuldigten Priestern ging. Welche Fehler hat er während seiner Amtszeit gemacht? Und welche Schuld hat er dadurch auf sich geladen? Anhand von drei Fallbeispielen aus der Studie lassen sich einige Fehlentscheidungen exemplarisch aufzeigen.
In den 1990er Jahren erfuhren Mitarbeiter der Bistumsleitung von Gerüchten über Pfarrer E. S.* Der Geistliche soll Jugendliche in seiner Gemeinde sexuell missbrauchen. Der Beschuldigte stritt die Vorwürfe zunächst ab, gab aber zu, eine pädophile Neigung zu haben. Im Jahr 1997 versetzte Bischof Bode S. in den Ruhestand und trug ihm auf, fortan nur noch in der Altenseelsorge tätig zu werden. Wie aus dem Zwischenbericht hervorgeht, wurde in den folgenden Jahren jedoch nicht kontrolliert, ob S. diese Vorgabe auch einhielt. Die Bewertung der Wissenschaftler macht deutlich: Die Pensionierung war keine angemessene Maßnahme zum Schutz vor weiteren Übergriffen.
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Drei Jahre später ernannte Bode den Beschuldigten dann sogar persönlich zum Subsidiar, also zum Hilfspfarrer. Dadurch erhielt S. weitreichende seelsorgerische Aufgaben – auch in der Jugendarbeit. Im Gutachten heißt es dazu: „E. S. konnte dies als Akt der Rehabilitation verstehen.“ Das Vorgehen widersprach demnach den „ohnehin begrenzten Schutz- und Sanktionierungsmaßnahmen“.
Auch im Fall S. B. traf der Bischof dem Zwischenbericht zufolge eine problematische Entscheidung. Obwohl eine Betroffene ihm im Jahr 2002 persönlich von sexuellen Übergriffen des Pfarrers berichtet hatte, betraute Bode den Beschuldigten noch im gleichen Jahr mit einer Leitungsfunktion in der Jugendarbeit. Die Wissenschaftler der Uni Osnabrück befinden, dadurch seien weitere Taten nicht verhindert, sondern “sogar eher befördert worden”. Erst knapp zwei Jahrzehnte später erkannte die Bistumsverwaltung, dass Bode die Lage falsch eingeschätzt hatte.
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Der Beschuldigte S. B. wurde im Jahr 2020 in den Ruhestand versetzt – 18 Jahre nach Bekanntwerden der Vorwürfe. Auch Pfarrer S. W. blieb lange Zeit weiter im Amt, obwohl es immer wieder zu sexuellen Übergriffen kam. Die Bistumsleitung schickte ihn in eine Auszeit, versetzte ihn in eine andere Gemeinde. Laut Bistumsakten zeigte sich Bischof Bode „sehr enttäuscht“, dass es dennoch nach nur zwei Jahren erneut zu „schwerwiegenden Fällen“ kam. W. begab sich in eine Klinik, wurde danach in eine Osnabrücker Stadtgemeinde versetzt. Erst 2022, nach Veröffentlichung des Zwischenberichts, schickte der Bischof ihn in den Ruhestand.
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Die Forscher der Uni Osnabrück verstehen das grundsätzliche Verhalten der Bistumsleitung unter dem Ziel, Vorfälle geheim zu halten. Beschuldigungen sollten nicht bekannt werden, weder in den betroffenen Gemeinden noch in den Medien. Die Pensionierung von Pfarrer E. S. wurde beispielsweise mit seinem Gesundheitszustand begründet. Nur der damalige Pfarrer der Gemeinde, in die S. im Ruhestand zog, wurde über die wahren Hintergründe informiert und zur Verschwiegenheit verpflichtet. Die Wissenschaftler sprechen von „Verschleierungsabsichten“.
Der Schutz der Kirche, des Bistums, sogar der Täter selbst sei den Verantwortlichen somit wichtiger gewesen, als die Bedürfnisse und Interessen der Betroffenen. Die Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von einem „Führungsversagen an der Spitze des Bistums“. Bode selbst habe seine „herausragende Geste“ aus dem Jahr 2010, als er sich auf den Boden des Doms legte und um Verzeihung bat, nicht eingelöst.
In seiner Rücktrittserklärung zeigt sich Bode selbstkritisch. Er habe „lange Zeit eher die Täter und die Institution als die Betroffenen im Blick gehabt“. Er habe „Fälle falsch eingeschätzt, häufig zögerlich gehandelt und manche falsche Entscheidung getroffen“. Dadurch sei er seiner Verantwortung als Bischof nicht gerecht geworden. Der Zwischenbericht habe ihm das „noch einmal deutlich vor Augen geführt.“
* Es handelt sich nicht um die echten Initialen der Täter. In der Studie wurden willkürliche Initialen gewählt, um die Betroffenen zu anonymisieren.