Osnabrück  Pablo Picasso: Jahrhundertkünstler zwischen Magie, Mythos und MeToo

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 08.04.2023 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Suchbild Pablo Picasso: Eine Frau geht 2014 im Deutschen Fotomuseum in Markkleeberg (Sachsen) an einem Porträtbild von Pablo Picasso (1954) von Arnold Newman vorüber. Foto: dpa-Zentralbild
Suchbild Pablo Picasso: Eine Frau geht 2014 im Deutschen Fotomuseum in Markkleeberg (Sachsen) an einem Porträtbild von Pablo Picasso (1954) von Arnold Newman vorüber. Foto: dpa-Zentralbild
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Er strahlt wie eine Sonne, die alles versengt, aber niemanden wärmt: Pablo Picasso. Jahrhundertgenie oder MeToo-Problem? Zum 50. Todestag des Künstlers am 8. April 2023 stellen sich drängende Fragen.

Jahrhundertgenie, Überkünstler oder schlicht Planet: Wer über Pablo Picasso spricht, kommt um Superlative nicht herum. Er gilt als der Künstler mit dem weltweit bekanntesten Namen überhaupt. Mit „Guernica“ malte er 1937 den Klassiker aller Antikriegsbilder. Picasso ist der Superstar. Aber er sagte auch einen Satz wie diesen: „Für mich gibt es nur zwei Arten von Frauen: Göttinnen und Fußabtreter“. Wer aus der Perspektive von MeToo auf Picasso blickt, schaut auf die destruktiven Seiten des Genies.

Picasso und die Frauen: Sieben Frauen teilten offiziell sein Leben. Zwei von ihnen, Marie-Thérèse Walter und Jacqueline Roque, nahmen sich das Leben, zwei wurden depressiv. Nur die heute 101 Jahre alte Francoise Gilot sagte sich von Picasso aus eigener Kraft los – unvorstellbar für den 1881 geborenen südspanischen Macho. Gilot publizierte 1965 das Buch „Leben mit Picasso“, bis heute ein Bestseller. Maler und Modell, der Minotaurus und die nackte Frau: Gerade Picassos berühmteste Bildmotive, früher als Symbole lustvoller Vitalität gelesen, verstören heute mit ihrer Gewalttätigkeit.

Was darf ein Genie? Picasso und MeToo: Was darf der Künstler als Ausnahmefigur? „Ich suche nicht, ich finde“: Pablo Picasso gilt bis heute als Inbegriff des Genies. Jedes Bild ein Glücksgriff, jeder Lebensmoment ein erfüllter Augenblick: Pablo Picassos Existenz schien nur aus Sonnentagen zu bestehen. Zugleich war er ein Verwandlungskünstler mit enormem Verbrauch. Kunststile, Bildthemen, Menschen – Picasso sog alles und alle in sich auf, machte alles zu Kunst. Das Genie als Modellfall göttlicher Allmacht: Picasso verkörpert das idealtypisch. Im 21. Jahrhundert, das in Netzwerk und Nachhaltigkeit denkt, ist dieses Rollenmodell fragwürdig geworden.

Wie aktuell ist Picasso? Das Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster richtet Picasso zum 50. Todestag ganz klassisch eine „Hommage“ aus. Das Pariser Picasso-Museum hingegen drapiert seine Meisterwerke auf einem Streifendesign des Designers Paul Smith. Die gegensätzlichen Ausstellungskonzepte verraten einen bezeichnenden Widerstreit. Es bleibt unklar, ob sich Pablo Picasso heute noch von selbst versteht. „Picasso ist auch weiterhin ein Triple-A-Künstler“, fasst Markus Müller, Direktor des Museums in Münster, Picassos anhaltende Bedeutung knapp zusammen. Doch Fragen bleiben.

Drei Argumente für Picasso: Ob man nun Picassos Bildern mit poppigem Design aufgeholfen werden muss oder die Figur des Künstlers nachträglich in MeToo-Skandalen zu versinken scheint – gerade Pablo Picasso ist als Person und Werk zu komplex, um einfach abgewählt werden zu können. 50 Jahre nach seinem Tod ist die Hitze seiner Kunst-Corrida abgekühlt. Picasso bleibt gleichwohl ein Gigant, der viel zu vital ist, um einfach nur als Monument angestaunt werden zu können. Drei Punkte sprechen für Picassos fortdauernde Wirkung im 21. Jahrhundert:

Pablo Picasso, der Kreative: Kreativität strahlt als Leitwährung der Internet-Ära. Pablo Picasso hat sie vor dem digitalen Zeitalter vorgelebt – als Spiel einer pausenlosen und rasanten Aneignung. Picasso ist ein Genie des Kombinierens und Vernetzens. Der Bogen seines Lebenswerkes spannt sich von der Erfindung des Kubismus bis zu Variationen über Velázquez auf, er überwölbt Surrealismus und neue Gegenständlichkeit, umgreift von Eisenplastik bis Keramik unfassbar viele Materialien. In Picassos Kunst geht die Sonne der Innovation niemals unter. Soviel Erneuerung überwältigt, weil sie Erfindung als unendliche Kette von Aufbrüchen inszeniert. Ein Mann als personifizierter Algorithmus des Neuen. Unglaublich, bis heute.  

Pablo Picasso, der Mitleidende: Ja, er konnte hart und berechnend sein. Er musste es vielleicht, um so erfolgreich sein zu können. Pablo Picasso war extrem, seine Werke sind es noch. Zugleich durchlebte Picasso als Künstler stellvertretend die Leiden seiner Epoche der Diktaturen und Weltkriege. Das gilt nicht nur für „Guernica“, das siebeneinhalb auf dreieinhalb Meter große Monument einer weiterhin aktuellen Mahnung. Auch die deformierten Leiber und zerspaltenen Gesichter seiner Frauenporträts sind, im Gegensatz zur MeToo-Lesart, gerade als stille Passion, als tätiges Mitleiden zu verstehen. Picassos Menschen sind verletzlich, aber stark in ihrem Glücksverlangen. Das macht seine Kunst so nahbar.

Pablo Picasso, der Unendliche: Wie umgehen mit der Endlichkeit? Die Konsumgesellschaft hat auf diese Frage keine Antwort. Pablo Picasso gibt sie – mit einer Kunst, die das Leben nicht nur weitet, sondern ihm auch unerschrocken in das bisweilen hässliche Antlitz schaut. Pablo Picasso malt nicht nur mediterrane Lebensfreuden, sondern auch vom Alter zerfurchte Selbstporträts. Zu seinem Kosmos gehören die fragilen Gaukler der blauen und rosa Periode kurz nach 1900 ebenso wie Fotos, die den alten Picasso tanzend in seinem Atelier zeigen. Seine Kunst feiert ein Leben, das den Tod immer auf der Rechnung hat. Eine starke Geste. Deshalb gilt zu Picassos 50. Todestag: Die Größe seiner Kunst liegt in ihrer Kraft zur Wiedergeburt.

Pablo Picasso - der Lesetipp: Margrit Bernard (Hrsg): Picasso. Frauen seines Lebens. Eine Hommage. Hirmer Verlag. 192 Seiten. 34,90 Euro.

Pablo Picasso - der Museumstipp: Münster: Kunstmuseum Pablo Picasso. Di.-So., 10-18 Uhr.

Pablo Picasso - der Doku-Tipp: Arte: Das Wunder Picasso.

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