Kinderbetreuung in Leer „Benachteiligte Kinder fallen hinten runter“
Der Landkreis Leer kann auch im kommenden Jahr den Bedarf an Kindergartenplätzen nicht annähernd stillen. Das wäre schon schlimm genug. Jetzt gibt es noch heftige Kritik am Vergabesystem.
Leer - Nach dem Bericht dieser Zeitung über ein Paar, das einen Kindergartenplatz für seine dreieinhalbjährige Tochter Hanna zur Not auch gerichtlich einklagen will, haben sich weitere Eltern bei der Redaktion gemeldet. Ihr Vorwurf: Das Vergabesystem für die Kindergartenplätze sei undurchsichtig und benachteilige systematisch Kinder, die es eh schon schwer haben, sich einen Platz in der Gesellschaft zu erobern.
Was und warum
Darum geht es: Das Vergabesystem für die Kindergärten im Landkreis Leer wird von vielen Eltern kritisiert, weil es einen Teil der Kinder systematisch benachteilige.
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Deshalb berichten wir: Nach einem ersten Bericht zu diesem Thema haben sich weitere Eltern bei der Redaktion gemeldet. Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de
Zwei Töchter hat Sarah Röhlinger. Sie sind heute dreieinhalb und anderthalb Jahre alt. „Ich habe für jedes meiner Kinder zwei Jahre Erziehungsurlaub genommen, weil ich diese Zeit bewusst miterleben wollte“, sagt sie. Mit ihrem Arbeitgeber sei abgesprochen, dass sie im Herbst wieder einsteigt. Nach jetzigem Stand wird daraus nichts. Sie hat ab August weder einen Krippenplatz für die Jüngere noch einen Kindergartenplatz für die Ältere, die bisher in den Container-Kindergarten Hummelnest in der Breslauer Straße geht. Der wird aber im Juli geschlossen, Ersatz gibt es derzeit nicht. „Mein Mann und ich haben hier kein familiäres Netzwerk, auf das wir zurückgreifen könnten.“
Hoffen auf weitere Eltern, die klagen
Vom Landkreis höre sie, dass auch im Juni noch Plätze frei werden könnten, wenn Eltern von sogenannten Flex-Kindern entschieden, ihre Kinder in die Schule zu geben, statt sie ein weiteres Jahr im Kindergarten zu lassen. „Aber wir müssen als Familie ja auch irgendwann planen und können nicht bis zum letzten Moment abwarten und hoffen“, sagt Sarah Röhlinger. Wie die Mutter von Hanna erwägt sie mit ihrem Mann, gegen den Landkreis zu klagen. Sie hofft, dass das noch weitere betroffene Eltern tun. „Ich denke, es wird sich nur etwas ändern, wenn es deutlich mehr als nur ein oder zwei Klagen und Beschwerden beim Landkreis gibt.“
Ändern müsse sich aus ihrer Sicht auf jeden Fall etwas: „Dass es dieses große Defizit an Plätzen gibt, lässt sich wohl so schnell nicht ändern. Aber dass die vorhandenen Plätze völlig willkürlich verteilt werden, ist nicht in Ordnung.“ Die Einrichtungen können nach Auskunft des Landkreises die Kriterien selber festlegen, nach denen sie die Kinder auswählen, die sie aufnehmen. Einzige Bedingung: Sie dürfen nicht diskriminierend sein.
Vorgehen der Einrichtungen ist nachvollziehbar, aber fatal
Es sei völlig nachvollziehbar, dass die Einrichtungen in erster Linie Kinder aussuchten, die am besten in das bestehende Gefüge passten, sagt Röhlinger. Für Kinder, bei denen ein größerer Aufwand zu erwarten ist, beispielsweise, weil sie noch kein Deutsch können, sei das aber verheerend. Sie seien beinahe chancenlos und müssten in ihre Schullaufbahn mit einem Rückstand starten. „Benachteiligte Kinder fallen hinten runter. Mein Mann und ich kennen uns mit den deutschen Institutionen aus, können uns informieren und wehren. Andere Familien können das nicht“, sagt Röhlinger.
Eine solche Familie betreuen Sina Bauer und ihr Mann aus Rhauderfehn seit einem guten Jahr: Ein junges Paar, das mit seinen beiden kleinen Söhnen (drei und sechs Jahre alt) im März 2022 aus der Ukraine nach Leer geflohen ist. Die beiden Kinder landeten vor einem Jahr nur auf der Warteliste für einen Kindergartenplatz. Das gleiche Schicksal droht ihnen nun wieder. Sie haben bisher nur Absagen bekommen.
Verzweifelte Familie aus der Ukraine
„Die Familie ist verzweifelt“, sagt Sina Bauer. Der Vater sei wegen seiner Arbeit immer wieder über zwei Wochen weg, die Mutter könne weder arbeiten noch Sprachkurse machen, weil sie sich um die Kinder kümmern müsse. Und die Kinder hätten keine Chance, mit Gleichaltrigen umzugehen und pädagogisch gefördert zu werden. „So landen sie dann in den Grundschulen, die ja auch mit Personalmangel zu kämpfen haben und das natürlich nicht auffangen können.“
Dabei habe diese ukrainische Familie noch Glück, weil sie Menschen habe, die ihnen zur Seite stehen, den Kontakt mit den Ämtern und Einrichtungen suchen und ihre Interessen vertreten, sagt Bauer. „Ich möchte nicht wissen, wie viele Familien da auf sich selbst gestellt sind und schon vor dem normalen Bewerbungsverfahren scheitern. Das Vergabesystem des Landkreises Leer ist aus integrationspolitischer Sicht ein Affront für die, die keine Lobby, kein Geld für Anwälte und vielleicht auch keinen rechten Durchblick über den deutschen Verwaltungsdschungel haben.“ Die Kindergartenplätze müssten nach vom Landkreis vorgegebenen, nachvollziehbaren und transparenten Kriterien vergeben werden, fordern Sarah Röhlinger und Sina Bauer.
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