Osnabrück  Die Künstlerin der Kreativität: Julia Draganovic im Porträt

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 06.04.2023 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Direktorin der Villa Massimo: die Kuratorin Julia Draganovic Foto: dpa
Direktorin der Villa Massimo: die Kuratorin Julia Draganovic Foto: dpa
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Zauberreich der Kunst oder Plattform für Kreative? Die Villa Massimo steht am Scheideweg. Julia Draganovic führt die Deutsche Akademie Rom in eine neue Zukunft. Die Direktorin im Porträt.

Langsam öffnet sich das eiserne Tor. Leise quietscht es in den Angeln. Sacht knirscht der Kies unter den Schritten. Hier drinnen verebbt der Lärm des Verkehrs. Zwischen Zypressen führt der Weg immer tiefer in die Stille. Die Villa Massimo wirkt wie ein Zauberreich, mitten im quirligen Rom. Brunnengeplätscher und Bienengesumm, ein leiser Windhauch zwischen Pinien und Zitronenbäumchen – in diesem Park steht die Zeit, scheinbar.

Julia Draganovic holt den Besucher schnell in die Gegenwart zurück. „Wir wollen gute Gastgeber sein, Freiraum schaffen für die Arbeit der Stipendiaten“, sagt die Frau, die mit ihrem brünetten Haar und dem lässig über die Schulter gelegten Tuch italienisches Flair verströmt. Seit 2019 ist sie allerdings mehr als nur Gastgeberin. Als Direktorin der Villa Massimo, Aushängeschild deutscher Kunstförderung im Ausland, repräsentiert sie die Bundesrepublik. Kulturstaatsministerin Claudia Roth ist ihre Chefin.

Wie schafft man eine Situation, in der Künstler optimal arbeiten können, kurz, wie organisiert man Kreativität? Die Aufgabe, der sich die ausgewiesene Kuratorin Julia Draganovic stellt, könnte kaum anspruchsvoller sein. „Die eine Kreativität gibt es gar nicht, es gibt viele Arten von Kreativität“, rückt sie den Maßstab zurecht. In jedem September empfängt sie Schriftstellerinnen und Architekten, Malerinnen und Komponisten. Sie beziehen die zehn Ateliers, die wie ein Riegel der Villa selbst gegenüberliegen. Julia Draganovic versteht sich als Gastgeberin. Sie kümmert sich, hilft, vermittelt.

Pendeldiplomatie ist ihr Job. Sie arbeitet sich durch Verwaltungsakte, um im nächsten Moment in einem der Ateliers mit einer Künstlerin über ihre Arbeit zu sprechen. Die Stipendiaten sind handverlesen. Zehn Monate in der Villa Massimo – das ist der Ritterschlag. Hier arbeiten keine Newcomer, sondern Könner, die Erfolge vorzuweisen haben. „Uns geht es um Exzellenz“, bezeichnet Draganovic die Niveaustufe.

Wer da erfolgreich sein will, muss selbst exzellent sein. Julia Draganovic zeigt, wie das geht. Zum Beispiel mit einem Gespür für Maßstäbe, mit dem Mut, behutsam, aber klar neue Wege zu gehen, mit der Lust an Diskussion und Debatte. Ruhepol? Fels in der Brandung? Julia Draganovic folgt keinem statischen Rollenkonzept. Sie ist die Bewegerin im Beziehungsnetz, niemals laut, immer eindringlich – als Künstlerin der kreativen Situationen.

So erklärt sich auch, dass die Kuratorin, die bis 2019 die Kunsthalle Osnabrück leitete, nicht nur Künstler zu vernetzen hilft, sondern auch die Villa Massimo selbst in neue Beziehungen zu setzen. Hohe Mauern grenzen das Anwesen ab. Während draußen auf der vierspurigen Via Aprile XXI der Verkehr rollt, herrscht im Park der Villa Massimo eine Ruhe, als wäre die Zeit seit der Antike stehengeblieben. Julia Draganovic wagt den Spagat, lädt Musiker aus dem Berliner Club Berghain zum Konzert, bittet Nachbarn zu Festen, öffnet das Zauberreich der Villa Massimo für Roms quirlige Kunstszene. Zugleich sorgt sie aber auch dafür, dass Stipendiaten Ruhe und Konzentration finden.

„Ich möchte eine Atmosphäre der Offenheit erzeugen, Platz für Gedankenexperimente schaffen“, beschreibt Draganovic ihr Ziel. Dafür nimmt sie auch an der Geschichte der Villa Massimo Maß. Die 1913 gegründete Deutsche Akademie Rom Villa Massimo, so ihr offizieller Name, verdankt sich einer Stiftung. Der jüdische Unternehmer und Kunstmäzen Eduard Arnhold stiftete den Musensitz mit eigenem Parkgelände.

Die Liste der ehemaligen Stipendiaten liest sich wie ein Who´s who der Kulturprominenz vom Maler Anselm Kiefer bis zur Schriftstellerin Eva Menasse. 1932 waren sogar der spätere Nazi-Bildhauer Arno Breker und der von den Nationalsozialisten 1944 in Auschwitz ermordete Maler Felix Nussbaum gleichzeitig in der Villa. Roms Superlativ: Nirgends sonst auf der Welt gibt es eine vergleichbare Dichte nationaler Akademien. Die Villa Massimo ist nur eine von 23. Ein Topwert!

Julia Draganovic erinnert vor allem an Elisabeth Wolken, vor ihr einzige Frau an der Spitze der Institution. „Sie hat das Europafestival geschaffen“, sagt Draganovic über Wolken, die bis 1993 amtierte. Julia Draganovic nimmt den Impuls auf und geht raus – zum Beispiel mit Präsentationen der Stipendiaten zuletzt auf Schloss Neuhardenberg bei Berlin und in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Herausragen, aber nicht die Bodenhaftung verlieren: Wenn Julia Draganovic sich erden will, nimmt sie den verschwiegenen Hinterausgang der Villa Massimo. Ein paar Schritte und sie taucht ein in das römische Leben. Auf der Via Aprile XXI steuert sie eine Bar an, in der man sie kennt. Beim Aperitif erzählt sie von dem Gefühl, wie es ist, eine Kulturbotschafterin Deutschlands zu sein.

„Ich möchte zeigen, wie wir mit Kultur das Zusammenleben mit anderen gestalten können“, sagt sie und verweist darauf, dass Stipendiaten heute in ihrer Herkunft sehr divers sind. Unter den nächsten Stipendiaten werden Menschen sein, die in Israel geboren sind oder in Syrien, die russische oder isländische Vorfahren haben. Deutschlands Gesellschaft wandelt sich. In der Künstlergemeinde der Villa Massimo soll sich das spiegeln.

Später geht Julia Draganovic wieder zu ihrer Villa zurück. Wer dieses Haus leitet, wählt die Symbiose. Eine Privatwohnung auf dem Gelände zu beziehen, bedeutet, am Ende kaum ein Privatleben zu haben. Trotzdem: Auf dem Weg zwischen den Zypressen und unter Pinien sagt Julia Draganovic versonnen: „Die Villa Massimo wird für mich gerade immer schöner“.

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