Umstrittenes Miethaus in Leer  Leben zwischen Schimmel, Lagerhallen, Bahngleisen und Stadtring

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 05.04.2023 18:57 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Mietshaus (vorne) im Gewerbegebiet – derzeit wird unter anderem geprüft, ob das hier in der Straße Zwischen den Bahnen überhaupt erlaubt ist. Foto: Ortgies
Ein Mietshaus (vorne) im Gewerbegebiet – derzeit wird unter anderem geprüft, ob das hier in der Straße Zwischen den Bahnen überhaupt erlaubt ist. Foto: Ortgies
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Es gibt sicher ein besseres Wohnumfeld als zwischen zwei Bahnlinien und dem vielbefahrenen Stadtring in Leer. Das Mietshaus, um das es geht, hat aber noch andere Probleme.

Leer - „Wer diese Wohnung bewohnen will, braucht starke Nerven und einen guten Rechtsanwalt“, heißt es in einer Anzeige beim Portal Ebay-Kleinanzeigen. Der Rentner Werner Fogel sucht dort einen Nachmieter für seine Wohnung in der Straße Zwischen den Bahnen. „Zwei große Wohnzimmerfenster aus den 70er Jahren sind undicht, sodass das Wasser in Strömen ins Wohnzimmer läuft“, heißt es in der Anzeige weiter. Die Rede ist außerdem unter anderem von einer „vergammelten Toilette aus den 60er Jahren“ oder von Strom-, Gas- und Wasserzählern, die in verschiedenen Wohnungen untergebracht seien, zu denen der Mieter aber keinen Zugang habe.

Was und warum

Darum geht es: In einem Haus in einem Gewerbegebiet wohnen fünf Parteien unter zum Teil schlimmen Bedingungen. Dabei ist zweifelhaft, ob hier überhaupt Mietwohnungen stehen dürfen.

Vor allem interessant für: Vermieter, alle, die in Leer eine günstige Wohnung suchen

Deshalb berichten wir: Uns ist eine Wohnungsanzeige im Internet aufgefallen, die auf die Zustände in dem Mietshaus hinweist.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de

So will der Rentner tatsächlich einen Nachmieter finden? Schnell wird klar: Ihm geht es eher darum, auf die Situation aufmerksam zu machen. Beim Besuch der Redaktion deutet er auf eine Stelle in der Küche, wo in seiner Wohnung das Wasser immer wieder vom Fenster die Wand hinunterläuft und sich die Tapete löst. Er zeigt ein Video, dass zeigt, wie sich bei Regen ein stetiges Rinnsal den Weg über die Fensterbank ins Innere bahnt. Fogel präsentiert sein Badezimmer: Neben einer verdreckten Toilette steht schon eine neue. „Aber die baue ich nicht ein, ich weiß ja gar nicht, wie lange ich hier noch wohnen kann.“

In einem Gewerbegebiet darf kein Mietshaus stehen

Und damit kommt er zum eigentlichen Problem: Das Haus, zwischen zwei Bahnlinien und dem Stadtring gelegen, steht in einem Gewerbegebiet. Damit dürfte dort nach heutigem Recht allenfalls eine Geschäftsführerwohnung eingerichtet werden, aber kein Mietshaus mit fünf Parteien.

Weil regelmäßig Wasser die Wand hinunterläuft, löst sich die Tapete in der Küche von Werner Fogel. Foto: Ortgies
Weil regelmäßig Wasser die Wand hinunterläuft, löst sich die Tapete in der Küche von Werner Fogel. Foto: Ortgies

In diesem Fall sei die Situation aber ein bisschen komplizierter, sagt Stadtsprecher Edgar Behrendt. Das Wohnhaus sei an dieser Stelle vor dem Jahr 1937 genehmigt worden, „später wurde ein Bebauungsplan auf diesem Gebiet geschaffen und es wurde zum Gewerbegebiet“. Der Eigentümer habe mittlerweile einen Bauantrag gestellt. Zum Inhalt sagte Behrendt nichts. Es ist aber davon auszugehen, dass der Eigentümer damit die rechtliche Grundlage schaffen will, damit auch unter den heutigen gesetzlichen Vorgaben dort Wohnungen vermietet werden dürfen. Das Prüfverfahren laufe, so der Stadtsprecher.

Stadtverwaltung hat Wohnungen in Augenschein genommen

Die Wohnungen in dem Gebäude, beziehungsweise deren Zustand, hätten die Stadtverwaltung auch schon unabhängig von Rechtmäßigkeit des Gebäudes beschäftigt, bestätigt Behrendt. Es habe Hinweise gegeben, dass der Zustand der Mietwohnungen nicht akzeptabel sei. Die Stadt hat auf Wunsch der Politik extra eine Stelle geschaffen, deren Inhaber den so genannten Grauen Wohnungsmarkt bekämpfen soll: Heruntergekommene Wohnungen werden an Menschen vermietet, die auf dem normalen Wohnungsmarkt kaum eine Chance haben. Die Miete übernimmt dabei nicht selten das Amt. Der Mitarbeiter habe sich die Wohnungen angeschaut, so Behrendt.

In der Wohnung von Farid Zarifi gibt es an fast allen Wänden Schimmel, besonders gut ist das in der Küche zu erkennen. Foto: Ortgies
In der Wohnung von Farid Zarifi gibt es an fast allen Wänden Schimmel, besonders gut ist das in der Küche zu erkennen. Foto: Ortgies

Eine der fünf Wohnungen des Gebäudes bewohnt der 29-jährige Afghane Farid Zarifi mit seiner Frau und zwei autistischen Kindern im Alter von vier und fünf Jahren. „Überall Schimmel“, sagt er und zeigt von Wand zu Wand. An einigen Stellen habe der Vermieter einfach nur übergestrichen, an anderen eine Platte davor genagelt. In den Räumen hängt ein drückender Geruch von Fäkalien. „Das kommt aus der Nachbarwohnung, da drückten die Abwässer immer wieder aus den Leitungen in die Wohnung“, erzählt Zarifi.

Laufendes Verfahren

Doppelverglaste Fenster sind gesprungen und haben damit ihre geräuschabschirmende Wirkung gegen den Verkehr auf den beiden Bahnstrecken und dem Stadtring verloren. Seine Wohnung zahlt der 29-Jährige selber, er hat Arbeit. Weil er auf Anraten seines Rechtsbeistandes die Miete gemindert hat, habe ihm der Vermieter gekündigt. „Ich würde so gerne ausziehen, aber wir finden keine Wohnung“, sagt er. Ein kleines Apartment würde ihm und seiner Familie reichen.

Auch was den Zustand der Wohnungen angehe, laufe ein Verfahren, sagt Behrendt: „Wir sind dran.“ Er sagt aber auch, dass man sofort eingegriffen hätte, wenn die Zustände inakzeptabel gewesen wären. Der Vermieter wollte mit der Redaktion nicht sprechen.

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