Hamburg  Warum sind syrische Ärzte im deutschen Gesundheitssystem so erfolgreich?

Marie Busse
|
Von Marie Busse
| 05.04.2023 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Im deutschen Gesundheitssystem fehlen Ärzte. Mediziner aus dem Ausland können die Lücke nur bedingt füllen. Foto: imago images/Zoonar
Im deutschen Gesundheitssystem fehlen Ärzte. Mediziner aus dem Ausland können die Lücke nur bedingt füllen. Foto: imago images/Zoonar
Artikel teilen:

Ohne ausländische Ärzte stünde das deutsche Gesundheitssystem vor dem Kollaps. Syrische Mediziner stellen die größte Gruppe an Medizinern mit Migrationsgeschichte. Yasser Kaiyas ist einer von ihnen. Er berichtet vom Weg zur eigenen Praxis, von bürokratischen Hürden und dem Umgang mit deutschen Patienten.

Yasser Kaiyas’ erster Kontakt mit dem deutschen Gesundheitssystem war auf Facebook: In einer Gruppe tauschten sich Mediziner und Studenten über die Arbeit als Arzt aus. Das war im Jahr 2012 und der 34-Jährige stand vor seinem Abschluss. „Damals gab es in Syrien unter Medizinern einen regelrechten Trend, nach Deutschland zu gehen“, sagt Kaiyas. Der Ärztemangel in Deutschland sei bekannt gewesen und das Gesundheitssystem eine attraktive Möglichkeit für die syrischen Mediziner, sich weiterzubilden.

Auch für Kaiyas klang das verlockend: Neben medizinischen Inhalten büffelte er in Aleppo Deutsch. Nach seinem Abschluss beantragte der Syrer ein Visum und reiste 2014 nach Deutschland. Und dann hieß es warten.

Denn wer aus einem sogenannten Drittstaat - einem Land außerhalb der EU - einreist, braucht eine Approbation oder eine Berufserlaubnis. 

Um die zu erhalten, sind Tests nötig: Dazu zählen eine Fachsprachprüfung und eine Kenntnisprüfung. Sie sollen nachweisen, dass die Kenntnisse mit deutschen Ärzten vergleichbar sind. Approbationsbehörden in den jeweiligen Bundesländern prüfen die Mediziner. Eine bundesweite Regelung gibt es nicht. 

Wie viele andere überbrückt Kaiyas die Wartezeit mit Hospitationen. „Das war sehr frustrierend, weil ich nicht selbstständig arbeiten konnte”, sagt er. Nach einem Jahr und einem Monat hält er seine Approbation in den Händen. „2015 ging es meiner Erfahrung noch deutlich schneller als heute“, sagt der 34-Jährige. Eine Gesetzesänderung belegt diese Einschätzung: Seit 2016 wird die Gleichwertigkeit der Berufe umfangreicher geprüft. Es kann mehrere Monate bis Jahre dauern, bis eine Berufserlaubnis beziehungsweise die Approbation erteilt werden.

Um syrischen Medizinern Hilfe anbieten zu können, haben Kaiyas und seine Kollegen aus der Facebook-Gruppe einen Verein gemacht: „Sygaad” setzt sich für die Interessen syrischer Ärzte und Apotheker in Deutschland ein. 

Syrer stellen heute die größte Gruppe ausländischer Ärzte. Im Jahr 2021 stammten 5084 Mediziner aus dem Land, insgesamt waren laut Bundesärztekammer 57.164 ausländische Ärzte in Deutschland tätig. „Ich denke, syrische Ärzte sind so erfolgreich, weil wir gut vernetzt sind. Wir helfen uns bei der Einwanderung, bei Prüfungen, bei der Suche nach Jobs oder auch beim Autokauf”, sagt Kaiyas. 

Der Niedersächsische Zweckverband zur Approbationserteilung verzeichnete zuletzt einen Rückgang der Approbationen und Berufserlaubnisse. Im vergangenen Jahr wurden 777 Approbationen und 1041 Berufserlaubnisse an Ärzte erteilt. 2021 waren es 856 Approbationen und 1207 Berufserlaubnisse. Der Rückgang seien vor allem auf die Corona-Pandemie und auf die hohen Durchfallquoten bei den erforderlichen Prüfungen zurückzuführen, teilt der Zweckverband mit.

Die erste Stelle als Arzt führte Kaiyas nach Mecklenburg-Vorpommern, dort startete er seine Facharztausbildung als HNO-Arzt. „Es war ein sehr kleines Krankenhaus und der Arbeitsalltag eher ruhig“, sagt der 34-Jährige. Das änderte sich, als er ins Klinikum nach Hagen in Nordrhein-Westfalen wechselte, um seine Facharztausbildung als zu beenden. „Das waren extrem stressige und sehr lange Schichten. Ich habe natürlich viel mehr gelernt, weil ich so viele Patienten gesehen habe“, sagt er. 

Eine Sache ist Kaiyas an seinen deutschen Patienten sofort aufgefallen: „Sie sind gute Patienten, weil sie gut informiert sind. Ich glaube, das liegt an der Aufklärung.“ In Syrien sei das anders: „Dort spricht der Arzt viel weniger mit den Patienten.“

Den Ärztemangel spürte er im Klinikum hautnah. Bei Krankheit oder Elternzeit sei die Belastung extrem hoch gewesen. Trotz der Zuwanderung fehlen Studien zufolge 15.000 Ärzte, die Tendenz ist steigend.

Dem 34-Jährigen war klar, dass er den Klinikalltag gegen eine Praxis eintauschen will. In der Kleinstadt Fröndenberg kaufte er 2021 eine HNO-Praxis. „Vor allem die älteren Menschen haben mir erzählt, dass sie richtig dankbar sind, einen Arzt vor Ort zu haben“, sagt Kaiyas. Negative Erfahrungen habe er nur einmal in Hagen gemacht: Ein betrunkener Patient habe sich geweigert, sich von einem ausländischen Arzt behandeln zu lassen. 

Fast sieben Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland ist der Mediziner zufrieden: „Deutschland ist immer noch ein attraktiver Standort mit vielen offenen Stellen, aber die Bedingungen und der Verdienst sind im Vergleich zu anderen Ländern schlechter geworden“, sagt er. 

Beispielsweise ist die Neupatientenregelung weggefallen. Praxen bekommen seit Anfang des Jahres keine Zuschläge für neue Patienten.

In der Facebook-Gruppe hält trotzdem das Interesse an. Und Kaiyas und seine Kollegen geben weiter Tipps, bieten Fortbildungen an und verraten, wie man sich am besten auf Prüfungen in Deutschland vorbereitet. Der 34-Jährige ist sich sicher: „Ohne die Unterstützung der anderen wäre es viel schwieriger für mich gewesen.”

Ähnliche Artikel