Osnabrück Strahlend und gefährlich: Museum Barberini Potsdam feiert die Sonne
Sie erhält das Leben - und tötet den, der ihr zu nahe kommt: Die Sonne ist das Zentralgestirn der Welt. Künstler von Antike bis Moderne feierten sie. Potsdam zeigt Sonnen-Kunst und ihre Schattenseiten.
Sie kreiselt als feuerrotes Rund über den milchig verschwimmenden Konturen des Hafens von Le Havre. Auf seinem Gemälde „Impression. Sonnenaufgang“ strichelt Claude Monet rote Lichtreflexe auf das blassblaue Hafenwasser. Mit diesem Gemälde geht 1872 die Sonne des Impressionismus, ja, der Malerei der Moderne auf. Ein Epochenbild, so unscheinbar das Motiv und die mit 50 mal 65 Zentimetern bescheidene Größe des Gemäldes wirken mögen. Jetzt schimmert das frühe Licht von Monets Impression durch die Ausstellungssäle des Potsdamer Museums Barberini.
Um Monets Sonne kreist nicht nur der Bilderkosmos zum Thema Sonne, der jetzt in Potsdam mit 130 Exponaten aufgespannt ist. Das initiale Bild des Impressionismus, ein Lichtfanal der Moderne, setzt auch dem Museum Barberini ein beziehungsreiches Glanzlicht auf. Als zentrales Belegstück einer ganzen Kunstrichtung, der dieses Bild mit seinem Titel den Namen gab, wird Monets Sonnenimpression nur selten vom Pariser Musée d´Orsay verliehen.
Aber Hasso Plattner, Stifter des Barberini, zählt mit seinen rund 100 Gemälden Monets zu den Sonnenkönigen unter den Leihgebern. Da wird sogar Paris schwach. Mit der Präsenz gerade dieses Bildes setzt das einstmals royale Potsdam selbst ein Lichtfanal.
In dieser Schau scheint die Sonne jedenfalls selbst niemals unterzugehen. Von einem pompejanischen Heros mit Strahlenaureole im Haar bis zu Katharina Sieverdings rot flammendem Feuerball spannt sich der Sonnenkreis dieser Schau zu einem Weltenhimmel der Kulturgeschichte. Die Sonne mag im Lauf der Jahrhunderte unterschiedlich interpretiert werden. Ihren zentralen Stellenwert als Lichtbringer und Energiequelle verliert sie zu keinem Zeitpunkt. Ihr Lichtstrahl erhellt jedes Erdzeitalter: Magie ohne Anfang und Ende.
Als Bildmotiv könnte die Sonne gerade mit ihrer Allgegenwart auch langweilig, ja banal sein. Nichts Neues unter der Sonne also? Das ist gerade jetzt ganz anders. Sonnenanbeter haben Konjunktur. In Düsseldorf kuratiert Florian Illies unter dem Titel „Mehr Licht“ Ölskizzen des 19. Jahrhunderts, in Bremen feiert die Kunsthalle mit „Sunsets“ den Sonnenuntergang. Potsdam setzt dem Thementrend das Glanzlicht auf. Ob die Sehnsucht nach dem Licht gerade in Zeiten eines düsteren politischen Trends zu radikalen Populisten besonders groß ist?
Mit Claude Monets Sonnenaufgang stieg jedenfalls auch die Sonne der modernen Kunst auf ungeahnte Höhe. Das Thema des Lichtgestirns darf durchaus selbstbezüglich gelesen werden. Dass das Licht der Welt gerade für ein modernes Publikum von den Bildern der Kunst ausgeht, findet sich nun in Potsdam eindrucksvoll gespiegelt. Dies umso mehr, als die Sonne, so eindeutig sie als Energiequelle auch verstanden werden kann, auch gegenläufig zu sehen ist - und als Brennpunkt der Gefahr.
Ob Ikarus, der der Sonne zu nahe kommt, oder Phaeton, der als Lenker des Sonnenwagens leichtsinnig wird: Die antiken Mythen stellen jene Gestalten bereit, deren Selbstüberschätzung die Sonne mit ihrer sengenden Hitze umgehend bestraft. Ikarus und Phaeton sind bis heute Symbole für den Menschen und seine Hybris. Potsdam zeigt Bernhard Heisigs Gemälde „Der Tod des Ikarus“ von 1979, dessen Aussage doppeldeutig bleibt: Stürzt hier ein Freiheitssucher vom Himmel oder bestraft die Natur den Menschen im Technik- und Machbarkeitswahn?
Ach so hell scheint sie, die Sonne. Als kreiselnder Feuerball zeigt sie aber ihre sengende Zerstörungskraft, jedenfalls im raumfüllenden Video von Katharina Sieverding. Was die Düsseldorfer Künstlerin vulkanisch glühen lässt, scheint bei Caspar David Friedrich in freundlich mildem Gelb. Die Sonne kann ein bloßes Naturphänomen sein oder als religiöses Erlösungssymbol gelesen werden. Friedrichs „Weidengebüsch bei tiefstehender Sonne“ von 1832 verleiht der christlichen Lesart milden Hoffnungsglanz.
Potsdam demonstriert mit dieser Schau eindrucksvoll die Auf- und Untergänge des Sonnensymbols. Für die Kunst bleibt es über alle Zeitalter hinweg der Fixstern. Das gilt für Peter Paul Rubens, der Apoll im Sonnenwagen den Erdkreis erhellen lässt, ebenso wie für jene Fotografen des 19. Jahrhunderts, die den zentralen Himmelskörper mit der Fotoplatte erforschend näherzukommen versuchen.
Gleichviel. Menschen suchen Licht und Wärme. Zu Olafur Eliassons Lichtinstallation „The Weather Project“ strömten 2003 über zwei Millionen Besucher, um sich in der Londoner Tate Modern von einer riesigen künstlichen Sonne bescheinen zu lassen. In Potsdam schimmert nun das milde Gelb von Eliassons „Yellow door semicircle“ von 2008. Sonne ist Leben. Wer zeigt das am schönsten? Der Tipp: Joachim von Sandrarts Gemälde „Der Tag“ als fröhlicher Jüngling, der die Sonnenscheibe in der Hand trägt – und Blumen im wehenden Haar.
Potsdam; Museum Barberini: Sonne. Die Quelle des Lichts in der Kunst. Bis 11. Juni 2023. Mo., Mi.-So., 10-19 Uhr.