Osnabrück Interner Druck und geheime Entscheidung: Was führte zum Bischofsrücktritt?
Der Rücktritt des Osnabrücker Bischofs Franz-Josef Bode hat viele überrascht. Was führte zu dieser Entscheidung? Was passierte hinter den Kulissen des Bistums? Eine Spurensuche.
Ein Winterabend, Anfang Dezember 2022: Der Osnabrücker Bischof fährt nach Schwagstorf. In der Gemeinde im Altkreis Wittlage rumort es. Hier lebt ein Priester, dessen Verhältnis zu einem Teenager auch der Bischof als „Liebesbeziehung“ bezeichnet hatte. Viele Gemeindemitglieder und Mitarbeiter verstört diese Wortwahl. Und mindestens ebenso sehr verstört die Tatsache, dass die Menschen in Schwagstorf all die Jahre nichts von den Vorwürfen wussten.
An einer Stellwand neben einem geschmückten Weihnachtsbaum hat die Gemeinde Fragen gesammelt. „Wie konnte so etwas passieren?”, steht da, und: „Warum treten Sie nicht zurück?” Diese Frage ist an Bode gerichtet. Sie wird nicht erst seit dem Fall Schwagstorf immer öfter gestellt.
Im September hatte die Uni Osnabrück eine Studie zum Umgang mit Missbrauch im Bistum veröffentlicht. Ein erster Studienteil. Ein zweiter soll zwei Jahre später folgen. Das jetzt schon 600 Seiten starke Dokument arbeitet unter anderem Fallbeispiele auf, darunter viele, die in die fast 30-jährige Amtszeit von Bode fallen.
Der Bischof reagiert in derselben Woche auf die Veröffentlichung. Er tritt nicht zurück. Bode erklärt, er wolle nun auf Basis der Studienerkenntnisse mit voller Kraft weiter Reformen umsetzen. Seine engsten Vertrauten an der Bistumsspitze tragen das offenbar mit. Nicht wenige sind euphorisch, dass man jetzt optimistisch in die Zukunft steuern könne. Immerhin scheinen Eklats wie in Köln auszubleiben.
Doch das Bistum besteht nicht nur aus seiner Spitze, sondern aus Tausenden Mitarbeitern und Gemeindemitgliedern. Und die sehen das offenbar anders. Mindestens ein Teil von ihnen. Und der wird immer lauter.
Zu oft taucht der Name Bode im Gutachten im Zusammenhang mit Entscheidungen auf, die heute nicht mehr zu rechtfertigen sind. Zu oft erkennen nun Mitarbeiter des Bistums Täter wieder, mit denen sie jahrelang zusammengearbeitet haben oder es zu dem Zeitpunkt noch tun, ohne in die Hintergründe von Versetzungen und eingeschränkten Priesterbefugnissen eingeweiht worden zu sein. Viele fühlen sich getäuscht.
Unsere Redaktion hat mit Mitarbeitern auf unterschiedlichen Hierarchieebenen gesprochen. Viele äußern sich offen zu den Vorgängen im Bistum. Die wenigsten trauen sich jedoch, öffentlich zitiert zu werden.
So beschreiben viele eine Ernüchterung in der Mitarbeiterschaft. Die Illusion des Reformers Bode, der stets versucht habe, alles richtig zu machen und keine wirklich schlimmen Fehler gemacht habe, sei zerstört worden.
Direkt nach Veröffentlichung des Gutachtens lädt das Bistum die Mitarbeiter zu Videokonferenzen ein. Vertreter der Bistumsleitung sind dabei, nicht jedoch der Bischof. Nach den Runden steht offenbar fest: Bode muss sich den Mitarbeitern selbst stellen. Zum 13. Oktober lädt der Bischof in den Dom ein. Die Veranstaltung wird auch per Video übertragen.
Dort sei sehr offen gesprochen worden, so beschreiben es viele. Die Angestellten machen ihrer Enttäuschung und ihrem Ärger Luft. Ihre Vorwürfe ähneln denen der betroffenen Gemeinden. Eine Kernfrage: Wie kann es sein, dass in Gemeinden Priester arbeiten, zu denen noch Verfahren laufen? Andere halten dagegen zum Bischof und wollen den vorgezeichneten Weg weitergehen. Sie glauben an Bode.
Eine, die sich traut, öffentlich über diese Vorgänge zu sprechen, ist die Leiterin der Abteilung Seelsorge im Bistum Osnabrück, Martina Kreidler-Kos. Im Gespräch mit unserer Redaktion sagte sie: „Nach Veröffentlichung des Gutachtens waren auch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter irritiert. Das war eine schwierige Situation.“
Auch aus den Gemeinden erreicht das Bischofshaus massive Kritik. In Schwagstorf erwähnt Bode die Veranstaltung im Dom und zeigt sich nachhaltig beeindruckt vom Gegenwind aus der Mitarbeiterschaft. Man könnte auch sagen: verstört. Das Bild vom Neuanfang, von der Befreiung durch das Uni-Gutachten gerät erst in Schieflage. Dann ist die Lesart offenbar nicht mehr zu halten. Die vielen problematischen Entscheidungen des Bischofs werden zunehmend zur Belastung. Manche glauben, dass Bode sich und dem Bistum mehr schaden wird, wenn er bleibt, als wenn er geht.
Das Rücktrittsgesuch an den Papst trägt laut Bistum das Datum vom 21. Januar. Ziemlich genau vier Monate nach der Pressekonferenz, bei der Bode verkündet hatte, bleiben zu wollen. Ende Februar hat der Papst den Rücktritt offenbar angenommen.
Bis zum terminierten Rücktritt im März führt Bode noch den Synodalen Weg zu Ende. „Bis zuletzt hat Bischof Bode entscheidende Dinge auf den Weg gebracht. Beim Synodalen Weg hätte er nicht fehlen dürfen. In der Pastoral ist er einer der mutigsten Bischöfe”, so beurteilt es Martina Kreidler-Kos.
Von Januar bis März hält die Kirchenspitze den Rücktritt weitgehend geheim. So habe es Rom vorgegeben. Bodes engste Vertraute sind eingeweiht. Das übrige Bistum nicht. Auch der Bischofskalender ändert sich nicht, obwohl schon klar ist, dass Bode am 25. März zurücktritt. Doch diese Termine, so argumentiert man, seien ja nicht an die Person Bode gebunden, sondern an das Amt des Bischofs von Osnabrück. Selbst Bischöfe aus Nachbarbistümern werden am Wochenende offenbar von der Rücktrittsnachricht überrascht. „Da haben einige tief Luft geholt”, fasst ein Bistumsmitarbeiter später die Lage zusammen.
In seiner Rücktrittserklärung schreibt Bode schließlich, er habe „das Ausmaß der Irritationen, insbesondere in der Mitarbeiterschaft des Bistums, unterschätzt”.