Hamburg Kann denn Selfie Sünde sein? Mein Time-out von der königlichen Etikette
Diese Gelegenheit kommt vermutlich nie wieder, und trotzdem: Für ein Selfie mit König Charles III. im Hamburger Rathaus musste unser Reporter über seinen Schatten springen – und das Protokoll kurz außer Acht lassen.
„Machst du auch ein Selfie?“, fragte mich eine Kollegin, als sie hörte, dass ich beim Staatsbesuch von König Charles III. in Hamburg im Rathaus Position beziehen würde, genauer gesagt auf dem sogenannten Spiegel. So heißt der obere Treppenabsatz der mit rotem Teppich ausgelegten Senatstreppe, auf dem der Bürgermeister seine Ehrengäste empfängt.
„Neeeeee“, habe ich geantwortet. Zum einen bin ich nicht der Promi-Selfie-Typ, zum anderen sind Selfies mit den Royals zwar kein ausgewiesenes No-Go, aber auch nicht gerade besonders gern gesehen, eben etwas unter der Würde eines Königs. „Ach komm, für fünf Sekunden aufs Protokoll pfeifen und einen ganz besonderen Moment für immer festhalten, die Rechnung ist doch wohl einfach“, lautete die Antwort meiner Kollegin. Hm. Ich weiß ja nicht...
Zeit, die Rechnung wieder und wieder durchzugehen, hatte ich genug. Für etwa 13.30 Uhr war das Erscheinen von König Charles III., Königin-Gemahlin Camilla, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, First Lady Elke Büdenbender, Hamburgs Erstem Bürgermeister Peter Tschentscher und dessen Ehefrau Eva-Maria angekündigt. Bereits zwei Stunden zuvor wurde der kleine Pressetross an Ort und Stelle platziert.
Mein Platz war ganz rechts außen an einer dicken Säule direkt am Treppenabsatz. Die zentralen Positionen waren den professionellen Fotografen vorbehalten, für meinen tollkühnen kleinen Plan war die Lage allerdings günstig. Ich würde keinen der Kollegen stören, könnte das Foto machen, auf dem die Würdenträger die Treppe erklimmen und hätte vielleicht trotzdem noch die Zeit für besagtes Selfie.
Ganz so einfach war es dann doch nicht. Denn vor den Ehrengästen kamen drei britische Fotografen die Treppe hoch gehetzt, gefolgt von zwei schreibenden Kolleginnen, der Security sowie Rathaus-Mitarbeitern, von denen sich einer an meine Seite und damit ins Sichtfeld stellte. Er wurde von einem Fotografen, der mit solchen Anlässen offenbar mehr Erfahrung hat als ich, gerade noch verscheucht, ehe Steinmeier, Charles und Tschentscher auf der Treppe erschienen. Zack, ein Foto, zack, noch eines, Smartphone raus, umdrehen (den Selfie-Modus hatte ich zuvor bereits eingestellt) und drücken, drücken, drücken. Puh.
Bevor ich das Resultat betrachten konnte, beobachtete ich noch das weitere Geschehen auf dem Spiegel: Aufstellen zum offiziellen Foto, Peter Tschentscher erklärt dem König dies und jenes über die Innenarchitektur des Rathauses, Camilla, deren Hutkrempe zum Leidwesen der Fotografen einen ziemlichen Schatten über ihre Augen wirft, schenkt einem britischen Delegationsmitglied ein freundliches Lächeln, der Chef der königlichen Security bittet resolut um eine Fotopause. Und das wars. Die Royals mussten weiter zum Eintrag ins Goldene Buch, die Presse hatte – zumindest an dieser Station des königlichen Besuchs – ihren Job gemacht. Und ich hatte mein Selfie. Cool.