Altstadt Leer So rettete Josefhermann Höcker die Leeraner Altstadt
Der Josefhermann-Höcker-Padd soll an den Retter der Altstadt erinnern. Ein Wegbegleiter berichtet über den Mann.
Leer - Andreas Martens blättert in einem Buch. „Er würde da keinen Wert drauf legen. Überhaupt nicht“, sagt er. Dann hebt er den Blick und grinst verschmitzt. „Ich finde es gut“, sagt der 78-Jährige. Die Rede ist vom Josefhermann-Höcker-Padd in der Leeraner Altstadt.
Was und warum
Darum geht es: In der Altstadt gibt es seit Kurzem den Josefhermann-Höcker-Padd. Doch, was war das für ein Mensch?
Vor allem interessant für: Alle, die sich für die Altstadt Leers interessieren
Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, was Höcker für ein Mensch war. Den Autoren erreichen Sie unter: m.kierstein@zgo.de
Benannt wurde der kleine Weg nach jenem Josefhermann Höcker, der als Retter der Altstadt gilt. Nach seiner Initiative gründete sich eine Gruppe, die in den 70er-Jahren eine Neugestaltung der Leeraner Altstadt verhinderte. Durch die Initiative wurden viele historische Wohnhäuser erhalten und die breite Westtangente, die die Altstadt durchschnitten hätte, verhindert. Andreas Martens ist einer von denen, die immer dicht dabei waren. Er erinnert sich an den Kampf.
Die Planungen
Die Altstadt sollte in den 1970er Jahren drastisch umgestaltet werden. Und einiges wurde auch umgesetzt. „Wir sprechen von einer Flächensanierung“, so Martens. Das bedeute: Ganze Gebiete werden erst einmal planiert und im Sinne der Zeit neu aufgebaut. Die sogenannte Altstadtsanierung war geboren. Diese sah vor, die „veralteten, unkomfortablen Wohnhäuser“ abzureißen, um einen „verkehrsgerechten, großzügigen Ausbau von Straßen“ sowie den „Bau moderner großer Wohnblöcke“ vorantreiben zu können. So steht es in den Magazinen des Landesarchivs.
„Die Altstadt war für den Verkehr damals wirklich nicht ausgelegt. Wenn bei Olympia Feierabend war, war in der Brunnenstraße ganz schon was los“, erinnert sich Martens. Dennoch gingen vielen Leeranern die Planungen zu weit. „Der Schwerpunkt lag auf dem Straßenbau. Man muss aber auch sagen, dass die Stadt damals mit den Planungen nicht hinterm Berg gehalten hat“, so Martens. Anfang der 70er wurde dann ein Modell der Planungen gezeigt. „Das war völliger Blödsinn“, so Martens und lacht. Es bildete sich langsam Widerstand.
So war Josefhermann Höcker
Eine prägende Figur dabei war Josefhermann Höcker. Er war seit Mitte der 50er-Jahre eine aktive Person im heimatverein und auch Vorsitzender. 1961 kam Andreas Martens in den erweiterten Vorstand. „Er brannte für den Heimatverein. Im Verfolgen seiner Ziele war er hartnäckig, ja, fast stachelig“, so Martens mit einem Schmunzeln. Aber, er hatte auch eine andere Seite: „Ich habe ihn als warmherzig erlebt. Und, er hatte Verständnis für die Jugend“, sagt er. Gleichzeitig hatte der 1977 verstorbene Höcker viele Verbindungen. Besonders zu den Westfriesen in den Niederlanden. „Aber, er kannte auch Menschen in ganz Deutschland. Aber, er war nie ein Partymensch sondern lebte eher zurückgezogen“, sagt Martens.
Was Höcker ausmachte war sein großes Interesse. „Er war offen für Dialoge. Er hat sich mit der Materie beschäftigt. Dann hatte er eine feste Meinung, die er auch vertrat“, so Martens. Wichtig sei es ihm gewesen, sich mit Fachleuten auszutauschen und sie heranzuziehen. „Gleichzeitig hatte er ein Gespür dafür, wenn etwas nicht passt“, so Martens. All diese Eigenschaften halfen ihm dabei, die Altstadt zu retten.
Vom Heimatverein zur Bürgerinitiative
Die Planungen der Stadt zur Sanierung der Altstadt wurden innerhalb des Heimatvereins kontrovers diskutiert. Höcker war immer mit dabei. „Er hat zum Beispiel den Stadtbaurat eingeladen, damit er uns einmal die Planungen vorstellt. Angetan waren wir von den Ideen des Stadtbaurats nicht“, so Martens. Höcker habe immer ein besonderes Gespür für die Altstadt gehabt. „Er war auch nie bange, egal, ob ein Stadtdirektor oder ein Minister vor ihm stand“, sagt Martens.
Der Heimatverein war damals informiert in die Pläne zur Sanierung der Altstadt. „Höcker hat uns in jeder Sitzung berichtet. Als wir merkten, die haben das wirklich so vor, mussten wir handeln“, sagt der 78-Jährige. Im Februar 1973 habe Höcker gesagt, der Heimatverein müsse weiterhin den Standpunkt einer sinnvollen Sanierung der Altstadt verfolgen. Damals waren beispielsweise das Katasteramt oder der Kleemannbunker schon in Vorbereitung oder sogar im Bau. „Wir hatten das Gefühl, dass die Eingaben, die der Heimatverein bei der Politik machte, nicht gehört wurden“, so Martens
Die Bürgerinitiative
„Höcker hat Leute beauftragt. Er wusste, wen er einsetzen konnte. Mit dabei war auch ich. Uns so entstand erst einmal ein Arbeitskreis“, so Martens. Es wurden Vorträge organisiert und Eingaben für die Politik geschrieben. Allein, es half nichts. „1973 kam Höcker auf mich zu. Wir sollten eine Bürgerinitiative gründen. Ich musste mich kümmern“, sagt er und lacht. Dabei ließ Höcker ihn nicht alleine. Er hat alle angeschrieben und am Gründungsabend der Bürgerinitiative die Begrüßung übernommen. 30 Leute waren am 1. September 1973 gekommen.
„Da haben sich Freundschaften fürs Leben gebildet“, so Martens. Das Hauptmittel der Initiative waren Flugblätter. Der größte Erfolg sei gewesen, dass man den Leuten zeigen konnte, dass sie nicht alleine sind. „Außerdem sind wir in die politischen Ausschüsse gegangen. Wir haben uns gestärkt gefühlt“, sagt er. Die Hauptziele waren, die Westtangente zu verhindern und eine Objekt- statt Flächensanierung zu bewirken. Und, das haben sie durch ihre Arbeit geschafft. „Das ging dann recht schnell sogar“, sagt Martens. Anfang März 1974 gab die Stadt bekannt, dass sie auf wesentliche Teile der Westtangente, die im Sinne einer „autogerechten Stadt“ einen ungehinderten Verkehrsfluss bis in die Altstadt ermöglichen sollte, verzichten würde und dass statt der Flächensanierung künftig die Modernisierung und Erhaltung einzelner Gebäude Vorrang hätten.
Die Altstadt heute
„Das die Altstadt heute so ist, wie sie ist, ist eine Errungenschaft der Planer und Bürger“, sagt Martens. Die Bürgerinitiative habe dafür gesorgt, dass die Voraussetzungen stimmen. „Viele haben dazu beigetragen“, sagt er. Grundsätzlich habe man das Ziel erreicht. Doch nicht alles konnte man durchsetzen. „Groninger STraße Ecke Pferdemarktstraße war vorher städtebaulich schöner“, sagt er. Auch gibt es Straßen, die auf der einen Seite noch die historischen Häuser, auf der anderen aber Bauten der 70er aufweisen. „Der Ostersteg ist von vorne bis hinten eine Katastrophe“, betont er. Die Straße habe ihren Charakter verloren.
Der größte Verlust sei aber die Kaakspütte. „Sie war der Mittelpunkt des ältesten Leers. Ein kleiner dreieckiger Platz als Herzstück“, schwärmt er. Diese sei nun auf ewig verloren. „Es gibt auch historische Gebäude, wie die alte Pastorei oder die Jugendherberge, die in ihrer Umgebung isoliert als historischer Bau stehen“, sagt er. Doch vieles wurde auch erreicht. „Und es war Höcker, der den Samenkorn pflanzte“, sagt Martens. Deshalb habe er die Ehrung durch die Benennung des Padds verdient.