Essen  Weil Medikamente fehlen: Apothekerin erzählt bei Tiktok, wie sie bepöbelt wird

Rebecca Niebusch
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Von Rebecca Niebusch
| 31.03.2023 12:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Eine Apothekerin aus Essen wurde wegen eines fehlenden Fiebersaftes von einem Kunden beleidigt. Foto: IMAGO IMAGES/Westend61
Eine Apothekerin aus Essen wurde wegen eines fehlenden Fiebersaftes von einem Kunden beleidigt. Foto: IMAGO IMAGES/Westend61
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Apothekerin Janet Olgemöller hat bei Tiktok berichtet, wie sie von einem Kunden im Notdienst übel beschimpft wurde. Der Grund: die aktuelle Medikamentenknappheit. Fiebersaft sei im Moment „so selten wie pures Gold“, sagt die Apothekerin.

Bei diesem Nachtdienst war alles anders: Weil Apothekerin Janet Olgemöller einen Fiebersaft nicht vorrätig hatte, wurde ein Kunde ungemütlich und beleidigte sie. Bei Tiktok berichtete sie vergangene Woche von dem Vorfall. Eigentlich seien Kunden dankbar, dass sie zu später Stunde noch mit Medikamenten versorgt würden, sagt sie zu Beginn ihres Videos. Einen Kunden habe sie allerdings abweisen müssen, da der gewünschte Fiebersaft nicht vorhanden war.

Daraufhin sei er ausfallend geworden. „Der war ziemlich ungehalten, beschimpfte mich aufs Schlimmste, als ‚du alte Hure‘ und ich weiß nicht was. Bei meinen Erklärungsversuchen sagte er, ich solle endlich die Fresse halten, ich alte Schlampe“, erzählte die Essenerin. Im Interview mit der „Bild“-Zeitung erklärt Olgemöller ausführlich, wie sie die Situation mit dem Kunden erlebt hat. Pharma-Unternehmen berichten derweil, dass neben Fiebersaft noch weitere Medikamente knapp werden.

Hier sehen Sie das Tiktok-Video der Apothekerin:

„Der Mann wollte einen Fiebersaft für sein Kind. Aber Fiebersäfte sind im Moment Mangelware“, erklärt die 45-jährige Apothekerin Olgemöller die Situation im Nachtdienst. „Wir haben zwar selbst hergestellte Säfte. Schwierig ist es aber, wenn die Ärzte auf einem Rezept mehrere Medikamente verordnen. Dann kann ich den selbst hergestellten Saft nicht abrechnen“, erklärt Olgemöller weiter. Sie müsse entscheiden „ob jetzt beispielsweise das Antibiotikum wichtiger ist oder der Saft.“ Der Mann sei nicht bereit gewesen, den Saft selbst zu zahlen. „So ist es eskaliert“, schließt die Apothekerin ab.

Neben den Fiebersäften werde auch Penicilin im Moment knapp, berichtet das Unternehmen Infectopharm nach einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ). Infectopharm liefere gerade 97 Prozent der in Deutschland verkauften Penicilin-Säfte und obwohl die Firma im vergangenen Halbjahr schon „weit mehr als sonst in einem ganzen Jahr“ produziert habe, seien die Säfte in vielen Apotheken seit Monaten nicht erhältlich. Die Säfte werden etwa gegen Scharlach und Mandelentzündungen bei Kindern verschrieben.

Jetzt müssten Eltern der „FAZ“ zufolge oft ein zweites Mal zum Arzt, der dann ein anderes Antibiotikum als zweitbeste Lösung verschreibe. Und Infectopharm könne nicht ständig nachliefern, da die Vorlaufzeiten in der Produktion mehrere Monate betrage.

Die Pharmahersteller Stada und Sandoz schlagen ebenfalls Alarm und erhöhten Produktionskapazitäten. Neben Penicilin sei von den Engpässen auch der Wirkstoff Amoxicillin betroffen, der zur Behandlung von Lungen- und Mittelohrentzündungen eingesetzt wird.

Die „Bild“-Zeitung hat beim Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller nachgefragt, woran die Medikamentenknappheit liege. „Schon seit geraumer Zeit werden die Arzneimittel-Hersteller durch die gestiegenen Kosten für Energie belastet. Anders als in anderen Branchen können die Hersteller nicht einfach die Preise erhöhen“, sagt Hauptgeschäftsführer Hubertus Cranz. „Die Arzneimittelproduktion gerät betriebswirtschaftlich erheblich unter Druck, Hersteller ziehen sich vom Markt zurück.“

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