Berlin  Iris Berben: Deshalb ist der Tod für mich ein Störenfried

Joachim Schmitz
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Von Joachim Schmitz
| 31.03.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 13 Minuten
Iris Berben in einer ihrer schwersten Rollen: Sie spielt die sterbenskranke Fotografin Karla Jenner in „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“ (ARD, 7. April) Foto: ARD Degeto/Nadja Klier
Iris Berben in einer ihrer schwersten Rollen: Sie spielt die sterbenskranke Fotografin Karla Jenner in „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“ (ARD, 7. April) Foto: ARD Degeto/Nadja Klier
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In ihrem neuen Film „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“ spielt Iris Berben heute Abend eine todkranke Frau. Im Interview spricht sie über das Sterben, den Tod – aber auch über Annalena Baerbock und die Genderdebatte.

Iris Berben (72) liebt das Leben – wohl gerade deshalb geht sie auch dahin, wo es wehtut. Am Karfreitag (20.15 Uhr) ist sie im ARD-Film „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“ als krebskranke Frau zu sehen, die nur noch wenige Wochen zu leben hat. In einer Berliner Agentur erzählt sie von ihrer Freude am Leben, ihren Blick auf den Tod und wie es ist, sich selbst in einem Film beim Sterben zuzusehen. Unser Gespräch beginnt allerdings mit dem Karneval:

Frage: Frau Berben, Sie haben im Februar bei der Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst als Preisträgerin des Vorjahres mit Anlehnung an John F. Kennedy gesagt „Ich bin eine Baerbock“. War das klassischer Laudatio-Sprech, oder war es Ihnen tierisch ernst damit?

Antwort: Ich glaube beides. Ich finde, dass man dort alles überspitzen muss, aber eine Laudatio ist natürlich auch etwas, das mit Anerkennung zu tun hat. Fatalerweise ist man als Preisträgerin verpflichtet, eine Rede auf den Nachfolger zu halten – was passiert eigentlich, wenn da jemand steht, wo jede Empathie und jedes Verständnis ganz weit weg sind? Deshalb habe ich extremes Glück gehabt und diese Rede wirklich gerne geschrieben und gehalten, weil ich finde, dass Annalena Baerbock einen sehr guten Tonfall hat, uns in der Welt gut vertritt und in dieser Phase unendlicher Herausforderung eine große Menschlichkeit ausstrahlt. Sie handelt die Dinge nicht einfach ab – bei aller Professionalität, mit der sie als Vertreterin des Staates damit umgehen muss. Trotzdem bemerkt man bei ihr immer wieder auch den Menschen, der da steht und auch mit sich ringt. Das bringt sie mir persönlich sehr nahe.

Frage: Als Sie selbst im letzten Jahr den Orden erhielten, haben Sie eine bedingungslose Gleichberechtigung und Frauen an die Macht gefordert. Was haben Frauen an der Macht, das Männer nicht haben?

Antwort: Es ist ja ein reines Rechenexempel: Die Hälfte der Weltbevölkerung sind Frauen, und ich denke, dass Frauen aufgrund ihres Wesens und der Fähigkeit, Leben zu schenken, manche Dinge mit mehr Weitsicht und weniger Kalkül betrachten, mit einer größeren Emotionalität, die nicht dem entgegenstehen sollte und muss, rational zu handeln. Deshalb sind Frauen selbstverständlich genauso in der Lage, diese Ämter und Aufgaben zu erfüllen, wie Männer. Die Forderung ist ja nur da, weil es sich durch patriarchalische Strukturen über Jahrhunderte und Jahrtausende so entwickelt hat.

Frage: Wie weit sind wir denn auf dem Weg zur bedingungslosen Gleichberechtigung?

Antwort: Wir sind im Jahr 2023 lange noch nicht da, wo wir sein müssten, immer noch muss es eingefordert werden, immer noch müssen wir darum kämpfen. Wir müssen es aber gemeinsam mit den Männern tun. Das habe ich immer schon gedacht, auch in der großen Zeit der Emanzipation: Man kann sich nur miteinander emanzipieren und nicht gegen etwas. Und wir haben immer mehr sehr kluge Männer auf unserer Seite, die um diese Notwendigkeit wissen und sie mit uns gemeinsam einfordern. Insofern sind wir auf dem Weg, aber es gibt noch viele Fallstricke und auch männliche Beine, die uns zum Stolpern bringen wollen.

Frage: Wie wichtig auf dem Weg zur Gleichberechtigung ist das Gendern?

Antwort: Dazu habe ich eine sehr differenzierte Haltung. Die Absicht ist richtig, aber nicht der Weg. Ich finde, dass diese Verordnung – so würde ich es wirklich bezeichnen – ein bisschen sehr aus einer intellektuell-arroganten Blase kommt. Es ist doch kontraproduktiv, auf diese Art und Weise Menschen schon wieder auszugrenzen, die sich dem Sprachgebrauch noch nicht fügen können. Es ist immer so gewesen, dass sich Dinge und auch die Sprache verändern. Aber die Sprache verändert sich aus der Normalität dessen, wie sich etwas entwickelt hat. Natürlich muss das Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass jede Lebensform ihre Berechtigung hat. Aber nicht auf diese fast arrogante Art und Weise.

Frage: Guido Cantz hat in Aachen zu Ihnen gesagt: „Sie sehen umwerfend aus.“ Würde eine Frau einen Mann auch so begrüßen?

Antwort: (Lacht) Herr Cantz, Sie sehen umwerfend aus. Es ist schon sehr männerlastig, so etwas Frauen zu sagen. Ich geben aber auch zu, dass ich bei Guido Cantz nicht das Gefühl habe, das sei eine Nichtwertschätzung. Männer sind manchmal noch gefangen und verfangen in ihrem Umgang mit Frauen. Es sollte mit Sicherheit ein Kompliment sein, und es beleidigt mich nicht. Wenn ich einzig und allein so beschrieben würde, dann würde ich sicher anders reagieren.

Frage: Also können Sie sich über so ein Kompliment freuen und ärgern sich nicht darüber, aufs Äußere reduziert zu werden?

Antwort: Bei Guido Cantz weiß ich, dass er es nicht tut – das ist eben noch ein bisschen aus der Aktentasche der alten Männer.

Frage: Für Ihre Rollen legen Sie dieses umwerfende Äußere immer wieder ab. Tun Sie das mit einer gewissen Hemmung oder sogar mit Freude an der Verwandlung?

Antwort: Mit Freude an der Möglichkeit, Figuren möglichst wahrhaftig darzustellen und ihnen ein Eigenleben zu geben. Man darf als Schauspielerin nicht die Eitelkeit haben, dass man immer erkannt werden möchte. Als ich „Die Protokollantin“ gespielt habe, sagten Leute zu mir, dass sie mich anfangs überhaupt nicht erkannt hätten – besser geht’s doch nicht. Da kommt man dem Beruf wirklich sehr nahe – indem man eine Figur verkörpert, hinter der man als Schauspielerin verschwindet.

Frage: Für den Film „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“ haben Sie sich in eine Frau verwandelt, die nur noch wenige Wochen zu leben hat und am Ende stirbt. Was hat es mit Ihnen gemacht, mit dieser Rolle zu verschmelzen?

Antwort: Nicht erst jetzt mit 72, sondern schon als junger Mensch habe ich das Thema Endlichkeit wahrgenommen, als mein von mir sehr geliebter Großvater starb. Die Momente, in denen man persönlich mit dem Tod konfrontiert wird, führen ja dazu, dass man sich auch mit seinem eigenen Status quo auseinandersetzt. Wie geht man selbst damit um, wie viel Leben hat man noch? Ich kenne diese Fragen und kannte sie auch schon, als ich jung war. Aber je älter man wird, umso weniger ist es eine Vorstellung, von der man das Gefühl hat, sie liege noch in weiter Ferne. Ich mochte diese Filmfigur, weil es fast etwas Rotziges hat, wie sie mit dem Tod umgeht. Sie wird nicht sentimental, sondern lässt nur ein einziges Mal die Tränen zu. Sie setzt sich damit auseinander, und darin habe ich mich auch als Privatmensch wiedergefunden.

Frage: Sie haben ja mal gesagt, das Thema Tod mache Sie wütend. Haben Sie das ein wenig auf die von Ihnen gespielte Karla übertragen?

Antwort: Ja, weil ich gerne lebe und am Leben teilnehme. Auch bei all diesen Komplikationen, die es momentan gibt und die mich extrem belasten. Es ist nicht so, dass ich meine Schritte mit derselben Selbstverständlichkeit mache wie früher, sondern ich stelle vieles infrage. Sollte ich den nächsten Film machen? Was können Filme überhaupt erreichen, wenn man all diese Katastrophen sieht? Wenn man aber trotzdem so gerne lebt wie ich, dann ist der Tod ein Störenfried.

Frage: Hat es Sie Überwindung gekostet, die Rolle anzunehmen?

Antwort: Nein, es ist zwar ein Film über das Sterben, aber er feiert das Leben. Er ist unsentimental und oft ironisch, das hat mir gefallen. Eine meiner Lieblingsszenen spielt in diesem Urnenladen, als ich zum Schluss sage: „Kann man mich nicht einfach wegfegen?“ Das sind Momente, die so nah an mir sind, dass ich gesagt habe: Ja, das mache ich.

Frage: Aber es kommt irgendwann der Tag, da sieht man als Schauspielerin den fertigen Film – und Sie sehen sich selbst quasi beim Sterben zu.

Antwort: Das ist eine gemeine und sehr intime Frage.

Frage: Entschuldigung.

Antwort: Natürlich tut es weh. Weil man sich schon wieder vor Augen hält: Das ist ja nicht in 50, 60 Jahren. Das Gute daran ist, dass ich teilweise wirklich vergesse, dass ich es bin. Ich schau jemand anderem dabei zu.

Frage: Wie kommt man am Ende eines Drehtages aus dieser Rolle raus, und wie kommt man am nächsten Morgen wieder rein?

Antwort: Ich höre häufiger von Kolleginnen und Kollegen, dass sie ihre Rolle nach Hause tragen – das tue ich nicht. Natürlich ist ein Teil der Rolle immer da, weil man sich mit dem Text beschäftigt und bestimmte Rituale hat. Ich bin jemand, der gerne alleine ist, wenn er dreht, also auch meinen Partner nicht habe, weil ich mit dem sehr frühen Aufstehen meinen eigenen Rhythmus habe. Und weil man nicht verfügbar sein möchte, wenn man abends nach Hause kommt, es aber macht, wenn der Partner dann da ist. Es ist ganz pragmatisch, was ich mache – ich lerne meinen Text. Und ich versuche, einer Rolle, einem Film, meinen Kollegen gerecht zu werden.

Frage: Und am nächsten Morgen?

Antwort: Es ist nicht so, dass man wieder bei null anfängt. Es ist immer auch die Frage, wie ist die Zusammenarbeit mit den Kollegen, wie ist ein Team, wie ist die Regie? Wir waren ein sehr ruhiges Team, das hat mir sehr gefallen, und es hilft auch sehr, dass alle mit großem Respekt vor diesem Thema dabei waren.

Frage: Oft hört man ja, dass gerade bei ernsten Filmen am Set viel gelacht wird.

Antwort: Wir haben schon auch gelacht. Godehard Giese, der meinen Sterbebegleiter spielt, ist ein toller Kollege und hat einen wunderbaren Humor. Aber insgesamt war es schon eher ruhig, weil man sich ja auch immer wieder in diese Stimmung bringen musste.

Frage: Als Karla ihre Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs bekommt, geht sie nach Hause und legt „Sympathy for the Devil“ auf.

Antwort: (Lacht) Ich habe für die Stones gekämpft. Man muss ja auch den Kontext ihres Lebens sehen – eine Frau, die mit den Rockstars rumgezogen ist, Teil dieses Lebens war und wenig ausgelassen hat. Das muss man dieser Figur mitgeben, und da ist „Sympathy for the Devil“ eine tolle Metapher. Das ist eine Frau, die das Leben angenommen und mitgenommen hat. Und es ist schön zu zeigen, dass sie das möglichst unsentimental bis zum Schluss macht.

Frage: Die musikalische Wirklichkeit in deutschen Pflege- und Altenheimen ist eine ganz andere als „Sympathy for the Devil“. Da laufen immer noch Richard Clayderman und André Rieu, obwohl die Generation Rolling Stones und Led Zeppelin längst Einzug hält.

Antwort: Da halten sich offenbar Rituale, die nicht mehr hinterfragt werden. Alten Menschen wird etwas vorgesetzt, von dem man glaubt, dass alte Menschen so etwas mögen. Jetzt kommen eben die tätowierten Stones-Fans ins Pflegeheim, das sollte man mal berücksichtigen (lacht).

Frage: Sie selbst sind Schirmherrin eines Hamburger Hospizes – im Film sagen Sie als Karla „Hospiz? Nur über meine Leiche.“

Antwort: Das musste sein. Dennoch: Der Hospizgedanke ist ein guter Gedanke. Ich habe auch in Landshut die Patenschaft für ein Kinder-Palliativ-Krankenhaus. Das sind tolle Einrichtungen, weil man dort geschützt ist und versucht wird, noch so viel Leben wie möglich zuzulassen. Man hat nicht diese strikten Vorschriften mit Besuchszeiten, wie es im normalen Krankenhaus ist. Viele Menschen haben niemanden mehr, der sie zu Hause pflegt, deshalb sind solche Einrichtungen gut. Klaras Satz ist also kein scharfer Affront gegen Hospize im Allgemeinen, sondern nur Ausdruck ihrer Eigenart: Das erledige ich für mich alleine.

Frage: Der Tod ist ja das Unausweichlichste am Leben. Viele Menschen sagen, Sie hätten keine Angst vor dem Tod, aber vor dem Sterben.

Antwort: Wenn man das so sagt, bedeutet Sterben immer ein langes Leiden. Das würde ich dann aber auch so benennen: Ich möchte nicht lange leiden. Mir geht es nicht darum, unsterblich und vor allem nicht forever young zu sein. Aber ich bin wahnsinnig neugierig, wie das Leben weitergeht. Was ich allein in diesen Jahrzehnten erlebt habe an Veränderungen und Entwicklungen, das ist doch so spannend. Und es ärgert mich einfach, dass ich nicht mitkriege, wie es in 100, 500 oder 2000 Jahren aussieht. Das ist es, was mich am Tod so wütend macht. Ich habe keine Angst vor dem Tod, sondern eine Wut über den Tod. Ich will wissen, wie es weitergeht.

Frage: Sie haben mal gesagt, Sie hätten Gott verloren. Wo würden Sie im Falle einer solchen Krankheit Trost und Halt suchen?

Antwort: Die Sehnsucht nach so einem Kindergott ist schon da, daran kann man sich ganz gut festhalten. Diesen Kindergott wünsche ich mir mal, aber ich frage mich auch: Schaffe ich das alleine? Natürlich ist es gut und hilfreich für Menschen, die einen tiefen Glauben haben. Das ist ein Begleiter, aber den habe ich gar nicht. Ich bin losgelöst von alldem und glaube auch nicht, dass ich in ein anderes Leben eintrete. Aber mit solchen Äußerungen muss ich aufpassen – ich bekomme dann immer Hunderte von Bibelauszügen und Einladungen zu Kursen geschickt, um mir Gott wieder näherzubringen. Also bitte: Nichts zuschicken!

Frage: Gab’s in Ihrem Leben eigentlich einen Punkt, an dem Sie gedacht haben: Jetzt reicht’s aber mit dem Älterwerden?

Antwort: Nein, ich wüsste nicht, wo der Punkt ist, von dem ich sagen würde, da wäre ich gerne stehen geblieben. Das hat ja eher etwas mit einer geistigen Verfassung zu tun, und ich komme ständig in neue Situationen, in denen ich etwas verstehe. Das ist sowieso der Weg, den wir gehen – dass wir immer mehr begreifen und irgendwann auch begreifen, dass man nicht mehr dazugehört. Aber da bin ich jetzt noch nicht. Ich lebe sehr bewusst im Jetzt, deshalb gibt es nicht so sehr den Moment, zu dem ich mich zurücksehne. Aber ich kenne auch die Sentimentalität, wenn ich mich in alten Filmen sehe, in denen ich 25 oder 30 bin. Das ist so etwas wie eine zärtliche Melancholie (lacht). Da war alles noch davor. Das Wunderbare an der Jugend ist doch, dass du das Leben bestimmst – bis du mal merkst, dass du es gar nicht bist, der die Regeln bestimmt. Aber ich habe versucht, so viele Regeln wie möglich zu brechen, und damit bin ich auch noch nicht fertig.

Frage: Haben Sie eine Löffelliste?

Antwort: Löffelliste?

Frage: Dinge, die Sie noch tun wollen, bevor Sie den Löffel abgeben.

Antwort: (Lacht) Da hätte ich eigentlich drauf kommen können, die hätte gut in den Film gepasst. Schöner Ausdruck, der passt zu Karlas Jargon. Aber ich habe keine Löffelliste. Ich lasse mich gerne überraschen, was und wer da noch kommt.

Frage: Noch Reiseziele, die Sie unbedingt besuchen möchten?

Antwort: Meinen großen Wunsch, die Antarktis, habe ich mir erfüllt und bin drei Wochen auf einem Expeditionsschiff mitgefahren. Ich würde gerne noch mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren, aber das geht ja zurzeit gar nicht.

Frage: Und welche Rolle wollen Sie unbedingt noch spielen?

Antwort: Darüber denke ich überhaupt nicht nach, sondern wundere mich eher, dass ich überhaupt noch so unterschiedliche Rollen bekomme. Ich weiß ja um die Schwierigkeiten vieler Kolleginnen. Aber ich würde gerne noch auf Menschen treffen, die mir sagen, was sie in mir sehen wollen.

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