Osnabrück Millionärin: Darum macht mich Geld nicht glücklich
Ihr Vater hatte ein mittelständisches Unternehmen aufgebaut. Als das verkauft wurde, war die Tochter plötzlich reich. Doch es folgte kein sorgenfreies Jetset-Leben. Wie glücklich macht Geld? Eine Frau, die es hat, beschreibt die Auswirkungen.
In der Vergangenheit stand die 58-Jährige ein paar Mal mit ihrem Namen und ihrem Vermögen in der Öffentlichkeit. Jedes Mal seien anschließend zahllose Bittbriefe gekommen, sagt sie. Das möchte sie nicht mehr. Deswegen soll unsere Gesprächspartnerin in diesem Text anonym bleiben. Wir nennen sie Annelie.
Die Schwäbin sitzt zum Videocall in einem kleinen Büro im Haus ihrer Familie. Schulterlange, graue Haare, moderne Brille, Sweatshirtjacke: Auf dem Bild deutet nichts darauf hin, dass diese Frau Millionärin ist.
Frage: Welche Rolle spielte Luxus in ihrem Leben?
Antwort: Als Kind hatte ich nie das Gefühl, dass wir besonders reich sind. Bei uns ging es typisch schwäbisch zu: Alles Geld, was die Firma meines Vaters verdiente, floss in die Firma zurück. Ich habe aber auch nie einen Mangel empfunden. Geld war einfach gar kein Thema. Mein Taschengeld habe ich mir damit verdient, das Gemeindeblatt auszutragen. Luxus im Sinne einer riesigen Villa oder von Bediensteten gab es nicht.
Frage: Wie ist das heute?
Antwort: Es ist immer die Frage, wie man Luxus definiert. Heute wohne ich in einem alten Einfamilienhaus mit Garten in einer bürgerlichen Wohnsiedlung. Das ist in heutiger Zeit und in unserer Stadt schon ein gewisser Luxus. Das empfinde ich auch so. Und obwohl ich nicht in irgendeiner Villa in bester Lage wohne, ist es für mich manchmal schwer, meinen eigenen Lebensstandard vor mir selbst zu rechtfertigen. Ich könnte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, ein Leben zu führen, das man sich nicht mit einem guten durchschnittlichen Einkommen leisten könnte. Es ist für mich immer wieder eine Herausforderung, auszutarieren, was ich mir leisten will. Manchmal fragen mich Freundinnen, ob ich mir nicht mal wieder ein Paar neue Schuhe kaufen will. Da antworte ich dann: Wieso? Die alten tun’s doch noch. Wo fängt Luxus an? Was man herkömmlich unter Luxus versteht, brauche und möchte ich gar nicht.
Annelie muss nicht arbeiten, um ihr Leben zu finanzieren. Früher habe sie in der Firma ihres Vaters gearbeitet, später in einem anderen Unternehmen. Dann kamen die Kinder und Annelie gründete eine Stiftung, die unterschiedliche gemeinnützige Zwecke fördert und engagiert sich heute in ehrenamtlichen Projekten. Letztes Jahr, so erzählt sie, habe sie mitgeholfen, 400 Menschen aus der Ukraine nach Deutschland zu bringen und unterzubringen. Außerdem engagiert sie sich im Erbinnen-Netzwerk „Pecunia“.
Frage: Was würden Sie Menschen sagen, die sich viel Geld wünschen?
Antwort: Den Wunsch nach Vermögen kann ich nachvollziehen, insbesondere, solange dringendste Wünsche und Bedürfnisse nicht erfüllt sind. Wenn man aber viel mehr hat, als das, was man selber braucht oder wünscht, wird es irgendwann unangenehm. Denn dann muss man sich fragen: Was mache ich damit? Finde ich selbst das überhaupt gerecht? Teile ich es oder behalte ich es für mich? Wie kann ich teilen oder schenken? Für mich ist das eine Frage von Verantwortung – und das ist eine Herausforderung und Aufgabe, die nicht nur Spaß macht.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Wer in prekären Verhältnissen lebt, muss Geld verdienen, um sich und seine Familie zu versorgen. Das ist ein legitimer, guter Sinn. Es klingt vielleicht nach einem Luxusproblem, aber: Ich muss jedem Tag selbst einen Sinn geben. Das ist manchmal nicht so leicht. Und ich habe Phasen, in denen mich diese Aufgabe und die Verantwortung überfordern. Da ist Geld keine Lösung, sondern Teil des Problems.
Annelie hadert mit ihrer Antwort. Sie will nicht als überhebliche Reiche dastehen, die von den Problemen von Menschen mit wenig Geld nichts versteht. In einem Punkt ist ihr klar, dass sie im Vorteil ist: Probleme, die sich mit Geld lösen lassen, kann sie lösen. Mit dem Beginn des Ukraine-Krieges habe sich das etwas geändert, sagt sie. Bei einem Krieg nütze das vollste Konto nichts.
Frage: Was bedeutet Geld für Sie in Ihrem Alltag?
Antwort: Für mich steht an erster Stelle Verantwortung. Das Geld ist über mich gekommen, ohne dass ich es wollte. Ich stand plötzlich da und hatte mehr als ich brauchte oder wollte. Ich habe mich gefragt: Wie viel darf ich überhaupt davon nehmen? Was ist wirklich meins? Was ist gerecht? Wie kann ich davon etwas abgeben? Ich glaube, wenn man sein Geld selbst verdient, erlaubt man sich viel eher, damit zu machen, was man will. Die Erbschaft war für mich im ersten Moment eine Belastung. Nach der Erbschaft habe ich mich ein Jahr lang mit dem Thema Geld befasst, um Kriterien für mich zu entwickeln, wie ich mit dieser Verantwortung umgehe – das hatte ich ja nirgendwo gelernt. Irgendwann hat jemand zu mir gesagt: Du könntest das auch als Segen verstehen. Gott hat dir das Geld gegeben, damit du etwas Gutes daraus machst. Dadurch wurde das Erbe anders konnotiert. Ich habe ein Instrument, um etwas Sinnvolles damit zu tun.
Frage: Was heißt das konkret?
Antwort: Ich habe einen großen Teil des Geldes in eine Stiftung gegeben. Es macht Freude, Geld zu transformieren in ein lebensspendendes, wertebeförderndes Projekt. Ich vergebe die Gelder an Menschen, die für eine Sache brennen. Es hört sich vielleicht seltsam an, aber: Wenn ich jemandem Geld schenke, bin ich demjenigen dankbar, dass er mir dabei hilft, mein Geld in Sinn zu transformieren. Geld zu geben, das ich im Überfluss habe, ist keine große Tat – die anderen sind diejenigen, die etwas umsetzen und Sinn stiften, sie sind die, die wirklich etwas leisten.
Frage: Wie hängen für Sie Geld und Glück zusammen?
Antwort: Für mich steht fest: Glück ist nicht im Geld zu finden. Natürlich ist es erstrebenswert und wünschenswert, keine finanziellen Sorgen zu haben – das ist keine Frage und es wäre zynisch, wenn ich das leugnen würde. Aber finanzieller Überfluss bringt kein Glück. Geld ist nicht das, was mich glücklich macht. Ja, es erspart manches Unglück, aber anderes eben auch nicht – schwere Krankheiten zum Beispiel. Meine Familie, meine Freunde, die Natur, die Kunst – da finde ich mein Glück. Und in Momenten, in denen ich jemand anderen mit meinem Geld glücklich machen kann.