Heide  „Zeigt die Täter!“: Massive Hetzkampagne im Netz gegen Schlägerinnen von Heide

Goetz Bonsen
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Von Goetz Bonsen
| 22.03.2023 13:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Bei Tiktok wird nach Namen der minderjährigen Schlägerinnen aus Heide gefragt. Und die Antworten lassen nicht lange auf sich warten. Foto: IMAGO IMAGES/ZUMA Press
Bei Tiktok wird nach Namen der minderjährigen Schlägerinnen aus Heide gefragt. Und die Antworten lassen nicht lange auf sich warten. Foto: IMAGO IMAGES/ZUMA Press
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Nach dem Fall von Mädchengewalt in Heide formiert sich ein digitaler Mob. Die Namen der Mädchen aus dem Gewalt-Video werden ohne Hemmungen gepostet und die Mutter eines der Mädchen öffentlich beschimpft.

Ein Video aus Heide (Kreis Dithmarschen) zeigt Demütigungen, seelische Grausamkeiten und Schläge gegen eine 13-Jährige, die betroffen machen. Dieses Zeugnis sadistischer Mädchengewalt nach dem Fall in Freudenberg schlägt nun heftige Wellen in den sozialen Medien.

Es geht nicht mehr um den Schrecken und die Leiden des Opfers und nicht um Unterstützung der polizeilichen Arbeit, nicht um mögliche Lehren, sondern um eine massive Hetzkampagne auf Tiktok, Facebook und Twitter gegen die im ursprünglich öffentlichen Video erkennbaren Täterinnen. Auch eine Mutter wird auf das Schwerste beleidigt.

Ein Beitrag auf der Video-Plattform Tiktok, die primär von Teenagern genutzt wird, lautet: „Kennt wer diese Mädchen?“. Mehr als 700.000 Menschen sehen diesen Aufruf, Tausende antworten. Eine sich aufbrausende Aggression mit indirekten Aufrufen zur Selbstjustiz ist erkennbar. Hass richtet sich gegen minderjährige Mädchen im Alter von 13 bis 17 Jahren. Das Wort Polizei fällt selten oder nicht.

„Jeder kennt ihren Namen und ihr Gesicht“, kommentiert eine Nutzerin und mehrere sind nicht verlegen, die vermeintlichen Namen der Mädchen und deren öffentliche Accounts in den sozialen Medien zu nennen und zu verlinken. Das genannte Motto (Zitat): „Posten, Posten, Posten“.

„Vielleicht sollte man das auch mal mit denen machen, damit die auch mal wissen wie das ist“, kommentiert eine andere und erhält Dutzende Likes. „Alle weiter verbreiten! Zeigt die Täter“, „mein Video wurde auch gesperrt, die Wahrheit wird vertuscht und verhindert“ sind weitere Antworten.

Mehrere beklagen, dass ihre Videos gelöscht wurden. Das kann richtig sein, denn Aufrufe zur Selbstjustiz sind justiziabel und werden von Tiktok und Co. nach Möglichkeit entfernt. Daher sind viele Beiträge verschwunden. Die Polizei hatte vorher dazu aufgerufen, die Verbreitung des Videos zu unterlassen.

Es machen auch Nutzer auf Tiktok Stimmung, die mit der Stadt in Dithmarschen keinerlei Berührung haben. So ist mehreren promienten Beiträgen einer Userin mit der Überschrift „Stopp Mobbing“ von „in der Heide“ statt der Stadt Heide zu lesen.

Selbst die Mutter einer der Schlägerinnen wird auf ihrem Instagram-Profil heftig beschimpft, einer schlechten Erziehung beschuldigt und bedroht: „mal sehen, wie es deiner Tochter vergehen wird“. Die Polizei muss sich nun mit diesen justiziablen Vorgängen im Internet und möglichen Fällen von Selbstjustiz gegen Minderjährige auseinandersetzen.

Anzeigen, so zeigt sich, werden zum Teil bewusst in Kauf genommen, wie der folgende Beitrag zeigt. Was ist das Ziel derer, denen justizielle Sanktionierung der Täterinnen nicht ausreicht?

Laut Innenministerin Sütterlin-Waack (CDU) sind von den drei Hauptverdächtigen zwei strafunmündig, also unter 14 Jahre alt. Somit wird es nur für das älteste der drei Mädchen ein Gerichtsverfahren geben.

Die Frage ist, wohin diese im Netz geäußerte Gewaltbereitschaft führen kann. Es ist in der Vergangenheit vorgekommen, dass aus einem digitaler Mob körperliche Gewalt entsteht. Werden die Täterinnen zu Opfern? Die Polizei hat in diesem Umfeld allerhand zu tun, mehreren Nutzern winken nun zunächst Geldstrafen.

Staatsanwältin Jonna Ziemer erklärte am Dienstag in dieser Sache gegenüber dieser Zeitung: „Nicht nur der Post selbst ist strafbar. Auch wer den Beitrag teilt, verstößt gegen das Gesetz.“

Auch im Fall Luise von Freudenberg wurden die Namen und Gesichter der mutmaßlichen Täterinnen auf Tiktok bekannt gemacht. Die Profile der mutmaßlichen minderjährigen Täterinnen wurden zwar inzwischen gelöscht, im Internet sind ihre vollen Namen und Fotos aber immer noch zu finden.

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