Hamburg Youtube-Star: Warum Coldmirror 7 Cent statt 800.000 Euro verdient
Früher hat sie sich nur von Toastbrot mit Ketchup ernährt, heute könnte sie fast eine Million Euro im Jahr verdienen: Kathrin Fricke aka Coldmirror ist einer der bekanntesten Youtuber Deutschlands – die mit ihrer Bescheidenheit sogar das Finanzamt skeptisch machte. Ein Gespräch über Harry Potter, Kohlkopf und Wikipedia.
Wäre dieses Interview ein Podcast, Sie würden an dieser Stelle die Laute „Döö-dööö-dööö-döö-dmmm“ hören. Coldmirror-Fans wissen, dass die 38-Jährige jede Folge des Harry Podcast mit genau diesem Sound beginnt. Seit sieben Jahren analysiert sie pro Podcastfolge fünf Minuten des ersten Harry Potter Films „Der Stein der Weisen“ bis ins kleinste Detail. So findet Sie beispielsweise heraus, dass im tropfenden Kessel nur Suppe angeboten wird, Dumbledore einen Goldfetisch hat und „The golden snitch“ eigentlich mit „die goldene Petze“ übersetzt werden müsste. Ihr Podcast erscheint als reine Audiodatei auf Spotify und als Video mit Screenshots und lustigen Animationen auf Youtube.
Kathrin Fricke, oder auch Kaddi, wie Coldmirror mit bürgerlichem Namen heißt, ist mit einem Synchronisationsvideo zu „Harry Potter“ bekannt geworden – musste „Harry Potter und ein Stein“ wegen Nutzungsbedingungen allerdings löschen. Mittlerweile macht Coldmirror aber nicht nur Videos zum Zauberlehrling, sondern auch lustige Produktbeschreibungen oder Kochvideos.
Mit den Jahren hat sich Fricke eine riesengroße Fanbase aufgebaut. Was Harry Potter damals für sie war, ist Coldmirror heute für viele Menschen, von jung bis alt: eine Heldenfigur. Trotz ihres Erfolgs bleibt die Youtuberin sehr bescheiden. So bescheiden, dass sie auf einen Batzen Geld im Jahr verzichtet. Warum, das erklärt sie im Interview.
Frage: Ist Ihnen klar, dass Sie Grundschülern Wörter wie „hodenamputierter Wichsfrosch“ beibringen?
Antwort: Das habe ich nie gesagt! Ich weiß nicht, von wem die das gelernt haben, ich war es nicht (lacht). Okay, vielleicht habe ich das irgendwo mal erwähnt – meiner Meinung nach ist das aber nicht in meinem Harry Podcast vorgekommen. Was ich aber schon mal gesagt habe, sind Wörter wie „Popobums“. Viele Eltern hören den Podcast mit ihren Kindern. Die fragen dann natürlich: Was meint die damit? Ein paar schlimme Wörter sind schon dabei, sorry.
Hier sehen Sie die 18. Folge des Harry Podcast zu „Popobums“:
Frage: Nicht nur Wörter, auch ganze Sätze wie „Du hast Wichse an der Nase, weißt Du das? Sieht nicht schön aus“. Die bleiben einem als Hörer und Fan für immer im Kopf hängen.
Antwort: Na gut, aber dieser Satz beispielsweise kommt nicht aus dem Harry Podcast, sondern aus meinem Harry Potter Synchronisationsvideo – Harry Potter und ein Stein. Das ist eigentlich nicht mehr auf meinem Kanal zu finden. Wer sich die Mühe trotzdem macht, es sucht, findet und dann seinen Kindern vorspielt – der ist selber schuld.
Frage: Warum gibt es die Synchronisationsvideos nicht mehr auf Ihrem Kanal?
Antwort: Die Content-ID hat damals das Filter-System getriggert. Gemeint ist: Youtube hat erkannt, dass mein Video den Film „Harry Potter und der Stein der Weisen“ zeigt. Ich musste das auf Anweisung von Youtube löschen, das habe ich dann auch gemacht. Aber natürlich werden die Videos immer wieder von anderen Usern, die sie damals irgendwie abgespeichert haben, erneut hochgeladen. Mittlerweile darf man sogar Copyright-geschütztes Material auf Youtube stellen, nur wird davor dann Werbung geschaltet. Auf meinem Kanal ist aber nichts mehr zu „Harry Potter und ein Stein“ zu finden.
Ein unbekannter Youtube-Nutzer hat Coldmirrors „Harry Potter und ein Stein“-Synchronisation erneut hochgeladen:
Frage: Sie sind mittlerweile so berühmt, Sie haben nicht nur einen eigenen Wikipedia-Eintrag, Sie haben sogar eine eigene Wikipedia – Coldmirror-Wiki, die freie Idiotie. Was wollen Sie in Ihrem Leben noch erreichen?
Antwort: Eine eigene IMDB-Seite, die alle meine Filme und Rollen aufzeigt, die ich bisher produziert und gespielt habe. Das ist das Goal! Vielleicht kommt das irgendwann in der Zukunft.
Frage: Auf Coldmirror-Wiki steht: „Es wurde im Sommer 2008 von keine-ahnung gestartet, da sich viele Fans darüber aufregten, dass das Thema Coldmirror in der Wikipedia (damals noch) verboten war.“ Warum waren Sie auf Wikipedia verboten?
Antwort: Ich glaube, das Problem war nicht, dass ich verboten war. Eher, dass Youtuber generell keine Reichweite hatten. Zumindest nicht so, dass sie für Wikipedia relevant genug waren. Mittlerweile sind Youtuber Personen des öffentlichen Lebens, Celebritys. Um ehrlich zu sein, weiß ich aber nicht, was damals das Problem mit mir und Wikipedia war. Mittlerweile habe ich einen eigenen Beitrag. Vielleicht muss man einfach eine eigene Fernsehsendung haben, um in Wikipedia aufgelistet zu werden – irgendetwas außerhalb von Youtube oder dem Internet.
Antwort: Mehr dazu: Hier kommen Sie zur Coldmirror-Wiki.
Frage: Wäre das eine Option, eine eigene große Fernsehshow?
Antwort: Ich hatte mal eine Show beim Eins-Festival. Wobei da eigentlich nur die Clips gezeigt wurden, die ich schon auf Youtube hochgeladen hatte. Das war dann eher multimedial, das war sowohl im Fernsehen, im Radio und auf Youtube zu sehen und hören. Irgendwann dachte ich aber: Nee, das ist blöd. Fernsehen ist immer so stressig, weil du eine Deadline hast. Die Sachen müssen bis zu einem bestimmten Termin fertig sein. Bei Youtube läuft das anders, da kann ich die Videos veröffentlichen, wann ich will.
Frage: Sie sind bei funk (das Content-Netzwerk von ARD und ZDF) angestellt, machen die wegen der Abgabe keinen Stress?
Antwort: Wir haben zwar einen Zeitplan, den schreibe ich aber selber und an den halte ich mich auch. Wenn ich krank bin, mir es mental nicht gut geht und ich eine Woche lang nichts aufnehmen kann, dann schreibe ich funk einfach. Das ist für die kein Problem – ich kann die Sachen hochladen, wann ich will. Es ist Youtube, es gibt im Gegensatz zum Fernsehen keine Deadline. Das ist nice to have, aber kein Must-have.
Coldmirror macht neben dem Harry Podcast weitere Videos zum Zauberschüler. So auch diesen Clip zu „Harry Potter und Zitronenbonbons“:
Frage: Wie oft haben Sie mittlerweile den ersten Film gesehen?
Antwort: Nicht am Stück, aber in Schnipseln mehrere Hundert Mal. Nur allein für den Harry Podcast schaue ich mir die Fünf-Minuten-Parts immer und immer wieder an. Deswegen habe ich den Anfang des ersten Films auch öfter gesehen als den Schluss.
Frage: Beim Schauen der Filme und Lauschen der Hörbücher fallen einem immer wieder neue Sachen auf. Zum Beispiel dieses Plot Hole: Als Hagrid mit dem Motorrad im Ligusterweg ankommt und Baby Harry an Dumbeldore übergibt, sagt er explizit, dass er sich das Motorrad bei Sirius Schwarz / Black ausgeliehen hat. Da hätte Dumbledore doch ganz anders, nicht so entspannt, darauf reagieren müssen – oder nicht?
Antwort: In den Büchern wurde Sirius Black noch mit Sirius Schwarz übersetzt, das hatte ich in einer Harry Podcastfolge auch mal erwähnt. Aber ja, stimmt! Sirius war zu diesem Zeitpunkt eigentlich bekannt als jemand, der alle Leute umgebracht hat. Da hätte Dumbledore eigentlich anders reagieren müssen. Vielleicht wusste er aber schon, dass Sirius unschuldig war – dann hätte er ihn aber aus dem Gefängnis, aus Askaban, rausholen können.
Frage: Haben Sie noch einen Harry-Potter-Funfact, der es bisher nicht in Fünf-Minuten-Podcast geschafft hat – und den Sie uns verraten wollen?
Antwort: Ich öffne kurz mein Textdokument und gucke mal eben. Manche Infos schiebe ich tatsächlich immer weiter nach hinten und denke, dass ich sie irgendwann verwenden kann. Oder Leute schreiben in den Kommentaren lustige Facts, wobei ich die dazugehörige Fünf-Minuten-Szene schon analysiert habe. Das heißt, die Informationen kann ich dann eigentlich nicht mehr verwenden. Zum Beispiel die Szene mit Soupsoupsoup. (Anm. d. Red.: Im Film „Harry Potter und der Stein der Weisen“ steht im Tropfenden Kessel eine Tafel mit den Tagesgerichten: Soup, Soup und nochmal Soup. So ist der Coldmirror-Running-Gag „Soupsoupsoup“ entstanden.)
Antwort: Soupsoupsoup, beziehungsweise die Tafel aus dem Film, ist wohl eine Anspielung auf Monty Python, eine britische Komikertruppe von 1970. Von denen gibt es einen Sketch, den Spam-Sketch, wo Sie in einem Restaurant sitzen und man eine Tafel im Hintergrund sieht, mit den Worten “Spam, Spam, Spam” – also Speck. Spam ist der Name für ein Dosenfleisch von 1937.
Mehr dazu: Das Blog „Made for Food“ erklärt die Entstehung von „Spam Spam Spam“ in diesem Beitrag. Den neu aufgeführten Sketch mit der Tafel, die an die Tafel aus dem Tropfenden Kessel erinnert, sieht man hier.
Frage: Auf Ihrem Instagram-Kanal sieht man vor allem Rennmäuse. Warum zeigen Sie Ihre Mäuse, anstatt Mäuse zu verdienen – viel Geld mit Instagram zu machen?
Antwort: Man kann mit Instagram Geld verdienen? (Lacht)
Frage: Theoretisch ja. Sie betreiben aber kein Influencer-Marketing, bekommen auch keine Produkte zugeschickt, die Sie bewerben könnten – nicht mal welche für Ihre Mäuse oder Ihre bunten Haare.
Antwort: Boah, das wäre so geil, wenn ich Produkte für meine Mäuse bekommen würde! Holy shit! Nein, ernsthaft. Es ist nicht so, dass ich null Euro habe – aber das, was ich habe, reicht mir. Da ich bei funk bin, bei den öffentlich-rechtlichen Medien angestellt bin, habe ich außerdem ein Werbeverbot. Wenn ich jetzt anfangen würde, Werbung zu machen á la „Ey Leute, kauft unbedingt dieses Mäusehaus!” – dann passt das nicht zum Bildungsauftrag, den ich in gewisser Weise habe. Und ich möchte das auch nicht, das passt nicht zu mir. Wenn ich Werbung für etwas machen sollte, dann nur von etwas, von dem ich vollkommen überzeugt wäre. Ich will weder Kindern noch Erwachsenen irgendeinen Scheiß andrehen – geschweige denn mich um das ganze Marketing kümmern. Ich bin zu faul.
Hier sehen Sie die Mäuse von Coldmirror (die auf Instagram Kaltspiegel heißt):
Frage: Sie haben 2019 in einem Podcast bei Deutschland 3000 erzählt, dass Sie Ärger mit dem Finanzamt hatten. Die haben ausgerechnet, dass Sie als Youtuberin so um die 800.000 Euro im Jahr verdienen sollten – was Sie aber nicht tun, weil Sie keine Werbung posten. Wie erklärt man dem Finanzamt, dass man nicht so viel Geld verdienen will?
Antwort: Oh, I don´t know. Ich musste gar nicht erklären, warum das so ist. Wir haben uns zusammen hingesetzt, dann sollte ich mich bei Youtube einloggen und meinen Verdienst zeigen. Das waren nur sieben Cent – und das auch nur, weil irgendjemand aus Versehen mal zwei Minuten Werbung auf einer meiner Videos geschaltet hatte. Diese sieben Cent sind aber nie bei mir angekommen, weil ich gar kein Google-AdSense-Konto habe – das braucht man dafür. Das Finanzamt hat mich wahrscheinlich auch nur kontrolliert, weil bei vielen anderen Youtubern die Angaben nicht richtig waren. Bei mir haben die wahrscheinlich gedacht: Das ist auch so eine Bekannte, die muss viel Geld verdienen und hat bestimmt irgendwelche geheimen Konten. Hatte ich aber nicht.
Mehr dazu: Hier kommen Sie zur Podcastfolge mit Coldmirror.
Frage: Vielleicht hat Sie das Finanzamt nur kontrolliert, weil da jemand Ihren Namen gelesen hat, Fan ist und Sie kennenlernen wollte.
Antwort: Der vom Finanzamt war eigentlich total der nette Typ. Ich habe dem sogar noch geholfen, seine Akten wieder in das Auto zu tragen.
Frage: Will funk nicht Ihr 800.000-Euro-Potenzial ausschöpfen?
Antwort: Die würden das Potenzial natürlich ausschöpfen wollen, fragen aber immer nach, worauf ich Bock habe. Bei manchen Sachen sage ich ja – oder ich schlage selbst vor, dass ich einen anderen Podcast oder ein anderes Projekt machen möchte. Aber die arbeiten schon seit 2016 mit mir zusammen und kennen mich mittlerweile. Da gibt es die Kaddi-Flüsterer, die ganz vorsichtig Themen an mich herantragen. Wenn die aber merken, dass ich das nicht machen möchte, lassen die mich in Ruhe. Würde es nach funk gehen, wäre ich wahrscheinlich viel größer – dann hätte ich noch mehr Millionen Abonnenten. Dann wäre ich aber nicht ich.
Frage: Das heißt, Sie sind so berühmt, wie Sie maximal berühmt sein wollen?
Antwort: Schon, ja. Mehr wäre mir unangenehm. Ich habe noch das Privileg, dass ich über die Straße gehen kann und nicht von allen angesprochen werde. Ich kann normal Pfandflaschen wegbringen. Es gab aber schon Momente, in denen ich von Personen verfolgt wurde. Dann habe ich das paranoide Gefühl, angestarrt zu werden – und dann kommt tatsächlich jemand um die Ecke und sagt “Hey, hallo! Ich habe dich jetzt schon die ganze Zeit beobachtet – kann ich ein Foto und ein Autogramm von dir haben?” Das ist ja sehr nett. Aber das Gefühl, ständig angeschaut zu werden und bekannt zu sein, ist nicht so toll, wie viele denken. Zumal ich diese Bekanntheit eben nicht ausschöpfe und Geld damit verdiene.
Frage: Warum spenden Sie das Geld nicht, das Sie verdienen könnten?
Antwort: Weil ich geizig bin. Alles, was ich will, ist alles, was ich kriegen kann. (Anm. d. Red. Man hört in Kathrin Frickes Stimme immer wieder leichten Sarkasmus raus.)
Frage: Sie meinten, Sie seien zufrieden. Ohne einen genauen Betrag zu nennen, wie viel verdienen Sie?
Antwort: Ich war letztens mit meinem Freund einkaufen, wir wollten Wraps machen und mit Spitzkohl füllen. Dann hat der Kohlkopf aber drei Euro gekostet. Ein Kohlkopf! Drei Euro! Dann haben wir uns angeschaut und gedacht: Wir können uns das jetzt trotzdem einfach so leisten, wir nehmen den mit. Uns reißt das nicht in die Miesen. Aber es gibt Leute, die können sich einen scheiß dämlichen Kohlkopf nicht leisten! Ich habe das Privileg, mir einen Kohlkopf zu kaufen, ohne darüber nachzudenken: Scheiße, wie soll ich danach meine Miete bezahlen? Es gab aber eine Zeit, in der ich nur eine Packung Toastbrot für eine Woche hatte und die dann mit Ketchup gegessen habe. Da möchte ich nie wieder hin. Dieses Gefühl, dass ich mir keine Sorge um Essen und Miete machen muss – und die Mäuse auch noch versorgt sind – das ist geil. Ich lebe mein bestes Life. Alles, was danach kommt, alles, was darüber ist – das ist optional.
Frage: Wie viel essen Ihre Mäuse?
Antwort: Die essen exakt zwei Teelöffel Körner und ein paar Mehlwürmer und vielleicht mal etwas Gurke pro Tag.
Frage: Oh, aber Gurken sind mittlerweile teuer. In Hamburg hat kürzlich eine Gurke drei Euro gekostet.
Antwort: Nee, die Mäuse bekommen vertrocknete Gurken, die schon voll alt sind. Ich kaufe immer diese Snack-Gemüse-Packungen, in denen viele Sachen drin sind. Karotten, Zucchini und so ein Krams, das finden die auch gut. Hauptsache, irgendetwas Gemüsiges.