Hamburg  Deutschland bekanntester Panzer-Erklärer Ralf Raths: „Die haben mich eigentlich nie fasziniert”

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 19.03.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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Der Direktor des Panzermuseums ist längst so etwas wie der Christian Drosten für Panzer. Doch Ralf Raths ist auch ein Mann, der im Netz gezielt Nationalisten und Wehrmachtsfans ärgert und sich als Linker gerne und innig mit der Bundeswehr streitet.

Die Nacht auf den 16. März 2012 wird Ralf Raths wahrscheinlich nie vergessen. Eine „autonome Gruppe” übergoss ein Ausstellungsstück des Deutschen Panzermuseums in Munster mit rosa Farbe. Ein Anschlag, ohne tieferen Sinn. „Unsere bloße Existenz ist für solche Gruppen ein Affront”, sagt der heutige Museumsdirektor.

Es folgte ein erstes bundesweites, mediales Echo. „Ohne diesen Anschlag vor elf Jahren wäre vieles im vergangenen Jahr nicht passiert”, meint Raths. Dank der Bekanntheit sind das Panzermuseum und vor allem sein Direktor seit Beginn des Ukraine-Krieges nicht mehr aus der Öffentlichkeit wegzudenken.

Die „Rampensau der musealen Szene”, wie Raths sich selbst scherzhaft beschreibt, wurde in den Medien zu einem der wohl gefragtesten Panzer-Erklärer der Republik. Eine Art Christian Drosten der Kettenfahrzeuge. Selbst das japanische Fernsehen war bereits da.

Seinen Pferdeschwanz lässt Raths mittlerweile als Erkennungsmerkmal dran, ein Hang zum Dozieren wie auch zur Selbstironie gehören bei ihm ebenso dazu. Auf dem Museumskanal bei Youtube schauen sich Hunderttausende die Videos zu den in der Ukraine eingesetzten Panzern an.

Wer Ralf Raths erblickt, kommt nicht unbedingt darauf, dass er gerne über „Leopard, Marder und Co” spricht. „Drei-Tage-Bart, lange Haare, meist Rollkragenpullover – mein Klischee trifft zu”, sagt der Museumsdirektor, der sich politisch zwischen „dem rechten Flügel der Linkspartei und dem linken Flügel der SPD“ einordnet. Ein Widerspruch ist das für ihn nicht. „Ich glaube nicht, dass Linkssein zwangsläufig etwas mit Pazifismus zu tun haben muss”, sagt er.

Passend dazu trägt er beim Gespräch ein dunkelblaues T-Shirt mit der Aufschrift „Woke und Wehrhaft”. Ein Motto, dass er auch digital nach Außen trägt. Selbsternannte Patrioten fühlten sich durch das Shirt provoziert und verschafften dem Museum so noch mehr Reichweite.

„Woke sehen wir als Sammelbegriff für die Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Aber es ist für einige ja mittlerweile ein Schimpfwort geworden”, sagt Raths mit geradezu diebischer Freude. Bei Twitter verbringt er mehr Zeit als im Museum, in das er zweimal wöchentlich aus Hannover pendelt.

Wer denkt, dass der Mann damit dem Stammpublikum des Museums vor die Füße tritt, irrt. Rechte meiden die Räumlichkeiten mittlerweile. „Es hat sich herumgesprochen, dass man hier nicht an der Lobby vorbeikommt, wenn man entsprechende Symbole offen zeigt”, sagt Raths. Den Zugang verbieten würde das einstige Linkspartei-Mitglied Rechtsextremen aber nicht. „Wir wollen ja, dass diese Menschen an Bildung teilhaben.“

Politisch glücklich wurde er in der Linkspartei nicht, dafür war sie ihm dann doch nicht sozialdemokratisch genug. Nicht die einzige Institution, der Raths den Rücken kehrte. Der „Soldatensohn aus einer unsoldatischen Familie”, wie er sich nennt, brachte schon in der Grundschule Bücher über Kriege von Römern bis Rittern mit, machte in der Kleinstadt Munster nicht nur sein Abitur, sondern leistete hier auch seinen Wehrdienst – eine Pflicht, an die er bis heute glaubt.

Kurz habe es die Überlegung gegeben, dass er bei der Truppe zum Studieren bleibt. „Aber mein 18-jähriges Ich und die Bundeswehr kamen nicht so gut miteinander klar.” Denn bereits nach drei Monaten steckte die Bundeswehr den Abiturienten und potenziellen Panzergrenadier ins Büro. „Aber das fand ich langweilig und doof”, sagt Raths heute.

Stattdessen ging es nach Hannover, dort baute er sich quasi selbst den militärhistorischen Studiengang auf. Das Panzermuseum war damals noch ein gedanklich weit entfernter Ort. „Ich war mal Anfang der Neunziger da, aber es ist nicht wirklich haften geblieben”, sagt Raths.

Als 2008 das Angebot kam, wissenschaftlicher Leiter zu werden, zögerte er dennoch keine Sekunde. Von einer halben Stelle mit Promotionsgedanken und unsicheren Jobaussichten in Hannover wechselte er zum Museum in Trägerschaft der Stadt Munster. „Im Fach Geschichte regnen die Jobs nicht vom Himmel. Wie groß ist dann die Chance, dass man in seinem Traumfeld landet?“

Dieses Traumfeld sind bis heute nicht die schweren Kriegswaffen. „Panzer haben mich auch nie so fasziniert, es war immer der Gesamtkomplex der organisierten Gewalt”, sagt der Militärhistoriker, der mittlerweile seit zehn Jahren hier Direktor ist. Doch es macht ihm sichtlich Spaß, im Museum alte Nazi-Mythen historisch auszuhebeln, im Netz unkritische Militärfans zu triezen und auf Youtube weiter über Panzer zu dozieren.

Der Erfolg gibt ihm und seinem Team Recht. Etwa 100.000 Besucher strömen pro Jahr in die 15.000-Einwohner-Stadt, um sich die mehr als 150 Panzer anzuschauen. Die gehören der Bundeswehr, werden von Freiwilligen gewartet. Das hält die Kosten niedrig. Dafür wird die Einrichtung häufig als Bundeswehrmuseum wahrgenommen. „Damit muss und kann ich leben”, sagt Raths.

An der neuen Dauerausstellung hat ein Offizier als Teil des Teams mitgearbeitet. Statt einfach nur die Fahrzeuge zu präsentieren, werden auch schwer zu ertragende Bilder dargeboten, die Panzer bei ihrem einzigen Zweck zeigen: Menschen töten. „Die Soldaten selbst haben sich dafür ausgesprochen, dass das Leid und das Sterben ein Element in der Ausstellung werden. Denn es gehört dazu”, sagt Raths.

Generell pflegt er zur Bundeswehr ein gutes Verhältnis . „Gerade mit den Älteren kann man wunderbar streiten”, sagt er lachend und gänzlich unironisch. Ein Kompliment, das er der linken Szene nicht machen kann. Mit Ausnahme des Farbanschlages 2012 hatte sie sich nie mit dem Museum auseinandergesetzt.  

„Das Museum war immer angreifbar. Wir hatten tolle Ausstellungsstücke, aber eine schlechte Dauerausstellung.” Das hat sich geändert, jetzt brauche diesbezüglich keiner mehr ankommen. „Und wir sind erkennbar cool.“

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