Osnabrück Wer erzieht eigentlich die Fußballlehrer?
Trainer der ersten und zweiten Bundesliga fallen immer wieder durch Debattieren, Beleidigungen und Scharmützel auf. Emotionen rechtfertigen nicht alles, findet unser Kolumnist Udo Muras.
Seit fünf Jahren nun schon versucht der große Hamburger SV, zu alter Größe zu kommen und in die Bundesliga zurückzukehren. Sein angestammtes Territorium verließ der letzte Bundesliga-Dino 2018 mit dem festen Vorsatz, den Betriebsunfall umgehend zu korrigieren. Was auch sonst?
Mit einem sozialistischen Fünfjahresplan kann man an der Elbe schlecht kommen. Doch schneller ging es bekanntlich nicht, drei vierten Plätzen folgte der dritte im Vorjahr und eine fatale Heimniederlage in der Relegation gegen Hertha BSC nach gewonnenem Hinspiel. Mussten die Trainer davor stets nach oder unmittelbar vor dem verfehlten Saisonziel gehen, setzen sie in Hamburg derzeit auf Kontinuität und haben ihrem Tim Walter eine zweite Chance gegeben – und trotz einer 2:4-Niederlage in Karlsruhe sieht es ganz gut aus.
Bei jenem Spiel allerdings sah Walter die Rote Karte, die er sich wegen unflätiger Äußerungen gegenüber der auch nicht mucksmäuschenstillen KSC-Bank einhandelte. Er tat es damit ab, dass es „jede Woche vorkommt“. Stimmt, jedenfalls wenn der HSV spielt und seinen Tim Walter dabei hat.
Der Mann hat vorsichtig gesagt wohl nie eine Diplomatenschule besucht oder je an Minderwertigkeitskomplexen gelitten. „Die Vereine warten auf mich“, sagte er einst, als er noch die Bayern-Jugend coachte, zu seiner Zukunft. Sein Ego schlägt sich auf die bedingungslos offensive Spielweise nieder, was beim Anhang ankommt und in der 2. Liga meist zu Siegen führt, und auf seine Außendarstellung. Es soll in der Branche nicht viele Trainer geben, die mit ihm in Urlaub fahren wollen. Ich möchte hier keine Namen nennen außer vielleicht Dieter Hecking oder Torsten Lieberknecht, die Walters Art schlicht für respektlos halten sollen.
Scharmützel zwischen den Trainerbänken sind jedenfalls Standard, wenn der einst so noble HSV spielt, und die Schiedsrichter kommen auch nicht besser weg. Nach vermeintlich falschen Einwurfentscheidungen mutiert Walter regelmäßig zum Rumpelstilzchen, und kurz vor seinem Abgang in Karlsruhe bohrte er zur Unterstreichung seiner mangelnden Einsicht dem vierten Offiziellen noch sekundenlang den Zeigefinger in die Schulterpartie.
Da beim DFB-Sportgericht offenbar gerade eine Phase der Milde ausgerufen wurde, von der schon Julian Nagelsmann profitierte, kam er mit einem Spiel Sperre und 8000 Euro davon. Ein Willi Reimann musste 2004 für einen Schubser gegen die Brust des vierten Mannes noch fünf Spiele Sperre hinnehmen. Wenn man bedenkt aus welchen Gründen der HSV einst Jürgen Klopp nicht verpflichtete, dem löchrige Jeans und Zigaretten zum Nachteil gereichten, darf man sich schon etwas wundern.
Walter gehört zur Spezies der schwer erziehbaren Fußballlehrer, von denen es in der Bundesliga viel zu viele gibt. Der Mainzer Bo Svensson hat seit Einführung der Gelben Karte für Trainer schon elfmal den Karton gesehen, zudem im Februar im Pokal eine Rote. Christian Streich, Julian Nagelsmann, Marco Rose, Pellegrino Matarazzo oder Steffen Baumgart – sie alle haben ihre Emotionen immer seltener im Griff, obwohl auch sie nicht jünger werden. Bei jungen Trainern, die den Druck nicht gewohnt sind, dürfen wir mehr Verständnis zeigen.
Ein Otto Rehhagel war in seinen Dreißigern Stammgast vor dem Sportgericht, irgendwann wurde er ruhiger und weiser. Streich ist jetzt 57, Walter 47. Sie haben erwachsene Kinder und coachen Spieler, die ihre Söhne sein könnten. Ihre Vorbildfunktion vergessen sie aber ab dem Moment, wo der Ball rollt. Hinterher entschuldigen sie sich dann eloquent. Wenn Schüler ihre Lektionen nicht lernen, bekommen sie schlechte Noten oder Nachhilfe. Doch was macht man mit Lehrern, von denen die Schüler schlechte Ausdrücke lernen?
Emotionen gehören zum Fußball, die emotionaleren Typen werden mehr geliebt als die Eisschränke. Doch in manchen Fällen sollte nicht nur entscheidend sein, was auf dem Platz ist. Das Hamburger Abendblatt hat jetzt einen Aufpasser für Walter gefordert. Wäre mal eine Maßnahme…