Berlin Hysterisch statt hilfreich: Kassenärztechef rechnet mit drei Jahren Corona-Politik ab
Sein Ruf nach einem „Freedom Day“ inmitten der Pandemie hat Kassenärztechef Andreas Gassen berühmt-berüchtigt gemacht. Eigenverantwortung statt Verbote, das war von Beginn an seine Corona-Devise. Im Interview zum Ende der Virus-Plage zieht er ein bitteres Fazit: Das „Staatsversagen“ könnte sich wiederholen.
Anderthalb Jahre nach seiner Freedom-Day-Forderung, also dem Ruf, die Corona-Eindämmung zurückzufahren, haben wir Andreas Gassen noch einmal zum Interview getroffen. Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), der die Impfkampagne organisierte, blickt schonungslos auf drei Jahre Pandemie-Politik zurück.
Ein bitteres Fazit: „Zu der zu lange praktizierten und übertriebenen Eindämmungspolitik ist es wohl auch gekommen, weil es irgendwann einen zu engen Zirkel an Beratern gab, die irgendwann in einer Blase festsaßen und unbedingt Recht behalten wollten.“
Auf die Frage, ob wir heute besser auf einen neuen Katastrophenfall gewappnet sind, bricht der Arzt in sarkastisches Gelächter aus. Um aus den Fehlern zu lernen, müssten diese erstmal aufgearbeit werden, so seine Forderung.
Frage: Herr Gassen, anderthalb Jahre nach Ihrer Freedom-Day-Forderung fallen tatsächlich die letzten Corona-Maßnahmen, am 7. April. Sind Sie noch erleichtert über das Ende der Pandemie, oder eher frustriert über die lange Eindämmung?
Antwort: Dass erst Anfang April die letzten Corona-Maßnahmen wegfallen, kann man nur mit „besser spät als nie“ bewerten. Wir haben seit vielen Monaten keine bedrohliche Situation mehr, und das war abzusehen. Man tut sich offenbar extrem schwer damit, aus dem Pandemie-Modus zu kommen. Was mir bisher fehlt, ist die kritische Auseinandersetzung mit der Corona-Politik der zurückliegenden drei Jahre.
Frage: Gab es einen Fehler im System?
Antwort: Der Eindruck drängt sich auf. Bei aller gebotenen Vorsicht zu Beginn der Pandemie: Wenn sich die Politik einmal auf eine Linie geeinigt hatte, dann wurden neue Erkenntnisse und abweichende Positionen nicht oder kaum aufgegriffen, dann wurde ziemlich stur Kurs gehalten. Wie beim Maskentragen im Freien. Heute sagen alle: Das war unnötig. Ja, das war unnötig, aber das haben uns die Aerosol-Forscher schon sehr früh in der Pandemie auch so erklärt. Trotzdem gab’s mancherorts sogar eine Maskenpflicht beim Joggen. Das war eher hysterisch statt hilfreich. Schwierig war zudem, dass es in den Bundesländern teilweise deutlich voneinander abweichende Regelungen gab. Das hat die Menschen verwirrt und war alles andere als dienlich für die Akzeptanz von Maßnahmen.
Frage: Das sagt sich rückblickend leicht…
Antwort: Nein, es gab immer wieder Erkenntnisse, die missachtet wurden. Am verheerendsten war das wohl bei den schier ewigen Schulschließungen. Heute weinen alle Krokodilstränen über die Schäden, die bei den Kindern und jungen Leuten dadurch entstanden sind, dabei haben die Fachgesellschaften früh vor den Folgen gewarnt.
Frage: Sie selbst haben schon im Spätsommer 2021 den “Freedom Day” gefordert. Wenig später ging die Zahl der Neuinfektionen und schweren Fälle steil nach oben. Lagen Sie damals falsch?
Antwort: Der Ruf nach dem “Freedom Day” wird mir heute noch von manchen gern um die Ohren gehauen und mit Freude falsch interpretiert. Andere Länder haben sich getraut, dort ist die Welt auch nicht untergegangen. Und ich habe kein fixes Datum gemeint. Mein Ansatz war: Wenn alle Menschen die Chance haben, sich impfen zu lassen, dann kann die Politik die Aufhebung von verpflichtenden Schutzmaßnahmen mit ausreichendem Vorlauf ankündigen und von Zwang auf Eigenverantwortung umstellen. Es ging nicht darum, das Infektionsgeschehen zu bagatellisieren.
Frage: Warum ist der Politik das Loslassen so schwer gefallen?
Antwort: Es war sicher verführerisch, Dinge vorschreiben zu können, die man sich in den kühnsten Träumen nicht vorgestellt hätte. Es gab ja sogar Verbote, zu zweit spazieren zu gehen. Dabei war klar, dass das ein totaler Humbug ist. Dabei bleiben Kollateralschäden; psychische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, bei den Kindern, und auch das deutsche Demokratieverständnis hat nicht seine Sternstunden erlebt.
Frage: Und jetzt wird das unter den Teppich gekehrt?
Antwort: Es lief ja auch vieles gut: Wir hatten als erste für weltweit für jeden zugängliche und erstattbare Corona-Tests . Die Entwicklung der Impfstoffe lief historisch schnell. Und als genug Impfstoff da war, haben die niedergelassenen Ärzte gemeinsam mit den Impfzentren die Bevölkerung im Rekordtempo durchgeimpft. Zu der zu lange praktizierten und übertriebenen Eindämmungspolitik ist es wohl auch gekommen, weil es irgendwann einen zu engen Zirkel an Beratern gab, die irgendwann in einer Blase festsaßen und unbedingt Recht behalten wollten. Auch deswegen gibt es vielleicht bisher keine ehrliche Bilanz, was richtig war und was falsch, wo desaströse Fehler gemacht worden sind. Das aber wäre wichtig, um Schäden zu reparieren und für die Zukunft zu lernen.
Frage: Dann schließen Sie sich der Forderung nach einer Enquete-Kommission des Bundestages zur Corona-Politik an?
Antwort: Eine Aufarbeitung nicht im Sinne von Schuldzuweisungen, sondern im Sinne des Lernens ist absolut sinnvoll. Was lief gut? Was lief schlecht? Wo müssen wir besser werden? Ob das in einer Enquete-Kommission geschieht oder in Form einer anderen Organisationsweise, sei dahin gestellt. Hauptsache es geschieht eine ehrliche Aufarbeitung.
Frage: Karl Lauterbach sagt, wir seien jetzt viel besser für einen neuen Katastrophenfall gewappnet. Stimmt das?
Antwort: (Lacht sarkastisch) Ich befürchte Nein. Allenfalls, wenn Corona nochmal zurückkäme. Aber wenn eine andere Krise kommt, stehen wir wohl wieder im kurzen Hemd da, befürchte ich. Die Liste der Versäumnisse ist lang. Der öffentliche Gesundheitsdienst wurde bisher nicht restrukturiert und ausreichend gestärkt. Ich sehe auch keine echten Fortschritte in der Digitalisierung oder eine Garantie für bessere Datenlagen. Und ich sehe auch nicht, dass sich die für den Katastrophenschutz zuständigen Bundesländer neu aufgestellt hätten, außer dass sie die Nummer eines Virologen haben, um ihn um Rat zu fragen, wenn etwas auftaucht, was aussieht wie ein Virus.
Frage: Die ganzen Corona-Qualen - und der Staat hat nichts gelernt?
Antwort: Corona sollte Anlass sein um Ideen und Konzepte zu entwickeln. Nicht nur gegen ein aggressiveres Virus, sondern gegen Katastrophen unterschiedlicher Art. Das RKI hatte schon vor Jahren Szenarien aufgezeigt, Überflutungen, einen Atomunfall, sogar einen Corona-Ausbruch. Trotzdem war das Corona-Management 2020 dann aus der Hüfte geschossen. Das teilweise zu beobachtende Staatsversagen, das wir in der überstandenen Pandemie erlebt haben, das kann sich beim nächsten Mal leider wiederholen.