Kolumne „Alles Kultur“  Die Wut hilft mir manchmal

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 13.03.2023 08:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annie Heger
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Unsere Kolumnistin ist nicht oft fassungslos. Wie können wir den Angegriffenen trotz zwischen uns gewachsener Ablehnung helfen?, fragt sie – angesichts des Amoklaufs in Hamburg am Donnerstagabend.

Mein Kopf ist voller Schüsse. Ich schrieb diese Zeilen und wälzte die Themen, die in mir gerade präsent sind. Schließlich war letzte Woche „Weltfrauentag“ und ich habe viele Begegnungen geschenkt bekommen und auf Veranstaltungen Stimmen gehört aus Deutschland, dem Iran, der Ukraine, aus Politik, Kirche, vom Land, in Führungspositionen, von Müttern, Altersverarmten, Sexarbeiterinnen, Kämpfenden und müde Gewordenen.

Doch ist das „mein“ Thema hier in dieser Kulturkolumne? Oder gehört es eher dem Mittwoch? Nach weiterer Recherche, um mich abzusichern, merke ich, dass ich den Kulturbegriff nicht mal künstlich dehnen müsste, um über Frauenthemen zu schreiben. Und damit meine ich nicht Kosmetiktipps, Kindererziehung und Kochrezepte. Sondern Equal Pay Gap, Quote, Femizide, Tanz- und Kopftuchverbote. Kultur umfasst eben nicht nur die „Schönen Künste“, Bräuche und Traditionen, sondern auch die Kultur des Zusammenlebens, wie unser Miteinander gestaltet ist.

Wie sind Dinge geregelt, wer entscheidet und was ist davon historisch gewachsen? Genau hier steckte ich gerade gedanklich, bis mein Handy klingelte: „Annie, hast Du es schon gehört? Tödliche Schüsse im Königsreichsaal der Zeugen Jehovas.“ Mir schnürt sich der Hals zu. Mein Kopf ist voller angsterfüllter Gesichter, Schreie und Schüsse. Die Religionsgemeinschaft, die im Zweiten Weltkrieg den Dienst an der Waffe verweigert hat, auf die ist geschossen worden.

Die Zeug*innen und ich, wir haben es nie einfach miteinander gehabt. Eine Gemeinschaft, die ablehnt, wie ich liebe. Ich höre Stimmen: Was interessiert uns das, das ist doch schließlich so eine Sekte, die wollen nichts mit unserem Leben zu tun haben. Ich las auf Facebook den Satz: „Kein Wunder, wer an Türen klingelt, um über Gott zu reden, dass jemand mal ausrastet und auf die schießt.“ Die Wut darauf hilft mir. Aber wie können wir den Angegriffenen trotz zwischen uns gewachsener Distanz und Ablehnung helfen?

Ich schaue aus meinem Hotelfenster. Es schneit. Sind Schüsse eigentlich leiser im Schnee? Ich bete.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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