Hamburg  Samuel Koch: „Für mich ist persönliches Glück nicht der Maßstab aller Dinge“

Dagmar Leischow
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Von Dagmar Leischow
| 08.03.2023 13:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
„Ziemlich gut darin, das Leben zu feiern“: Schauspieler und Autor Samuel Koch Foto: Patrick Amos
„Ziemlich gut darin, das Leben zu feiern“: Schauspieler und Autor Samuel Koch Foto: Patrick Amos
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„Schwerelos – wie das Leben leichter wird“, heißt das Bühnenprogramm von Samuel Koch. Vor seinem Auftritt in Hamburg spricht der Schauspieler und Autor, der seit seinem Unfall bei „Wetten, dass..?“ querschnittgelähmt ist, im Interview über Glück, Inklusion und Sterbehilfe.

Am 4. Dezember 2010 veränderte sich Samuel Kochs Leben grundlegend. Der Kunstturner stürzte in der TV-Show „Wetten, dass..?“ so schwer, dass er seither querschnittgelähmt ist. Doch das Leben ging und geht weiter, Samuel Koch ist inzwischen Schauspieler und Autor.

Aktuell bringt der 35-Jährige seine erste Live-Show „Schwerelos – wie das Leben leichter wird“ auf die Bühne. Bei jedem Auftritt wird der gebürtige Rheinländer von einem Kinderchor und einem Überraschungsgast aus der jeweiligen Tourstadt begleitet.

Einige Ausschnitte präsentierte Samuel Koch nun vorab auf einem Bildschirm in der Hamburger Laeiszhalle. Es gibt Musik und Comedy, mal sieht man ihn in einem Astronautentrainingsgerät, mal interagiert er mit dem Schauspieler Robert Lang wie zwei Wesen in einem Körper oder erzählt Geschichten aus seinem Leben.

Frage: Nach einem Banden-Check während eines Spiels ist der Eishockey-Profi Mike Glemser nun querschnittgelähmt. Was macht eine Nachricht wie diese vom vergangenen Wochenende mit Ihnen?

Antwort: Sie schmerzt mich. Weil gerade diese Akutphase, in der man allmählich begreift, was eigentlich los ist, einfach furchtbar ist. Es gibt ja kaum einen athletischeren Sport als Eishockey. Wenn ich mir vorstelle, dass sich Mike Glemser jetzt nicht mehr bewegen kann, kriege ich einen Kloß im Hals.

Frage: Ist Ihre Show „Schwerelos“ auch dazu da, um Menschen wie Mike Glemser Mut zu machen?

Antwort: Ich mache den Leuten generell lieber Mut, statt sie herunterzuziehen. Gerade wenn ich an den Eishockey-Kameraden denke, weiß ich: Alles hat seine Zeit – Trauer, Verlust, Schmerz, Wut. Ich wünsche ihm und jedem anderen aber, dass neben den Wutausbrüchen irgendwann wieder Zeit für Mutausbrüche ist.

Frage: Haben Sie gelernt, aus jeder Situation das Beste herauszuholen?

Antwort: Nicht vollumfänglich. Doch meine Frau und ich sind ziemlich gut darin, jeden Moment irgendwie zu feiern. Auf der anderen Seite haben wir manchmal einen fast sarkastischen Spaß daran, uns Horrorszenarien auszumalen – den Worst Case. Ich denke, es ist gar nicht so falsch, sich vor Augen zu führen: Es könnte alles auch noch viel schlimmer sein. Gleichzeitig sollten wir uns bewusstwerden, dass wir die privilegierteste Generation sind. Wir haben mehr Chancen und Möglichkeiten als all diejenigen, die vor uns gelebt haben.

Frage: Sind Sie dank dieses Wissens ein glücklicher Mensch?

Antwort: Ich halte das persönliche Glück nicht unbedingt für den Maßstab aller Dinge. Wir sollten nicht nur versuchen, uns selbst glücklich zu machen, sondern auch andere. Temporär bin ich sehr zufrieden, ich habe einen großen inneren Frieden gefunden – das ist meiner Meinung nach das Wichtigste. Dennoch will ich mich nicht zu schnell zufriedengeben. Ich bin nach wie vor rastlos.

Frage: Wie äußert sich das?

Antwort: Manchmal leide ich an der Angst, etwas zu verpassen. Als ich mein Bühnenprogramm vorbereitet habe, nahm ich mir vor: Es soll unterhalten und Spaß machen, genauso soll es aber eine wirkliche Bedeutung haben. Also habe ich mich mit Ethikern, Soziologen, Psychologen oder Traumatherapeuten getroffen. Mein Ziel war es, die Essenz aus allem in meinen Abend einzubauen. Bis ich merkte: Damit werde ich nie fertig. Also habe ich mich drei Tage in einem Kloster eingeschlossen und den Kontakt zur Außenwelt abgebrochen. Das habe ich sehr genossen.

Frage: Sie scheinen Ihr Schicksal besser zu meistern als etwa Will, die Hauptfigur in Jojo Moyes Roman „Ein ganzes halbes Jahr“. Der Gelähmte beendet sein Leben mithilfe einer Sterbehilfe-Organisation.

Antwort: Ich habe leider viele Menschen mit ähnlichen Geschichten kennengelernt. Im vergangenen Jahr habe sich zwei Querschnittgelähmte für diesen Weg entschieden. Das kam für mich völlig überraschend. Ich habe sie noch in der Klinik besucht, es ging eigentlich bergauf. Doch sie wollten so nicht mehr weiterleben. Ich kann und will das nicht verurteilen. Auch ich hatte Phasen, in denen ich dachte: So wie ich mir den Himmel vorstelle, wäre er auf jeden Fall schöner als das, was ich gerade erlebe. Aber dann sind da wieder meine Neugier und meine Abenteuerlust. Wenn ich mit offenen Ohren, offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt gehe, ist da draußen so viel Schönes. Daran hänge ich zu sehr, um diesen radikalen Schritt zu bevorzugen.

Frage: Inklusion und Diversität sind heutzutage viel diskutierte Themen. Wie geht es auf diesen Gebieten voran?

Antwort: Ich sage immer ganz salopp: Inklusion haben wir dann erreicht, wenn wir nicht mehr darüber reden müssen. Natürlich ist es gut, dass ein Ruck durch unsere Gesellschaft geht. Zugleich habe ich das Gefühl, die Diversitätsbewegung läuft Gefahr, auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen – besonders in der Theater- und Schauspielbranche. Plötzlich dürfen Rollstuhlfahrer nur noch von Rollstuhlfahrern gespielt werden, Homosexuelle von Homosexuellen. Das wirft für mich Fragen auf, mit denen ich mich in einer Serie beschäftige, die ich zusammen mit einem Autor und Regisseur schreibe. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich finde es gut, dass viel für Inklusion und Diversität getan wird. Doch es gibt noch viel zu tun.

Samuel Koch tritt am Mittwoch, 10. Mai 2023, um 19 Uhr in der Hamburger Laeiszhalle auf, Karten ab 38,50 Euro. Weitere Informationen unter www.kj.de

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