Neumünster  Wie die Polizei ein geplantes Rechtsrock-Konzert in Norddeutschland enttarnte

Dörte Moritzen, Benjamin Steinhausen
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Von Dörte Moritzen, Benjamin Steinhausen
| 07.03.2023 18:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Kleingärten sind beliebte Treffpunkte in der rechten Szene. Ein Rechtsrock-Konzert in Schleswig-Holstein soll von einem bundesweit bekannten NPD-Funktionär geplant worden sein. Wie die Polizei Wind davon bekommen hat.

Nur noch das notdürftig mit Brettern vernagelte Vereinsheim zeugt davon, was in der Nacht zu Sonntag in der beschaulichen Heinrich-Förster-Gartenkolonie im schleswig-holsteinischen Neumünster los war. „Sowas habe ich noch nicht erlebt“, sagt Uwe Niels, Vorsitzender des Kreisvereins der Kleingärtner.

Er selbst habe am Sonntagmorgen beim Surfen auf Facebook erfahren, dass rund 400 Rechte am vergangenen Wochenende ein Konzert mit einschlägig bekannten Bands in der Gartenkolonie veranstalten wollten.

Die Polizei hatte laut einem Pressesprecher allerdings bereits Ende der Woche Wind von dem Vorhaben bekommen. „Uns war bekannt, dass es so eine Veranstaltung im norddeutschen Raum geben soll. Erst am Sonnabend ist es uns gelungen, den Veranstaltungsort in Neumünster zu verifizieren“, teilt der Sprecher mit.

Mit einem enormen Aufgebot an Einsatzkräften aus Neumünster, Hamburg und von der Bundespolizei hat sich die Behörde darauf vorbereitet. Das Konzert konnten sie verhindern, es kam jedoch zu massiven Auseinandersetzungen zwischen den Polizisten und rund 200 Rechten, die sich im Vereinsheim verschanzten.

Das offenbar unter Federführung des bundesweit bekannten NPD-Funktionärs Thorsten Heise geplante Rechtsrock-Konzert haben die Rechten zunächst als Verlobungsfeier getarnt, um das Vereinsheim als Veranstaltungsort nutzen zu können. „Viele Hallen und Säle gibt es in Neumünster ja kaum noch. Das Vereinsheim ist in mehrere Räume unterteilt, bietet kleine Veranstaltungsräume und einen großen Saal. Die Räume sind beliebt, um mit größeren Gesellschaften Hochzeiten oder Geburtstage zu feiern“, beschreibt Uwe Niels.

Eine junge Frau hätte sich bei einem Verantwortlichen in der Gartenkolonie zunächst telefonisch gemeldet und mitgeteilt, sie plane eine Verlobungsfeier in dem Saal. „Es kam zu einem Termin vor Ort und dann erhielt sie die Schlüssel“, beschreibt der Kreisvorsitzende. Das sei das übliche Prozedere.

Die Rolle der Anmelderin sei noch unklar. Auch die Polizei habe laut Petersen keine Erkenntnisse über die Person. Es sei auch nicht bekannt, ob sie selbst vor Ort war. Niels: „Zurzeit können wir ihr nur vorwerfen, dass sie gelogen hat. Sollte sich herausstellen, dass sie eine Gartenfreundin unseres Vereins ist, leiten wir weitere Schritte gegen sie ein.“

Beobachter der Szene warnen bereits seit Jahren öffentlich davor, dass Kleingärten zunehmend als Treffpunkte für Neonazis dienen. Dabei wurden auch Parzellen in Neumünster benannt. Seit 2021 habe die örtliche Polizei zwei Ruhestörungen aus der Heinrich-Förster-Gartenkolonie angezeigt bekommen, bei denen die Störer mutmaßlich der rechten Szene zuzuordnen seien.

Vor rund einem Jahr wehte nicht weit von dem jetzt zertrümmerten Vereinsheim in der Heinrich-Förster-Gartenkolonie weit sichtbar eine sogenannte Reichsflagge. Das Modell mit den drei waagerechten Streifen in Schwarz-Weiß-Rot diente von 1867 bis 1871 als Kennzeichen für Handels- und Kriegsschiffe des Norddeutschen Bundes und war von 1871 bis 1919 die Nationalflagge des Deutschen Reichs in der Kaiserzeit. Von 1933 bis 1935 war sie vorübergehend zusätzlich Flagge des „Dritten Reichs“ bis ausschließlich die Hakenkreuzflagge als Nationalflagge verwendet wurde.

Aktuell ist die Reichsflagge in Schleswig-Holstein nicht grundsätzlich verboten. Das bestätigte Tim Radtke, Sprecher des Innenministeriums in Kiel, auf Nachfrage. Letztendlich muss jeder Einzelfall bewertet und anhand eines Mustererlasses geprüft werden, ob eine Gefahr für die öffentliche Ordnung vorliegt. Anfang 2022 bekam der Courier von Experten der Polizei, die ein Foto vorgelegt bekommen hatten, die Auskunft, dass die in der Förster-Kolonie gehisste Reichsflagge in diesem Zusammenhang nicht verboten sei. 

Laut Innenministerium werden Reichsflaggen werden immer wieder „als Symbol für die Unterstützung von (neo)nationalsozialistischen Anschauungen und die Ablehnung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung und der verfassungsmäßig bestellten Organe verwendet“.

Im Vereinsheim sind jetzt zwei große Fenster kaputt, durch eines sollen die Rechten einen Feuerlöscher auf die Polizisten geworfen haben. Im Innenraum ist eine Tür im Eingangsbereich zerstört sowie auch ein Großteil des Mobiliars.

„Wir können das Vereinsheim noch nicht betreten, weil das Reizgas der Polizei noch immer wirksam ist. Wir lüften das Gebäude täglich, aber es kann noch Wochen dauern, bis wir hineinkommen. Daher wissen wir auch noch nicht, was alles kaputt ist und wie hoch der Schaden letztlich ist“, berichtet Uwe Niels. Er warte jetzt darauf, dass die Polizei ihre Ermittlungsarbeiten abgeschlossen hat, und will dann Anzeige wegen Sachbeschädigung gegen Unbekannt erstatten.

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