Hamburg Warum gibt es kaum Internet an Bord der Kriegsschiffe?
Marine-Soldaten sind oft monatelang unterwegs. Internet haben die meisten auf ihrer Reise nicht. Die Regierung hatte schon vor Jahren Nachbesserungen versprochen, schiebt das Problem aber auf die lange Bank. Dabei wäre Internet an Bord aus mehreren Gründen sinnvoll.
Knapp 50 Schiffe stehen im Dienst der Deutschen Marine, teilweise hochmoderne Kriegsschiffe, die mit ihren Besatzungen monatelang unterwegs sind. Doch im Zeitalter des Internetzugangs sind die wenigsten bislang angenommen. Eine Tatsache, die exemplarisch zeigt, wie weit Wunsch und Wirklichkeit bei der Truppe auseinanderliegen können.
Bei den Kriegsschiffen ist es einzig die Fregatte „Bayern“, bei der die Soldaten mittlerweile in ihrer knapp bemessenen Freizeit an Bord auch mal im weltweiten Netz surfen können. Andere Nationen sind da längst weiter:
„US-Amerikaner, Niederländer, Briten können allesamt via Video Call mit Freunden und Verwandten vom Schiff in See aus Verbindung halten. Unsere Marine-Soldaten können mit etwas Glück und speziellen Telefonen an Oberdeck stehend eine Verbindung nach Hause aufbauen. Ist im Winter auch nicht wirklich witzig”, kritisiert Fregattenkapitän Marco Thiele, Vorsitzender „Marine“ im Bundeswehrverband gegenüber unserer Redaktion.
Thiele war schon vor 20 Jahren mal mit den US-Amerikanern unterwegs gewesen. „Schon damals gab es eine 256-Kilobyte-Leitung”, verdeutlicht er. Das habe zumindest für kleine Erledigungen gereicht. Damals ein Luxus, heute eigentlich Standard. Nur nicht für die Marine-Soldaten.
„Ein junger Mensch läuft mittlerweile sein ganzes Leben mit dem Smartphone herum. Dem kannst du vielleicht noch erklären, dass er mehrere Monate nicht zu Hause ist, wenn er zur See fährt. Aber nicht, dass er monatelang auf das Smartphone und die Kommunikation damit verzichten muss. Auch das erschwert die Nachwuchsgewinnung”, meint er. Doch die Bundeswehr verpasse hier die Möglichkeit, für den Nachwuchs attraktiver zu werden.
Dabei weiß das Verteidigungsminsiterium um die Wichtigkeit des Themas, wie eine Antwort an unsere Redaktion zeigt: „Durch BeM wird die Verbindung zu Angehörigen und Freunden aufrechterhalten und die Teilhabe am kulturellen und politischen Tagesgeschehen sichergestellt.“ Die Bereitschaft für Einsätze im Ausland hänge durchaus auch mit einer vernünftigen Betreuungskommunikation zusammen, dem ganzen werde eine hohe Beduetung beigemessen.
Doch bei der Umsetzung dieser Pläne ist von dem Pathos nicht mehr viel zu spüren, generell zeigt sich das Verteidigungsministerium schmallippig: Wie viele der 49 Marineschiffe überhaupt noch mit Internetzugängen ausgestattet werden sollen, lässt sie unbeantwortet. Aber: „Die Realisierung der in diesem Zusammenhang bereits initiierten Rüstungsvorhaben wird voraussichtlich einige Jahre in Anspruch nehmen.“
Eine Aussage, die Marco Thiele kurzerhand als „vernunft-beleidigend” klassifiziert. Denn die Marine-Soldaten warten mittlerweile schon seit Jahren auf die Einlösung des Versprechens, das einst bereits Verteidigungsminsiterin Ursula von der Leyen gegeben haben soll. 2015 wurde das Problem der nicht zeitgemäßen Austattung der Marineschiffe bereits erkannt. Doch weder in sechs Jahren der Großen Koalition, noch im ersten Jahr der Ampel-Regierung kam bislang Bewegung in die Sache.
Ein gefundenes Fressen für die Opposition. „Das Thema ist bereits seit über 20 Jahren immer wieder auf der Tagesordnung des Verteidigungsausschusses”, betont Rüdiger Lucassen, der verteidigungspolitische Sprecher der AfD. Es sei „ein Armutszeugnis für die Bundesregierung”, dass sich daran noch nichts geändert hat. „Wenn es an solchen Kleinigkeiten scheitert, wird mir um die großen Projekte der Zeitenwende Angst und Bange.“
Sein Pendant bei der Union formuliert es weniger drastisch, unterstützt das Anliegen dennoch. Gerade die Marine, bei dem die Soldaten sehr lange von der Heimat entfernt sind, sollte die Möglichkeiten des Austausches mit der Familie bekommen, teilte Florian Hahn von der CDU/CSU-Fraktion mit. „Das muss auf allen Schiffen reibungslos möglich sein und darf nicht am Geld scheitern.”
Und auch Vertreter aus den Regierungsfraktionen machen Druck. Verteidigungspolitiker Boris Mijatović von den Grünen weiß um die Wichtigkeit von Internetzugängen für die Soldaten. „Gerade auch mit Blick auf die Gewinnung neuen Personals ist der weitere Ausbau der Betreuungskommunikation in der Bundeswehr enorm wichtig“, bekräftigt er.
Der politische Wille im Parlament scheint also auch Jahre später ungebrochen. Doch Kriegsschiffe mit Netzwerken auszustatten ist durchaus kompliziert: Bei einem Kriegsschiff lässt sich nur schlecht mal eben die Wand aufbohren, um ein Kabel durchzuziehen, auf hoher See müssen sich Netzwerke mit den Satelliten verbinden, um überhaupt einen Internetzugang zu haben, verteidigt sich das Ministerium. Und die Rahmenbedingungen seien nun mal andere als auf Handels- oder Kreuzfahrtschiffen.
Fregattenkapitän Thiele vermutet, dass die Bremsklötze abermals im komplizierten Beschaffungswesen der Truppe liegen. „Das ist ärgerlich, weil es so einfach zu ändern ist.” Man müsse lediglich bei der nächsten Inspektion eines Schiffes den Auftrag erteilen, die notwendigen Netzwerkkabel einzubauen. „Das sind Kosten, die im Vergleich zu anderen Ausgaben nicht mal wirklich auffallen”, bekräftigt Thiele.