Osnabrück Fatma Aydemir: Wir sollten das Wort Integration entsorgen
Sie kann die Wörter Heimat und Integration nicht mehr hören: Autorin Fatma Aydemir meint, dass alle Menschen überall zu Hause sein können. Im Gespräch erklärt sie, warum Frauen für den gesellschaftlichen Fortschritt besonders wichtig sind.
Frage: Das Erdbeben in der Türkei und Syrien mit über 50000 Toten macht fassungslos. Haben Sie Angehörige und Freunde in der Türkei, die von dieser Katastrophe betroffen sind?
Antwort: Ja, ich habe Angehörige und Freunde in der Region, nahe des Epizentrums. Zum Glück haben alle überlebt, die mir nahestehen. Auf der einen Seite ist das eine Erleichterung. Ich versuche auch, sie zu unterstützen, wo es geht. Auf der anderen Seite kann ich auch nicht von Erleichterung sprechen, weil so viele andere Menschen ihr Leben verloren haben. Man möchte sich glücklich schätzen, muss aber gleichzeitig mit dem Unglück der anderen leben lernen.
Frage: Wie sehen Sie die politischen und gesellschaftlichen Reaktionen auf das Erdbeben in der Türkei. Halten Sie politische Veränderungen für wahrscheinlich?
Antwort: Es ist gerade in dem Land sehr viel Wut zu verspüren. Die Naturkatastrophe hat aber auch nur jene Probleme wieder ins Bewusstsein gebracht, die schon vorhanden waren. Dabei geht es vor allem um Korruption, die gerade in dem seit Jahrzehnten boomenden Bausektor sichtbar wird. Die Bevölkerung war immer wütend. Jetzt kommen aber sehr viele unterschiedliche politische Gruppierungen zusammen. Die Regierung wird wohl nicht einfach zurücktreten. Sie wird aber auch nicht so weitermachen können wie bisher. Irgendetwas wird sich verändern müssen. Die Frage ist aber auch, wie die Gesprächspartner der türkischen Regierung sich verhalten, also die Bundesregierung oder auch die EU. Die Unterstützung der AKP-Regierung sollte in Frage gestellt werden.
Frage: Katastrophen sind auch Prüfsteine der Solidarität. Wie sehen Sie die Reaktionen hierzulande auf das Erdbeben - empathisch oder eher wenig berührt?
Antwort: Das ist schwer zu sagen. In meinem Umfeld spüre eine große Solidarität. In der ganzen Gesellschaft scheint mir das Thema schnell aus dem Fokus der Aufmerksamkeit geraten zu sein. Gleichwohl gibt es ja große türkische, kurdische und syrische Communities, die ja auch Teil der Gesellschaft sind. Ich halte nichts davon, die Frage nach dem Erdbeben etwa mit dem Krieg in der Ukraine zu vergleichen. Das ist einfach eine andere Situation. Die Spanne der Aufmerksamkeit wird allerdings auch immer kürzer. Die Menschen haben mit vielen medialen Ablenkungen zu kämpfen. Da fällt es nicht leicht, auf das Leid anderer und ihrer Bedürftigkeit zu schauen. Jetzt kommt es darauf an, für die Erdbebenopfer zu spenden. Aber die Bereitschaft dafür scheint gar nicht so hoch zu sein. Viele Menschen scheinen wegen der Inflation auch weniger Geld zur Verfügung zu haben.
Frage: Sie haben vor zwei Wochen an einer Lesung zu dem Mordanschlag von Hanau vom 19. Februar 2020 teilgenommen. Wie integriert und tolerant ist die längst migrantisch geprägte Gesellschaft der Bundesrepublik?
Antwort: Ich denke, die Gesellschaft ist zu tolerant, aber nur im Umgang mit rechtem Gedankengut. Der rechtsextreme Anschlag von Hanau markiert ein historisches Ereignis. Ich habe das Gefühl, dass seinerzeit viel darüber diskutiert wurde. Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel versprach eine lückenlose Aufklärung. Diese Versprechen wurden nicht eingehalten. Inzwischen ist es eher so, dass in Hessen versucht wird, von den Lücken in der Ermittlung abzulenken. Es ist noch nicht geklärt, warum die Polizei unerreichbar war, warum sie so spät eingetroffen ist und nicht rechtzeitig auf Lebenszeichen der Opfer geachtet hat. Kritik an diesem Umstand äußern nur bestimmte Gruppierungen, das gesamtgesellschaftliche Interesse an dem Anschlag hat dagegen sehr schnell nachgelassen.
Frage: Es gab ja auch die Mordserie der NSU...
Antwort: Ja, ein weiterer Fall von rechtsextremen Terror, bei dem die Versäumnisse der Sicherheitsbehörden kaum aufgeklärt wurden. Beim Anschlag von Hanau kommt noch hinzu, dass der Täter immer noch als psychisch verwirrter Einzeltäter porträtiert wird, obwohl die Tat ganz eindeutig rassistisch motiviert war. Rassismus ist aber keine psychische Krankheit, sondern eine Ideologie.
Frage: Die Gewalt der Silvesternacht in Berlin hat vor allem junge Migranten in den Fokus gerückt. Sie sollen überproportional an den Gewaltakten beteiligt gewesen sein. Wie verstehen Sie das - als berechtigten Vorwurf oder als Ausdruck eines Vorurteils?
Antwort: Es hat sich ja inzwischen herausgestellt, dass es gar keine Mehrheit von Migranten unter den Gewalttätern gegeben hat. Ich habe es von Anfang an nicht als gerechtfertigt empfunden, diese Gewalt Migranten zuzuschreiben. Ich finde, dass grundsätzlich diese Kultur der Silvesterfeiern in Deutschland hinterfragt werden sollte, allein schon wegen dem Aspekt der Umweltverschmutzung. Aber es ist nicht überraschend, dass die Vorfälle von Berlin zum Anlass genommen worden sind, das Thema Migration noch einmal als Ganzes zu skandalisieren. Das Bild des migrantischen Mannes, der gewalttätig ist, wird so immer wieder zu politischen Zwecken bedient.
Frage: Ihr Roman “Dschinns” beginnt mit einer Katastrophe. Hüseyin erfüllt sich einen Traum: eine eigene Wohnung in Istanbul, in der er seinen Ruhestand verbringen will. Am Tag seines Einzugs stirbt er dort. Ein Symbol dafür, dass es für den Migranten am Ende keine Rückkehr, keine Heimat gibt?
Antwort: Die Frage nach der Identität ist sehr komplex. Es geht um ein Zuhause. Die Romanfigur will nach Hause kommen. Dafür spart er jahrelang auf diese Wohnung, in der er stirbt. Zu der Stadt Istanbul hat er eigentlich ja gar keinen Bezug. Er projiziert viele Träume auf dieses Zuhause, auch im Hinblick auf seine Familie. Diese Wohnung steht aber auch als Symbol für die Tragik des einfachen Arbeiters, der auf etwas hinarbeitet, das er gar nicht mehr genießen kann, weil er an seiner Erschöpfung zugrunde geht.
Frage: Ihre Großeltern sind einst als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Sie sind in Karlsruhe geboren. Was ist für Sie Heimat?
Antwort: Ich habe mich an dem Begriff der Heimat so lange abgekämpft. Ich mag nicht, wie der Begriff politisch instrumentalisiert wird. Seinerzeit ist ja auch ein Heimatministerium gegründet und mit Horst Seehofer sehr konservativ besetzt worden. Mir kam das damals wie ein Ufo vor, das plötzlich in unserer Wirklichkeit landet. Ich verwende den Begriff Heimat gar nicht. Der ist mir zu vergiftet. Ich bin da zu Hause, wo die Menschen sind, die ich liebe, mit denen ich solidarisch bin, die sich um mich kümmern.
Frage: Hüseyin, Emine und ihre Kinder: In ihrem Roman reden sie über die Familie und ihre Verdrängungen. Sind sie mit ihren Konflikten nicht auch eine fast typisch deutsche Familie?
Antwort: Ich konzipiere meine Figuren nicht mit dem kulturalistischen Blick. Ich beschreibe eine Familie, die für mich glaubhaft ist. In ihr kommen die Fragen nach Familie überhaupt zusammen. Mein Buch wird gerade in andere Sprachen übersetzt und ich bekomme, etwa aus Spanien und den Niederlanden die Rückmeldung, dass sich die Menschen dort gut mit dem identifizieren können, was in dem Roman beschrieben wird. Deutsche Familien können das sicher auch. Es geht nur um Nuancen, die sich vielleicht unterscheiden. Als der Roman erschien, zeigten mir erste Reaktionen, dass das Publikum bereit ist, Geschichten als Geschichten zu lesen und nicht als Beschreibung einer exotischen Welt. Es geht um die menschliche Erfahrung.
Frage: Wer Ihren Roman liest, gewinnt den Eindruck, dass es vor allem die Töchter der Migranten sind, die die Zukunft gewinnen. Sind es diese jungen Frauen, die in unserer Gesellschaft die eigentliche Avantgarde sind?
Antwort: Eine gute Frage. Ja, das würde ich sagen. Avantgarde bedeutet immer, dass es um die Vorstellung einer fortschrittlichen Gesellschaft geht. Es geht darum, von patriarchalen Strukturen Abschied zu nehmen. Es geht darum, dass sich Frauen, Mütter, Töchter aus Zwängen befreien und sich von solchen Strukturen emanzipieren. Ich würde die Rolle der Männer aber auch nicht unterschätzen. Sie müssen sich auch befreien. Als ich über die Figuren der Brüder geschrieben habe, habe ich viel darüber nachgedacht. Sie sind ja auch gefangen in einer Familienstruktur, in der viele Erwartungen auf sie projiziert werden. Gesellschaftlicher Fortschritt geht nur, wenn wir uns alle gemeinsam befreien.
Frage: Woher man auch kommt, die eigene Herkunft lässt einen niemals so ganz los. Auch dies lässt sich aus Ihrem Roman herauslesen. Was ist für Sie gelungene Integration? Ist sie möglich?
Antwort: Der Gegensatz von den Alteingesessenen und den Zuwanderern ist ja ein Konstrukt, mit dem eine Mehrheitsgesellschaft arbeitet. Die Art wie wir darüber sprechen, verändert sich mit den Jahren. Ich denke, es ist Zeit, das Wort „Integration“ zu entsorgen. Die Idee, dass es eine Einheit gibt, in die sich andere integrieren müssen, finde ich nicht zeitgemäß. Mir leuchtet das nicht ein, weil alle ständig in Bewegung sind und überall zu Hause sein könnten. In den letzten Jahren hat sich die Weise, wie mit Literatur über migrantische Themen gesprochen wird, noch einmal sehr verändert. Das Label Migrantenliteratur spielt zum Glück keine so große Rolle mehr, es geht um Literatur und die beschreibt immer sehr vielfältige Erfahrungen und Perspektiven. Ich denke, die Leserschaft versteht das zum Teil viel besser als das Feuilleton. Da tut sich gesellschaftlich gerade einiges.
Fatma Aydemir: Dschinns. Roman. Hanser Verlag. 348 Seiten. 24 Euro.