Osnabrück  Tingeltangel: Ein Ort, den brave Bürger nur heimlich besuchten

Stefan Lueddemann
|
Von Stefan Lueddemann
| 03.03.2023 05:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Gesang, Klavier und Tingeltangel: Ein Chansonabend am Kasseler Staatstheater über die wilden Zwanziger. Foto: www.imago-images.de
Gesang, Klavier und Tingeltangel: Ein Chansonabend am Kasseler Staatstheater über die wilden Zwanziger. Foto: www.imago-images.de
Artikel teilen:

Was war eigentlich ein Tingeltangel? Das abschätzig gemeinte Wort verweist auf eine Zeit, in der Bürger über das Vergnügen vermeintlicher Unterschichten die Nase rümpften.

Schreibt man nun Tingel Tangel oder Tingeltangel? Ganz egal, das Wort ist ohnehin veraltet, seine Bedeutung aber durchaus präsent. Jenseits der Schreibungsvarianten des Eintrags im Duden entfaltet das Wort noch heute aus einem einfachen Grund seine Bedeutung: Es klingt so wie das, was es meint.

Meyers Lexikon von 1909 beschreibt es so: „Berliner Ausdruck für Singhallen niedrigster Art“. Das ist kurz und harsch gesagt, geht aber nicht unbedingt an der Sache vorbei. In einem Tingeltangel wurde früher jene Musik gespielt, die laut und lärmend, aber nicht unbedingt von großer Finesse war. Das Wort Tingeltangel meint dabei beides: Die Musik und den Ort ihrer Darbietung.

Was wäre ein Tingeltangel heute? Eine Disco, ein Club? Alle Vergleiche treffen es nicht. Die Musik, die da gespielt wird, ist nicht nur anerkannt, sie findet auch mitten in der Gesellschaft statt. Popmusik ist längst kein reines Jugendphänomen mehr.

Mit dem Wort Tingeltangel verbindet sich, was vor über hundert Jahren Naserümpfen auslöste – die Vorstellung eines billigen Vergnügens der Unterschicht. Die Berliner Vergnügungslokale standen in keinem guten Ruf. Regelmäßig rückte die Polizei an, auch weil der Tingeltangel im Verdacht stand, Kriminalität und Prostitution anzuziehen.

Heute gilt der Blick eher einer Szene, die als Gegen- oder Alternativkultur gelten würde. Der Tingeltangel war eine Kultur der Geselligkeit, weil er verband, was das höhere Bürgertum streng unterschied: Kulturgenuss und Kommunikation. Das französische Wort des Café chantant meinte Ähnliches: ein Kaffeehaus, in dem auch Musik dargeboten wurde. In Frankreich charmant, in Deutschland ordinär: In Vergleichen der Zeitgenossen schnitt der Tingeltangel nicht gut ab.

Das Wort Tingeltangel schrillt und scheppert nicht ohne Grund. Es verdankt sich lautmalerischer Umsetzung jener Musik, die laut und grell war, aber nicht unbedingt schön. Wer in einem solche Etablissement auftrat, tingelte übrigens über die Dörfer. Das gibt es heute immer noch.

Ähnliche Artikel