Nach Eklat in Wiefelstede  Der Kampf gegen die Personalnot in ostfriesischen Schulen

Andreas Ellinger
|
Von Andreas Ellinger
| 25.02.2023 13:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Lehrermangel gibt es nicht nur in Ostfriesland und darüber hinaus in Niedersachsen. Das Land Sachsen-Anhalt sucht Seiteneinsteiger sogar per „Speeddating.“ Foto: Willnow/dpa
Lehrermangel gibt es nicht nur in Ostfriesland und darüber hinaus in Niedersachsen. Das Land Sachsen-Anhalt sucht Seiteneinsteiger sogar per „Speeddating.“ Foto: Willnow/dpa
Artikel teilen:

Die „Vier-Tage-Woche“ der Grundschule in Wiefelstede schaffte es bis in den Landtag – im Ammerland gibt es jetzt Personallösungen. Aber wie behelfen sich Schulen in Ostfriesland, wenn Lehrer fehlen?

Ostfriesland/Hannover - Dass die Grundschule im Ammerländer Ort Wiefelstede im laufenden Monat aus Lehrermangel kurz eine Vier-Tage-Woche für Klassen eingeführt hat, sei kein Einzelfall im Bezirk Weser-Ems, sagt Wencke Hlynsdóttir, die kommissarische Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in dieser Region. Gab es das auch in Ostfriesland schon? „Zum Schutz der betreffenden Schulen möchte ich keine konkret nennen“, schreibt Hlynsdóttir. Es werde auch künftig Schulen geben, die von dieser Notlösung Gebrauch machen müssen. „Die desolate Unterrichtsversorgung und der Fachkräftemangel wird uns noch lange beschäftigen.“

Das Kultusministerium hat hingegen auf Anfrage unserer Zeitung mitgeteilt: „Vergleichbare Vorgehensweisen an anderen Schulen sind hier nicht bekannt.“ Bei Unterrichtsausfall sei „immer die Verlässlichkeit der Grundschule abzusichern“. Dass es kurzfristig zu Ausfallsituationen kommen könne, sei davon jedoch unberührt: „Als Dauerlösung und Grundsatz sind solche Modelle aber nicht vorgesehen.“

Landtag befasste sich mit Wiefelsteder Schule

Der Fall Wiefelstede kam in einer „Aktuellen Stunde“ des niedersächsischen Landtags auf die Tagesordnung. Das Kultusministerium hat das Redemanuskript von Ministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) geschickt. Darin heißt es: „Die besondere Situation an der Grundschule in Wiefelstede konnte durch rasches und zielführendes Agieren des Regionalen Landesamtes für Schule und Bildung Osnabrück in Abstimmung mit dem Kultusministerium und der Schulleiterin vor Ort gelöst werden.“ Konkreter: „Die Gewährleistung des Unterrichts und der Verlässlichkeit war durch Umstellungen am Stundenplan, Abordnungen von umliegenden Schulen, die vorübergehende Mehrarbeit pädagogischer Fachkräfte sowie die kurzfristige Einstellung einer Vertretungslehrkraft möglich.“

Die GEW-Bezirksvorsitzende Hlynsdóttir gibt zu bedenken: „Eine sogenannte ,Vier-Tage-Woche‘, in der Lerngruppen für einen kurzen Zeitraum für einen Tag in der Woche im Homeschooling beziehungsweise in der Notbetreuung sind, ist in der Regel konzeptionell gut durchdacht und daher pädagogisch und qualitativ sinnvoller als die möglichen Alternativen.“ Sie wünsche sich „einen differenzierten Blick auf die Konsequenzen solcher Alternativen im Hinblick auf Qualität, Chancengleichheit, Bildungsgerechtigkeit, Kontinuität, Belastung, et cetera.“ Abgesehen davon sei eine Notbetreuung für die Kinder in Wiefelstede vorgesehen gewesen: „Ob hier oder im Homeschooling wären pädagogisch und fachlich vorbereitete Aufgaben von den Kindern bearbeitet worden.“

Gymnasien sind in Ostfriesland am besten mit Lehrern versorgt

Das Kultusministerium sieht sich durch die Notlage in Wiefelstede bestätigt: „Der Einzelfall verdeutlicht einmal mehr, dass es richtig ist, dass Thema Fachkräftemangel im Bildungsbereich ganz oben auf die landespolitische Agenda gesetzt zu haben.“ Denn: „Die Situation an unseren Schulen ist durch den Fachkräftemangel gerade in ländlichen Räumen zunehmend angespannt.“

In Ostfriesland sind die Gymnasien tendenziell am besten mit Lehrern versorgt – zu 98 Prozent der Soll-Stunden in der Stadt Emden, zu 99,4 Prozent im Landkreis Wittmund zu 101,7 Prozent im Kreis Aurich und zu 101,9 Prozent im Kreis Leer. Die Versorgungsgrade hat das Landesschulamt zum Beginn des Schuljahres ermittelt.

Wie das Leeraner UEG personelle Schwierigkeiten bekam

„Damals lagen wir knapp unter 100 Prozent“, berichtet Ute Wieligmann, die Schulleiterin des Ubbo-Emmius-Gymnasiums Leer. „Das hat sich im Laufe des Schuljahres aufgrund von zwei längerfristigen Lehrkräfteausfällen leider verschlechtert.“ So ähnlich war es auch der Grundschule Wiefelstede ergangen. Wieligmann schreibt: „Das Defizit konnten wir glücklicherweise unmittelbar und weitestgehend durch Vertretungslehrkräfte auffangen.“

Bei der Suche nach Vertretungslehrkräften unterstütze die Landesschulverwaltung die Schulen, die Einstellung werde vom Land übernommen, erläutert die Oberstudiendirektorin. „Die schnelle Einstellung von Vertretungslehrkräften ist natürlich weiterhin eine wünschenswerte und schnell wirksame Maßnahme.“ Zudem hätten „einige wenige Lehrkräfte ein freiwilliges Arbeitszeitkonto angelegt“, also zusätzliche Stunden geleistet. Trotzdem sei während „der akuten Krankheitswelle vor Weihnachten“ auch „hin und wieder Unterricht in Form von Randstunden ausgefallen“.

Warum in der IGS Emden derzeit kein Unterricht gekürzt wird

Das Kultusministerium will den Fachkräftemangel kurzfristig „durch zusätzliches nichtlehrendes Personal“ mindern. Doch es gehe „auch um mittel- und langfristige Maßnahmen wie höhere Attraktivität durch A13 als Einstiegsgehalt auch für Grund-, Haupt- und Realschullehrkräfte und bedarfsgerechte Kapazitäten an Studienplätzen und Plätzen an den Ausbildungsseminaren“. Das Ministerium geht davon aus, dass sich der „deutschlandweite Lehrkräftemangel“ nicht kurzfristig beheben lassen wird, so dass weiterhin „Plan-B-Maßnahmen“ nötig seien.

Aus Emden kommt eine Erfolgsmeldung: „An der Integrierten Gesamtschule kümmert sich die Schulleitung seit Monaten intensiv und mit Erfolg um die Rekrutierung von zusätzlichen Lehrkräften“, schreibt Vertretungsplaner Nils Thorweger im Auftrag des Schulleiters. „Seit den Sommerferien konnten bislang etwa 15 Plan- und Vertretungsstellen besetzt werden.“ Derzeit müsse daher „überhaupt gar kein Unterricht gekürzt werden“. Aber: „In Phasen mit einem hohen Krankenstand im Kollegium kann es vorkommen, dass vereinzelt Randstunden entfallen“. Nicht jedoch in den fünften Klassen, so Thorweger, „da wir hier ,verlässlich‘ sind“.

Ähnliche Artikel