Alles Kultur  Mit Freunden die Unsicherheit überwinden

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 27.02.2023 08:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annie Heger.
Annie Heger.
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Unsere Kolumnistin steht zwar leidenschaftlich gerne auf der Bühne, aber eigentlich ist sie schüchtern. Wie es ihr gelingt, Selbstbewusstsein zu finden, verrät sie in dieser Kolumne-

Ich stand letzte Woche geschlagene 15 Minuten auf der anderen Straßenseite der Komischen Oper in Berlin. Es war windig und der Empfang zur Berlinale der „Queer Media Society“ hatte schon begonnen. Mein Puls war auf 140 – mindestens. Ich mag nicht gerne in einen Raum voller Menschen gehen. Viele Menschen denken, ich sei einfach nur höflich, weil ich ihnen immer die Tür aufhalte, dabei umgehe ich so, dass ich Aufmerksamkeit auf mich ziehe. Ja, wer hätte das gedacht: Ich mag keine Bühnen, wenn sie keine Bühnen sind.

Doch es half ja nichts, ich hatte mich schließlich nicht umsonst aufgemaschelt, irgendwie musste ich mein Selbstbewusstsein zusammensuchen. Also habe ich schnell einen Freund angerufen, ihn gefragt, warum ich noch gleich die Berechtigung habe, dort hineinzugehen und um einen Ego-Boost gebeten. Drei Minuten später stellte ich mich in die Schlange.

Dort begegnete mir eine Person, die gar nicht wüsste, ob sie reinkäme, weil sie gar keine Einladung für den Empfang habe. Ein kleiner Knoten platzte in mir, denn eine Einladung hatte ich bekommen. Jemand hatte mich für anwesenheitswürdig befunden. Beim Einlass schrieb ich meinen Namen und Pronomen auf ein Schild – so ein Namensschild zerstört zwar jedes Outfit, rettet aber jeden Moment zwischen „Hey, so lange nicht gesehen!“ und „Wir müssen unbedingt mal was zusammen machen!“, bei dem viele von uns rätselnd voreinander stehen und mit investigativen Fragen versuchen, herauszufinden, woher man sich kennt. Meiner Unsicherheit entsprechend trage ich mein Schild sehr offensichtlich, sodass ich nicht in die Situation komme, zu merken, dass Menschen rätseln, wer ich bin.

Ein Ziel zu haben ist wichtig beim Ankommen, um nicht verloren rumzustehen. Meins war die Sektbar. Auf dem Weg dorthin traf ich bereits mir mehr als liebe Kolleg*innen und es wurde ein ganz wunderbarer Abend, bei dem alle Unsicherheiten vergessen waren. Als wir mit einer Gruppe weiterzogen, winkte ich kurz der Person ohne Einladung zu – sie hatte es reingeschafft.

Kontakt: kolumne@zgo.de

Zur Person

Annie Heger (39), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, ist abgebrochene Religionslehrerin, abgebrochene Diätassistentin und geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie, aber vor allem ist sie als Künstlerin bekannt. Sie singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin, unter anderem als Intendantin des „PLATTart“-Festivals.

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