Munster/Hamburg Munster ist Bundeswehr – und sonst so? Ein Besuch in der Heide
Die kleine Stadt in der Lüneburger Heide ist gerade in aller Munde: Hier werden ukrainische Soldaten an Marder und Leopard ausgebildet, es gibt zwei Truppenübungsplätze und sehr viele Panzer. Wie ist es da?
Im Salon Beate ist Hochbetrieb. Waschen, schneiden, föhnen, im Vorbeigehen sieht man die Kundinnen durchs Schaufenster mit nassen Haaren und unter Trockenhauben sitzen und sich mit den Friseurinnen unterhalten.
Außerhalb des Friseur-Salons ist es leer in Munster. Die Fußgängerzone liegt verlassen im Nieselregen, ein Postbote, eine Katze, das war’s. Vor der Zahnarztpraxis ein Bienenfutterautomat: Frühlingskrokus-Knollen für den Balkon sollen helfen, die Bienen zu retten. Die 50 Cent behält der Automat, Knollen gibt es dafür keine, das Futter ist alle.
Der kleine russische Supermarkt einige Meter weiter führt Bonbons im Einzelverkauf. Es gibt Stalinskaya-Wodka und einen Porzellanpanzer, der ebenfalls mit Wodka gefüllt ist. Und: Obolon, das ukrainische Bier.
Ob die ukrainischen Soldaten, die hier in Munster neben dem Leo auch am Schützenpanzer Marder ausgebildet werden, ihren Weg in die Stadt finden? Zumindest nicht an diesem trüben Vormittag.
Soldaten sind tatsächlich gar nicht zu sehen in der kleinen Stadt, die rund 15.000 Einwohner zählt und gemessen daran der größte Heeresstandort in Deutschland ist. „Früher war das anders“, sagt die nette Mitarbeiterin in der Touristeninformation. „Da gab es hier drei Kinos und viele Kneipen.“ Und heute? „Montagabends darf man nicht zu Aldi gehen“, sagt sie und lacht. Da stehen dann die Soldaten in Massen an der Kasse und decken sich für die Woche mit „Toast, Cola und Chips“ ein.
Dann aber verbringen die meisten ihre Abende in der Kaserne, bis sie am Wochenende wieder nach Hause fahren. Es gibt Leerstand in Munster, „Renovierte Wohnungen zu vermieten“ steht in großen Transparenten an einförmigen Wohnblöcken, die das Bild der Stadt prägen. Auch der Standort Munster hat Federn gelassen bei der Verkleinerung der Bundeswehr in den letzten Jahren. Dass sich das wieder ändert, sich der Ort wieder belebt, hoffen hier viele.
Aber auch wenn die Soldaten nicht zu sehen sind: Zu hören sind sie dafür um so deutlicher. „Mein Hund hatte immer so wahnsinnige Angst vor dem Knallen“, erzählt die Inhaberin der kleinen Buchhandlung in der Fußgängerzone. Und Knallen, das tut es hier, nicht nur an Silvester. Auf der Internetseite der Stadt gibt es einen eigenen Reiter „Bundeswehr“, prominent verzeichnet sind hier auch die Schießzeiten auf den beiden Truppenübungsplätzen, die die Stadt umgeben.
Manche Hunde kämen besser damit klar, andere schlechter, erzählt die Buchhändlerin. „Früher muss es noch schlimmer gewesen sein“, sagt die Zugezogene, ältere „Offiziersfrauen“ hätten ihr von klirrendem Geschirr im Schrank berichtet, wenn es auf dem Truppenübungsplatz richtig losging.
Militärliteratur sucht man in der kleinen Buchhandlung übrigens vergebens. Kommen hier keine Soldaten her? „Doch, natürlich“, sagt die Inhaberin. „Ich bestelle auch gerne alles, was die Kunden möchten. Nur hinstellen möchte ich mir die Militärbücher nicht so gerne.“ Stattdessen gibt es Romane, Krimis, aktuelle Literatur, ein wenig Schreibbedarf.
Und Postkarten, die die Heide zeigen und wenig mit dem zu tun haben, was hier sichtbar ist. Denn Munster liegt, das kann man in der winterlichen Tristesse des Ortes leicht vergessen, mitten in der Lüneburger Heide. Deshalb kommen auch immer wieder Touristen in den Ort.
Manche fahren mit dem Fahrrad über den Truppenübungsplatz, ohne es zu wissen: „Die sagen dann: Ja, da war eine Schranke, aber da sind wir einfach drum herum gefahren“, erzählt die Mitarbeiterin der Tourist Information. Aus acht Kilometern Hinweg werden dann plötzlich 20 Kilometer Rückweg, wenn sie den Touristen erklärt, dass das verboten – und auch nicht gerade ungefährlich – ist.
Während die Touristen zumindest im Ort freie Fahrt haben, gilt das ausgerechnet für die Panzer nicht: Vor dem Ortseingang prangt ein „Panzer verboten“-Schild an der Bundesstraße. Die einzigen Panzer im Ort finden sich im Deutschen Panzermuseum, das nicht erst seit Beginn des Ukraine-Krieges gut besucht ist.
Hier wird dann auch klar, wo all die Menschen sind, wenn schon nicht in der Fußgängerzone: Sie schauen sich in den kalten Hallen des Museums historisches und aktuelles Kriegsgerät auf Ketten an. Väter mit ihren Söhnen, aber auch Familien und Freundegruppen sind an diesem Vormittag hier.
Interessant ist vor allem, wie sich der Blick des Betrachters hier verändert: Während die ersten Panzer mit dicken Schweißnähten und dünnen Kanonen wie grobschlächtige Stahlklumpen anmuten, kommt einem der Leopard 2 am Ende des Rundgangs wie ein filigranes Kunstwerk vor. Im gut sortierten Museumsshop gibt es T-Shirts zu kaufen, darauf: Zwei Panzer, die aufeinander schießen. „Bis einer heult“, steht darunter. Dass das am Ende die Russen sind, daran arbeiten Bundeswehr und ukrainische Soldaten gerade auf dem Truppenübungsplatz.