Kiew Die Lage in der Ukraine: Kein bisschen Frieden
Die Armeen Russlands und der Ukraine bereiten sich auf neue Offensiven vor. Eine Verhandlungslösung ist nicht in Sicht. Fällt die Entscheidung auf dem Schlachtfeld? Die Perspektiven für das zweite Kriegsjahr sind düster.
Das Töten wird so bald nicht enden. Da gibt sich Wolfgang Richter keinen Illusionen hin. „Moskau und Kiew haben den festen Willen, den Krieg fortzusetzen“, erklärt der Oberst a.D., der nach seiner Zeit in der Bundeswehr mit Fragen der Rüstungskontrolle befasst war.
Kurz vor Beginn des zweiten Kriegsjahrs in der Ukraine sieht er kaum Chancen für einen Waffenstillstand oder sogar eine Friedenslösung. „Beide Seiten bereiten sich auf Offensiven vor.“ Aber wie wahrscheinlich ist eine Entscheidung auf dem Schlachtfeld? Vor allem drei Szenarien sind denkbar.
Szenario 1: Ein russischer Durchbruch in der Ostukraine, gefolgt von einer erneuten Offensive gegen Kiew. Dafür spricht vor allem der Vorteil auf der Zeitachse, den die Invasionsarmee hat. In Russland „sehen wir gegenwärtig lange Züge, die mit Hunderten Waffensystemen Richtung Front rollen“, erklärt Richter. Hinzu kämen Zehntausende frische Soldaten. Die Teilmobilmachung seit dem Spätsommer zeigt Wirkung. Die verstärkte russische Armee dürfte ihre volle Einsatzbereitschaft Anfang März erreichen. Die westliche Unterstützung für die Ukraine mit modernen Panzern läuft dagegen erst an.
Ein weiterer Faktor ist die Masse an Material und – so unschön es klingt – an Menschen. Fachleute gehen davon aus, dass die russische Armee die Zahl ihrer Panzer derzeit auf rund 4000 verdoppelt und die Truppenstärke auf etwa eine halbe Million Soldaten mehr als verdreifacht. Die Ukraine kann mit einigen Hundert zusätzlichen Kampf- und Schützenpanzern rechnen, die jedoch technisch überlegen sind. Trifft die Verstärkung rechtzeitig ein, dürfte ein russischer Durchbruch kaum möglich sein. „Ich erwarte nicht, dass es an der Front so bald eine entscheidende Wende geben wird“, resümiert Richter.
Szenario 2: Es könnte auch zu einer ukrainischen Gegenoffensive kommen. Die Befreiung weiterer besetzter Gebiete ist das erklärte Ziel in Kiew. Vor allem deshalb drängt Präsident Wolodymyr Selenskyj so vehement auf die Lieferung moderner westlicher Waffensysteme. Fachleute halten zwei Stoßrichtungen für erfolgversprechend. Im Norden könnte die ukrainische Armee in das Gebiet Luhansk vordringen. Die Region gilt als wichtigste Basis des Kremls in der Ostukraine. Eine Rückeroberung wäre ein schwerer Schlag für Präsident Wladimir Putin.
Das gilt auch für die zweite Variante: einen ukrainischen Vorstoß im Gebiet Saporischschja. Putin hat die Region im September ebenso illegal annektiert wie das benachbarte Cherson und die Regionen Luhansk und Donezk. Gelingt der ukrainischen Armee in Saporischschja ein Durchbruch über Melitopol bis zur Küste des Asowschen Meeres, würde Russland die Landverbindung aus dem Donbass zur Krim verlieren. Für den Kreml wäre das eine Katastrophe. Fachleute haben aber Zweifel, dass dort eine Offensive erfolgreich sein kann. „Die größere Kampfmoral auf ukrainischer Seite allein wird den Krieg sicher nicht entscheiden“, sagt Richter.
Szenario 3: Im Ergebnis könnte sich wieder ein militärisches Patt einstellen. „Viel spricht für einen Abnutzungskrieg mit hohen Verlusten“, prophezeit Richter. In einem solchen Szenario würden die bevorstehenden Offensiven höchstens mit kleineren Geländegewinnen enden. Beide Seiten würden in der Folge erneut versuchen, ihre Truppen mit Menschen und Material „aufzufüllen“. Das wäre aus Richters Sicht vor allem für die Ukraine ein Problem, die wesentlich weniger Reserven hat als Russland. „Die Last, Verluste auszugleichen, liegt dann immer stärker beim Westen.“ Sollte dort der Wille zum Durchhalten vorhanden sein, sind ein drittes und womöglich weitere Kriegsjahre wahrscheinlich.
Wäre es angesichts dieser Perspektiven nicht klüger, wenn der Westen die Ukraine zu Verhandlungen unter der Überschrift „Frieden gegen Land“ drängen würde? Der Chef des US-Geheimdienstes CIA, William Burns, soll kürzlich mit einem solchen Vorschlag in Kiew und Moskau vorstellig geworden sein – und sich eine doppelte Abfuhr geholt haben. Putin, daran haben westliche Fachleute keine Zweifel, setzt für das zweite Kriegsjahr auf Sieg.