Berlin Jonathan Perleth: Mit dem Wort „transsexuell“ wäre ich vorsichtig
Jonathan Perleth spielt im Rostocker „Polizeiruf 110: Daniel A.“ einen Mann, der trans ist – genau wie der Schauspieler selbst. Im Interview spricht er über seine Rolle, das geplante Selbstbestimmungsgesetz und die Nuancen zwischen Wörtern wie „Transsexualität“ und „trans Identität“.
Mit der Debatte um das neue Selbstbestimmungsgesetz gewinnen trans Personen gerade deutlich an Sichtbarkeit. Zugleich polarisiert sich die Debatte. Nicht zuletzt aus dem Feminismus kommen scharfe Töne. Wir haben dazu jemanden befragt, der persönlich betroffen ist: Jonathan Perleth. Der Schauspieler hat im Rostocker „Polizeiruf 110: Daniel A.“ nicht nur die Rolle eines trans Mannes übernommen. Er ist auch selbst trans.
Frage: Herr Perleth, auf einer Casting-Seite schreiben Sie über sich: „Ich vermisse das Meer, mag dunkle Schokolade, bin trans und nehme seit Januar 2021 Testosteron. Außerdem lese ich Bücher nie zu Ende und lebe in Berlin.“ Also, der Reihe nach. Welches Meer vermissen Sie? Nord- oder Ostsee?
Antwort: Die Ostsee, ich komme aus der Nähe von Rostock. Ich vermisse die Luft, wenn man aus dem Zug steigt. Und ich vermisse auch die Mentalität; das war besonders in meiner Zeit an der Schauspielschule in Bern so. Es fehlt mir auch, einfach mal rauszuschwimmen, mich mit dem Rücken zur Küste zu drehen und nur noch Meer und Wellen zu sehen.
Frage: Da fehlt nur noch ein dicker Seefahrer-Roman. Wieso lesen Sie nichts bis zum Ende?
Antwort: Eigentlich lese ich im Moment gar keine Romane mehr, sondern eher gesellschaftlich-politische Bücher. Und da lese ich dann immer ein paar Seiten und habe dann erstmal wieder genug zum Nachdenken.
Frage: Vor der Schauspielschule haben Sie Mathe auf Lehramt studiert. Was war das für ein Umweg?
Antwort: Ich habe schon als Jugendlicher Theater gespielt und wollte Schauspiel studieren, hatte aber erst nicht den Mut, es durchzuziehen. Ich bin zu ein, zwei Vorsprechen an den Schauspielschulen gegangen und habe dann doch Lehramt studiert. Irgendwann wurde mir klar, dass ich es jetzt versuchen kann oder nie mehr. Ich habe mich dann noch mal richtig reingekniet. Es hat geklappt und ich habe das Lehramtsstudium sofort abgebrochen.
Hier können Sie in den Trailer zum „Polizeiruf 110: Daniel A.“ reingucken:
Frage: Und jetzt haben Sie von der Schauspielschule weg eine Episoden-Hauptrolle im Rostocker „Polizeiruf“ bekommen. Herzlichen Glückwunsch! Wie kam es dazu?
Antwort: Ich habe eine Mail bekommen und da hieß es nur: Es geht um den „Polizeiruf“ und die Rolle von Daniel. Ich dachte mir gleich, dass es wahrscheinlich um eine trans Rolle geht, weil der Rollenname männlich war und ich damals noch relativ feminin aussah. Das ist ja schon anderthalb Jahre her.
Frage: Und dann heißt die Figur auch noch „Daniel A.“, was man auch als Daniela lesen kann.
Antwort: Genau! Und dann musste ich erstmal nur Videos von mir einschicken, später kam dann die Einladung zum Casting. In der ersten Runde waren die Casterin und der Regisseur Dustin Loose dabei, in einer zweiten auch Jörg Witte, der im Film meinen Vater spielt. Es gab noch einen Masken- und Kostümtest – und ein paar Tage später hatte ich die Rolle.
Frage: Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Darsteller von trans Rollen auch in der Wirklichkeit eine trans Biografie haben. Offenbar war das der Produktion wichtig.
Antwort: Sie haben gezielt nach trans Personen gesucht; auf meinem Casting-Portal im Internet war es auch gleich erkennbar.
Frage: Ist Ihnen diese Übereinstimmung von Biografie und Rolle selbst wichtig? Oder haben Sie, als Sie noch femininer aussahen, auch weibliche Rollen gespielt?
Antwort: Der „Polizeiruf“ ist ja meine erste Rolle. Im letzten Jahr war ich in Köln in einer Theaterproduktion, bei der es um Freundschaft und Queer-Sein geht; da hatten die Figuren nicht-binäre Namen und wir haben es einfach offengelassen. Für die Zukunft würde ich sagen: Ich bin trans Darsteller, aber meine Rollen müssen nicht alle eine trans Geschichte haben. Eine ganze Zeit lang dachte ich, dass ich erstmal nur für trans Rollen infrage komme – einfach vom Äußeren, vom Stand meiner Transition her. Inzwischen finde ich aber, dass ich jetzt auch cis Rollen übernehmen kann, wenn man mit dem Alter ein bisschen runtergeht. Nach dem „Polizeiruf“ habe ich eine zweite Rolle beim „Zielfahnder“ gedreht – die war zum Beispiel nicht ausdrücklich als trans ausgeschrieben.
Frage: Kann eine solche Nähe zur Rolle, wenn man aufgrund der Gender-Identität ähnliche Erfahrungen gemacht hat, auch schwierig sein?
Antwort: Das geht mir nicht so. Man sucht in allen Rollen etwas, an das man andocken kann. Bei einer trans Rolle kann ich mich in den Konflikt mit der Gender-Identität hineinversetzen. Bei einer cis Rolle verbinde ich mich eben mit anderen Themen. Und natürlich sind auch trans Rollen nicht autobiografisch. Als ich im „Polizeiruf“-Drehbuch gelesen habe, was Daniel so für Entscheidungen trifft, habe ich mir oft gedacht: Oha, das hätte ich alles ganz anders gelöst.
Frage: Vor allem ohne Schusswaffe, bitte! Das Leben ist kein Krimi!
Antwort: Haha, genau!
Frage: Hätten Sie mit Ihrer biografischen Expertise ins Drehbuch eingreifen können, wenn Sie eine Schieflage bemerkt hätten?
Antwort: Die Offenheit dafür war da, aber eigentlich habe ich gar keinen Anlass gesehen.
Frage: Früh im Film haben Sie eine Oben-ohne-Szene, die deutlich zeigt, wo Daniel zu diesem Zeitpunkt bei der Geschlechtsangleichung steht – und damit auch Sie. Das ist in diesem Fall sicher noch intimer als Oben-ohne-Szenen ohnehin sind.
Antwort: Im Drehbuch gab es von Anfang an diesen Moment, in dem Daniel sich umzieht. Aber der Regisseur hat es komplett mir überlassen, was ich zeige und was nicht. Ich habe mich in der Arbeit und am Set sehr wohl und sicher gefühlt. Sonst hätte ich es nicht gemacht. So habe ich gesagt: Ich möchte Daniel zeigen, ohne mit der Kamera zu tricksen. Für die Figur und auch für mich: Ich wollte nicht das Gefühl haben, dass ich meinen Körper verstecken muss oder dass man mich nicht sehen darf. Also haben wir es so authentisch wie möglich gedreht und meinen Körper gezeigt, wie er ist. Ich bin sehr froh, dass wir das so gemacht haben.
Frage: Die Pressemitteilung zum „Polizeiruf“ weist darauf hin, dass das Wort „trans“ auf Ihren Wunsch als Adjektiv verwendet wird, also „trans Darsteller“ und nicht „Trans-Darsteller“. Warum ist das wichtig?
Antwort: Es ist einfach ein Adjektiv. Das war‘s auch schon. (Lacht.)
Frage: Noch so eine Frage: Welches Wort ist besser – Transsexualität oder trans Identität?
Antwort: Da gibt es unterschiedliche Meinungen. Im Deutschen taucht das Wort „transsexuell“ oft in psychiatrischen, pathologisierenden Kontexten auf, in Schriften, die Trans-Sein als Krankheit abstempeln. Und natürlich hat eine Identität als trans Person nichts mit sexueller Orientierung zu tun. Gleichzeitig gibt es viele ältere trans Personen, die den Begriff immer gebraucht haben und beibehalten wollen. Und junge, die ihn sich bewusst wieder aneignen. Ich benutze den Begriff Transsexualität nicht und ich wäre auch vorsichtig damit, ihn für andere zu gebrauchen.
Frage: Eine letzte sprachliche Debatte rankt sich um das Wort „Frau“, das manche durch „Mensch mit Gebärmutter“ oder „menstruierende Person“ ersetzen wollen. Ist das sinnvoll oder umständlich?
Antwort: Ich finde es sehr sinnvoll, präzise zu sagen, wovon man spricht. Es ist aber ein Trugschluss, dass „Frauen“ und „menstruierende Person“ gleichgesetzt werden sollen. Im Gegenteil. Es geht auch nicht darum, das Wort „Frau“ nicht mehr zu benutzen. Wenn man über die Menstruation spricht, sind bestimmte Frauen nicht betroffen – zum Beispiel, weil sie die Wechseljahre hinter sich haben oder weil sie trans Frauen sind. Und es gibt Menschen, die menstruieren, aber keine Frauen sind – trans Männer zum Beispiel. Genauso haben nicht alle Frauen eine Gebärmutter – zum Beispiel, weil sie sie durch eine Krankheit verloren haben, und nicht alle Menschen mit Gebärmutter sind Frauen. Und wenn man von „Frauen“ spricht, gehören da trans Frauen eben auch dazu. Wenn dann gesagt wird: Für „Menschen mit Gebärmutter“ gibt es ein Wort und das lautet „Frau“, ist das einfach falsch und kann verletzten. Und zwar nicht nur trans Personen. Da wundere ich mich manchmal auch über die mangelnde Solidarität unter cis Frauen. Es soll nicht der eine Begriff abgeschafft und durch einen neuen ersetzt werden. Es geht nur darum, präzise auszudrücken, worüber man gerade spricht.
Jonathan Perleth auf Instagram:
Frage: Vor drei Jahren hat sich der Hollywood-Star Elliot Page als trans geoutet, den die Welt bis dahin als Frau kennengelernt hatte. Wie wichtig sind solche Vorbilder?
Antwort: Vorbilder sind auf jeden Fall wichtig. Für mich zum Beispiel war damals die Serie „Pose“ zentral, die spielt im Umfeld der Ball-Room-Szene der 80er und 90er Jahre, also in einer Subkultur von queeren Menschen of Colour. Vorbilder und Repräsentation zu haben, ist super wichtig. Gerade wenn man im eigenen Umfeld niemanden kennt, der zum Beispiel auch trans ist, tut es gut, wenn man im Fernsehen sieht, dass andere etwas Ähnliches durchmachen wie man selbst. Man fühlt sich dann weniger allein.
Frage: In den 90er Jahren gab es eine große Debatte, nachdem Rosa von Praunheim eigenmächtig Alfred Biolek und Hape Kerkeling als schwul geoutet hatte. Praunheims Begründung war damals, dass queere Promis eine Art Pflicht zur Vorbildfunktion hätten. Gibt es diese Diskussion auch heute noch?
Antwort: Ja, das ist immer noch ein Thema. Ende letzten Jahres wurde über Twitter großer Druck auf Kit Connor ausgeübt. Das ist ein junger Schauspieler, der in der Serie „Heartstopper“ eine bisexuelle Rolle spielt. Über Social Media wurde ihm dann „Queerbaiting“ vorgeworfen. Es lief auf den Vorwurf hinaus, dass er einen bisexuellen Jungen spielt, ohne sich selbst als queer zu outen. Am Ende war er zum Outing gezwungen, obwohl er es von selbst wohl nicht gemacht hätte. Er ist wahnsinnig jung: 18 Jahre alt.
Frage: Den Begriff Queerbaiting müssen Sie erklären.
Antwort: Mit Queerbaiting sind Strategien gemeint, mit denen Formate queere Zuschauer*innen anlocken, ohne dass sie wirklich zur Queerness stehen. Da wird zum Beispiel eine schwule Beziehung angedeutet, so dass queere Menschen eine schwule Geschichte hineinlesen können, aber es bleibt so undeutlich, dass auch homophobe Zuschauer*innen nicht verschreckt werden. Eigentlich meint der Begriff eine Marketing-Strategie, aber inzwischen wird er auch gegen Menschen gerichtet, gegen Kit Connor oder auch gegen Harry Styles, der Kleider und Regenbogensachen trägt, sich aber nicht als queer outet. Es gibt also immer noch einen Druck, sich öffentlich zu bekennen. Aber es gibt auch die Gegenseite, die Selbstbestimmung fordert und sagt: Jeder hat das Recht, selbst zu entscheiden, was er oder sie preisgibt.
Frage: Was hier auch mitschwingt, ist die Frage: Muss man queer sein, um queere Rollen zu spielen?
Antwort: Also, das ist ein bisschen kompliziert und hat ganz viele Ebenen. Zum einen habe ich den Eindruck, dass es leicht stereotyp werden kann, wenn nicht-queere Menschen queere Rollen spielen. Das haben wir lange genug gesehen, und Vorurteile zu reproduzieren, kann wirklich schädlich sein. Ein anderes Problem ist, dass queeren Schauspieler*innen nach einem Outing womöglich weniger nicht-queere Rollen angeboten werden. Wenn man nur noch queere Rollen angeboten bekommt und es gleichzeitig wenig queere Rollen gibt, dann wird es beruflich schwierig. Andererseits habe ich aber auch Probleme damit, zu sagen, nur queere Menschen dürfen queere Rollen spielen: Man müsste sich ja immer outen, um eine Rolle zu bekommen. Das kann doch auch nicht richtig sein. Und Kit Connor zum Beispiel hat seine Figur extrem gut gespielt – da kann mir als Zuschauer seine sexuelle Orientierung egal sein. Bei trans Personen ist es noch einmal ein bisschen was Anderes, weil es hier auch um eine körperliche Repräsentation geht. Sexuelle Orientierung ist eine Frage des Begehrens, aber beim Trans-Sein geht es mitunter um den eigenen Körper. Also wäre es besonders wünschenswert, diese Rollen möglichst auch mit trans Personen zu besetzen.
Frage: Momentan wird über eine Neufassung des Selbstbestimmungsgesetzes diskutiert, das das Transsexuellengesetz von 1981 ablösen soll. Aktuell müssen trans Personen, wenn ich das richtig sehe, vor einer Personenstandänderung zum Teil über sexuelle Vorlieben und sogar Fetische Auskunft geben.
Antwort: Ja, das ist so – was natürlich völlig am Thema vorbeigeht. Der Entwurf für das neue Selbstbestimmungsgesetz ist das, was wir brauchen – aber dann bitte auch ohne irgendwelche Kompromisse. Es ist mein Leben und mein Pass und es ist wichtig, dass ich den mit einer einfachen Selbsterklärung ändern kann. Aktuell muss man zum Gericht gehen; das bestimmt dann zwei mehr oder weniger kundige Gutachter*innen. Die musst du selbst bezahlen – und zwar mit einem vierstelligen Betrag. Viele können es sich einfach nicht leisten, zu sein, wer sie sind.
Frage: Der Entwurf wird aus dem traditionellen Feminismus kritisiert. Ein oft gehörtes Argument: Cis Männer könnten das Gesetz ausnutzen, um sich Zugang zu Schutzräumen wie Damentoiletten zu verschaffen oder um von der Quote zu profitieren.
Antwort: Wo soll man da anfangen? Die meisten sexualisierten Übergriffe finden in der Partnerschaft statt und nicht auf der Damentoilette. Und in die Damentoilette kommt auch jetzt schon jeder rein. Es steht ja niemand davor und macht eine Ausweiskontrolle. Wenn cis Männer auf der Damentoilette oder in der Damenumkleide oder sonst irgendwo übergriffig sein wollen, können sie es jetzt auch schon sein. Dafür müssen sie nicht ihren Geschlechtseintrag ändern. Und Quoten gibt es ja gerade, weil es für Frauen schwieriger ist. Wieso soll man da aus Karrieregründen das Geschlecht wechseln? Zudem man sich dann auch erstmal gegen sehr viele sehr qualifizierte Frauen durchsetzen muss.
Frage: Trans Themen spalten gerade nicht nur den Feminismus, sondern auch die queere Szene: In Osnabrück hat sich gerade ein schwuler Verein gegründet, der sich ausdrücklich nicht an trans Personen wendet. Sollte man nicht annehmen, dass die queere Community im Kern ein gemeinsames Anliegen hat und zusammenhält?
Antwort: Es gibt natürlich nicht „die“ queere Community; das sind nicht alles Menschen mit genau den gleichen Werten und Haltungen. Das ist ein Sammelbegriff für komplett verschiedene Menschen, die alle unter eins dieser Labels fallen. Und all die Probleme unserer Gesellschaft gibt es natürlich auch in der queeren Community, nicht nur Trans-Feindlichkeit, sondern auch Rassismus, Sexismus, Ableismus, Antisemitismus und so weiter.
Frage: Und trotzdem könnten sich doch alle darin einig sein, dass man innerhalb einer Community füreinander einsteht.
Antwort: Das wäre so schön, oder? Aber so ist es nicht. Und das ist auch nichts Neues. 1969 gab es die Stonewall-Aufstände in New York, bei denen vor allem queere Menschen of Color und insbesondere trans Frauen of Color sich gegen Polizeigewalt gewehrt und für ihre Rechte gekämpft haben. Das war ein Startschuss für die Protestbewegungen, die wahnsinnig viel erreicht haben. Schon in den 70ern gab es dann aber eine Tendenz vor allem von weißen, schwulen, cis Männern, die den gemeinsamen Protesten ein ausreichend sicheres Leben verdankten und sich dann vom Rest der Bewegung abgegrenzt haben. Sylvia Rivera, eine trans Aktivistin, die von Anfang an dabei war, wurde bei den queeren Protesten aus der Community heraus ausgebuht. Diese Abgrenzung gegenüber bestimmten Gruppen innerhalb der queeren Community ist also kein neuer Prozess. Durch die Debatte ums Selbstbestimmungsgesetz und auch durch die wachsende Sichtbarkeit von trans Personen werden momentan auch die Gegenstimmen wieder lauter und stärker. Die Stimmung ist aufgeheizt und auch gefährlich, aber das kommt nicht überraschend.
Sendetermin: „Polizeiruf 110: Daniel A.”, ARD, Sonntag, 19. Februar, 20.15 Uhr.
*Transition ist ein anderes Wort für die geschlechtsangleichenden Maßnahmen.