Jahrelang Heimkinder missbraucht Ehemaliger Pater war ein Kinderschänder
Ein Dorf im Emsland steht nach Schilderungen unter Schock: Jahrelang hat ein Pater Heimkinder missbraucht. Opfer berichten.
Lahn - Die Taten liegen teils mehr als 50 Jahre zurück, sind aber erst jetzt im Dorf bekannt geworden: Ein früherer Pater aus dem nördlichen Emsland hat über viele Jahre regelmäßig in Süddeutschland Heimkinder missbraucht.
Es sind unfassbare Schilderungen, die Klaus-Dieter D. (Name geändert) im Telefonat gegenüber unserer Redaktion äußert. Auch im Dorf sind Schilderungen über die Taten des früheren Geistlichen bekannt geworden – und die haben die Gemeinschaft in Schockstarre versetzt. Wer genau in Lahn die Berichte der Opfer aufgetan hat, die im Internet zu lesen sind, kann heute nicht mehr nachvollzogen werden. Geschockt sind jedoch alle, die mit unserer Redaktion aber nur anonym sprechen wollten.
Erste Misshandlungen mit elf Jahren erlebt
Opfer Klaus-Dieter D. kann sich noch sehr detailliert an die Missbräuche erinnern. Der heute 65-Jährige berichtet über die Taten, die ihm der Pater in einem Kinderheim in Speyer angetan hat. Der beschuldigte Maristenpater, geboren in Beesten, lebte nach der Kindheit und Jugend im Emsland in Bayern, später in Köln, war als Pater und Seelsorger tätig. Seine letzten Jahre als Pastor verbrachte er in der Gemeinde Lahn. Im Jahr 1999 starb er auf dem Hümmling.
Für das Opfer D. beginnt sein Martyrium 1968, im Sommer trifft er im Alter von elf Jahren erstmals auf den Geistlichen. Es kommt sofort zu sexuellen Übergriffen, die sich über Jahre jeden Sommer über Wochen hinzogen. „Er war ein derart rücksichtsloser Kerl, dass er mich vergewaltigte, bis ich bewusstlos zusammengebrochen bin“, teilt D. auch in seinen Niederschriften mit. Danach habe er ihn gezwungen, „gemeinsam mit ihm zu singen und zu beten“. Jedes Mal, wenn der Pater im Sommer mit seinem blauen Opel vorfuhr, dann wusste er, „dass es wieder losgeht“, so der 65-Jährige. Bis in die 1970er-Jahre muss er die Taten über sich ergehen lassen.
Pater missbraucht Heimkinder viele Jahre
Seine Urlaube verbringt der Pater jedoch nicht nur in Speyer, sondern auch in Oberammergau bei München, wo er ebenfalls Kinder missbraucht. Mindestens fünf pro Heim seien es gewesen, wie D. aus Gesprächen mit anderen Opfern erfahren habe. Die genaue Zahl bleibt unbekannt. Im beschaulichen Ort im Süden Bayerns kommt es im Hänsel-und-Gretel-Kinderheim zu schwersten Übergriffen, von denen die Niederbronner Schwestern als Betreiberinnen laut Aussagen der Opfer gewusst haben sollen. D. geht noch weiter und behauptet, dass die Schwestern gar einen Sextourismus organisiert hatten – neben dem Pater sollen viele weitere Männer das Heim besucht haben. Die Provinzoberin Barbara Geißinger nimmt in einem Beitrag des Bayrischen Rundfunks (BR) von 2022 Stellung zu Vorwürfen von anderen Opfern. Die damals befragten Schwestern, die allesamt nicht mehr leben, hätten sich vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs distanziert, aber „Gewalt als Erziehungsmittel noch benannt“. Ähnlich wie D. ist es vielen weiteren Jungen und Mädchen in Heimen in Deutschland ergangen. Im Beitrag des BR berichten mehrere Opfer explizit über die Misshandlungen in verschiedenen Heimen.
Ein weiteres Opfer aus Oberammergau – Gerd W. (Name ebenfalls geändert) war damals auch noch ein Kind – berichtet ebenfalls von heftigen und äußerst brutalen Vergewaltigungen des Paters: „Wenn er fertig war, musste ich ungeduscht auf dem Boden knien und mit ihm um Verzeihung beten.“ Er habe ihn „Onkel“ nennen müssen. „Er brachte mir bei, dass, wenn ich was sage, ich nicht in den Himmel, sondern in die Hölle komme“, so der Mann, der heute im Rentenalter ist.
Opfer waren Kinderohne Angehörige
Das perfide an den Taten: Es wurden für die Vergewaltigungen nur die Kinder ausgewählt, die Waisen waren – oder nie Besuch bekamen. W. und D. gehörten zu denen, die nie besucht wurden, konnten sich niemandem anvertrauen. Ein Umstand, den auch der emsländische Pater über viele Jahre ausnutzte und so auch zu Lebzeiten nicht juristisch für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden konnte.
Unfassbar wirkt in diesem Zusammenhang eine Aussage des Geistlichen aus einem selbst verfassten Buch, das unserer Redaktion vorliegt und den Titel „Erinnerungen“ trägt. Er schreibt in Kapitel 21 „Oberammergau“: „Meinen Jahresurlaub verbrachte ich für gewöhnlich in Oberammergau. Dort hatte ich zum einen die gesunde Bergluft, zum anderen konnte ich mich seelsorglich bei den Schwestern und vor allem bei den Kindern betätigen.“
Pater stribt 1999
Der Maristenpater stirbt im Februar 1999, erst Jahre später werden seine Taten von der Kirche anerkannt. Wie ebenfalls erst jetzt in Lahn bekannt geworden ist, erhält eine Betroffene, die vom Pater missbraucht wurde, in Köln 2010 eine Entschädigung.
Aufgrund einer Anfrage unserer Redaktion an den Maristenorden meldet sich Rechtsanwalt Klaus Hamacher aus Meppen. Er teilt im Auftrag des Ordens schriftlich mit: „Der Beschuldigte Pater hat sexuellen Missbrauch begangen.“ Er sei in den 1970er-Jahren regelmäßig im Kinderheim in Oberammergau gewesen, so Hamacher. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Köln sei 2010 festgestellt worden, dass es bei den Aufenthalten regelmäßig zu sexuellen Übergriffen gekommen ist. Die Fälle seien anerkannt und nach den Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz behandelt worden. Strafrechtliche Verfahren gegen den Pastor habe es nicht gegeben, weil die Vergehen erst nach seinem Tod bekannt geworden seien, so der Meppener Jurist.
Niemand hat von der Vergangenheit gewusst:
In Lahn, wo der Pater von 1977 bis 1988 in der St.-Martinus-Kirchengemeinde laut Bistum Osnabrück im Rahmen eines Gestellungsvertrags als Pfarrer tätig war, kamen die Taten erst jetzt ans Licht, auch von den Entschädigungszahlungen aus Köln hat im Dorf niemand gewusst, wie in Gesprächen mit unserer Redaktion immer wieder beteuert wird. Der Kirchenvorstand hat – nach einem Treffen mit Vertretern des Maristenordens und dem Bistum Osnabrück – eine Stellungnahme abgegeben.
Die Lahner zeigen sich „betroffen und fassungslos“ von den Taten, wie es in einem Schreiben heißt, das im Dorf verteilt worden ist. Hamacher, der ebenfalls an der Runde teilnahm, teilt über den ehemaligen Pater mit, dass es „aus Lahn in der Zeit seiner Tätigkeit und später keine Anzeigen von Missbrauch gegeben hat“.
Dennoch wird darauf hingewiesen, dass es im Bistum Osnabrück Hilfen gibt für Betroffene von sexueller Gewalt. Diese können und sollten sich bei einem eigens dafür eingesetzten Ansprechpartner melden. Der ehemalige Landgerichtspräsident Antonius Fahnemann steht unter Telefon 08007354120 und per E-Mail an fahnemann@intervention-os.de zur Verfügung.