Osnabrück Täter-Fanclubs in Gemeinden: Kirche hat Mitschuld an Ausgrenzung von Opfern
Verräter, Übertreiber, Lügner: Opfer sexualisierter Gewalt müssen sich mancherorts eine Menge anhören - die Kirche lässt sie damit häufig allein.
Was, wenn sich in einem Ort zwei Lager bilden? Das eine verurteilt den ehemaligen Pfarrer, einen Täter, das andere hält zum vermeintlich verdienten Priester. Häufig ist die Lage in betroffenen Gemeinden so schwarz-weiß, häufig werden Diskussionen sehr emotional geführt, geht ein Riss sogar durch Familien. Die Essener Studie wirft nun ein Schlaglicht auf Dynamiken in Kirchengemeinden. Das wurde auch Zeit. Abseits von kirchenpolitischen Grundsatzfragen geht das Leben in der Gemeinde, in einer Gemeinschaft von Gläubigen und Mitbürgern, nämlich weiter - und kann für manchen sehr belastend sein.
Die Forscher stellen fest: Opfer und Angehörige sind tagtäglich mit Schuldumkehr, Wut und sogar Fanclubs von Tätern konfrontiert. Diese wollen entweder nicht glauben, dass der vermeintlich heilige Mann in Wirklichkeit ein Straftäter ist - oder sie verharmlosen dessen Taten, ganz in der Tradition von Bischöfen, Generalvikaren und Personalverantwortlichen, die lange selbst vertuscht und verharmlost haben. Die Folgen sind auf Opferseite Angst vor Repressionen, Ausgrenzung und Ablehnung. Die Essener Ergebnisse sind auf andere Bistümer übertragbar. Und einmal mehr wendet sich die Kirche nicht den Schwachen zu und moderiert diesen Wahnsinn, sie hält sich vielerorts bedeckt. Ein, zwei Gespräche in einer betroffenen Gemeinde reichen nicht aus.
All diese Dynamiken liegen ebenso in der Verantwortung einer Kirche und eines Bischofs, wie der Umgang mit Tätern. Immerhin findet all das im Rahmen der Institution statt. Häufig überschneiden sich die Fragestellungen. Da wird ein Priester heimlich still und leise versetzt - und zurück bleiben Opfer und Angehörige, die sich rechtfertigen und etwa belegen sollen, dass wirklich etwas vorgefallen ist. Die Geheimniskrämerei der Kirche leistet dem Vorschub und verschuldet mit, dass das Leben von Gläubigen in zahllosen Orten teils schwer zu ertragen ist.