Kinderschutzbund in Leer wird 50  „Eine einzige Erfolgsgeschichte“

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 12.02.2023 14:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eine der ersten Gruppen im Kinderschutzhaus in Leer 1974 – mit den Erzieherinnen Aliye Gülseren (hinten links) und Antje Hoss (hinten rechts). Foto: Archiv
Eine der ersten Gruppen im Kinderschutzhaus in Leer 1974 – mit den Erzieherinnen Aliye Gülseren (hinten links) und Antje Hoss (hinten rechts). Foto: Archiv
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Den Kinderschutzbund in Leer gibt es seit fünf Jahrzehnten. Weggefährten erinnern sich an die Anfänge.

Leer - Beim Kinderschutzbund in Leer dreht sich in der Regel alles um das Wohl von Kindern. An diesem Wochenende aber steht der Kinderschutzbund selber im Mittelpunkt. Er besteht seit genau einem halben Jahrhundert und das wird gefeiert. Mit dabei sind auch Antje Hoß und Horst Milde. Milde, vor 50 Jahren Bürgermeister der Stadt Leer, hat den Kinderschutzbund in Leer ins Leben gerufen, Hoß war die erste Leiterin des Kinderschutzhauses und blieb es vier Jahrzehnte lang. Beide haben für die Redaktion in ihren Erinnerungen gekramt.

Was und warum

Darum geht es: Der Kinderschutzbund in Leer besteht seit genau 50 Jahren. Persönlichkeiten, die von Anfang an dabei waren, erzählen, wie alles anfing.

Vor allem interessant für: alle, die mit dem Kinderschutzbund zu tun hatten, und diejenigen, denen das Wohl von Kindern am Herz liegt

Deshalb berichten wir: Der Kinderschutzbund feiert sein Jubiläum.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de

Dass der Kinderschutzbund in Leer überhaupt gegründet wurde, ist wohl einem kleinen Jungen zu verdanken. Den musste Horst Milde Mitte der 1950er Jahre, damals angestellt beim Leeraner Sozialamt, ins Leinerstift nach Großefehn zurückbringen. „Er war ausgebüxt und hat die ganze Fahrt über gejammert, dass er nicht zurück will. Das ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen und war der Anstoß, mich um Kinder zu kümmern“, erzählt der heute 89-Jährige.

Mehr als Bürokratie

Als Landtagsabgeordneter und als Bürgermeister hatte er schließlich den nötigen Einfluss. Am 12. Februar 1973 wurde der Kinderschutzbund in Leer gegründet. „Mir ging es darum, die Kinder nicht einfach aus den problematischen Familien zu holen, sondern den Eltern die notwendige Unterstützung zu bieten, um die Situation zu verbessern.“ Dem damals noch sehr bürokratischen Vorgehen des Jugendamtes sollte ein menschlicherer Ansatz entgegengestellt werden.

So sah es in den Anfangsjahren im Waschraum des Leeraner Kinderschutzhaus aus.
So sah es in den Anfangsjahren im Waschraum des Leeraner Kinderschutzhaus aus.

Zweites Standbein war das Kinderschutzhaus, das ein knappes Jahr später im ehemaligen Küsterhaus der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde eröffnet wurde. Seine Leiterin wurde wenige Monate nach Eröffnung Antje Hoß, damals zarte 23 Jahre alt. „Am Anfang kamen vor allem Gastarbeiter-Kinder zu uns. Meine Mutter arbeitete damals bei Olympia, wo es viele Gastarbeiter gab. Mich hat das fasziniert“, erklärt sie, warum sie damals aus einem anderen Kindergarten zum Kinderschutzhaus wechselte, obwohl nicht sicher war, dass das länger als ein paar Monate finanziert werden kann. Bei der Volkshochschule habe sie extra einen Türkisch-Kursus belegt.

Alternative zu kirchlichen Kindergärten

Warum kamen vor allem Gastarbeiter-Kinder? Das habe vor allem daran gelegen, dass es damals fast nur kirchliche Kindergärten gegeben habe, „da gab es am Anfang Berührungsängste bei den muslimischen Eltern. Uns war die Religion egal“, sagt Hoß. Zweiter Grund: Viele Gastarbeiter mussten vor 7 Uhr anfangen zu arbeiten. Da waren die anderen Kindergärten noch geschlossen. „Wir hatten ab 6.15 Uhr geöffnet.“

Die Hausaufgabenhilfe betreute die pensionierte Sonderschullehrerin Elisabeth Müller.
Die Hausaufgabenhilfe betreute die pensionierte Sonderschullehrerin Elisabeth Müller.

Eine weibliche Leitung des Kinderschutzhauses war einigen Eltern aber nicht ganz geheuer. „Da wurde am Anfang schon ganz genau hingeschaut. Zum Beispiel wurde großen Wert darauf gelegt und auch kontrolliert, dass den Jungen Disziplin beigebracht wurde, bei den Mädchen war das nicht so wichtig.“ Die türkischen Kommandos kann Antje Hoß heute immer noch, „aber ich habe schon viel vergessen, das ist schade“.

Besondere Anforderungen

Es durfte kein Schweinefleisch gegessen und es musste darauf geachtet werden, dass kein männlicher Praktikant ein Mädchen zur Toilette brachte. Auch bei der Hygiene gab es besondere Ansprüche. Viele Details, die sich nach und nach ganz selbstverständlich eingespielt hätten, sagt Hoß. Auch die Kinder erlebten so manche Überraschung. „Ich weiß noch, wie ein kleiner Holländer, der noch nie einen Schwarzen gesehen hatte, ganz vorsichtig einem Kind ins Gesicht gefasst hat, weil er wissen wollte, ob es abfärbt.“

Die Sorge um Geld habe das Kinderschutzhaus lange begleitet, erzählt Hoß. „Aber zum Glück haben wir viel Unterstützung und viele Spenden bekommen.“ Das Essen wurde beispielsweise mit dem Bollerwagen aus dem Seniorenheim an der Blinke geholt – in Containern, die die Bundeswehr gespendet hatte. Hoß selber sei mit ihrer eigenen Ente zum DRK gefahren und habe Kleidung abgeholt, wenn sie von Familien hörte, denen etwas fehlte.

Mehr als ein Kindergarten

Das Kinderschutzhaus war schnell mehr als eine Art Kindergarten. „Wir haben Eltern angesprochen, wenn wir von Problemen gehört haben“, so Hoß. Die seien oft zugänglich gewesen, weil sie froh waren, dass nicht das Jugendamt vor der Türe gestanden habe. „Mein Anspruch war, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Nur so konnten sie Vertrauen fassen.“ Eine echte Hilfe sei auch Hausaufgabenhilfe gewesen, die die pensionierte Sonderschullehrerin Elisabeth Müller betreut habe. Nach und nach sei im Kinderschutzhaus eine verschworene Gemeinschaft gewachsen. „Die Kinder von damals haben später ihre Kinder zu uns gebracht. Heute kommt schon die dritte Generation.“

Beim Kinderschutzbund in Leer wird das 50-jährige Bestehen gefeiert. Foto: Wilbers
Beim Kinderschutzbund in Leer wird das 50-jährige Bestehen gefeiert. Foto: Wilbers

Eine neue Herausforderung seien die Flüchtlingskinder. „Die sitzen verängstigt unter dem Tisch, wenn irgendwo was knallt, oder simulieren mit Knete fallende Bomben“, erzählt Hoß. „Das zu sehen, tut richtig weh.“

Kinder aus 16 Nationen

„Als ich anfing, hatten wir Kinder aus Holland, der Türkei, Griechenland und aus Deutschland“, erinnert sich Antje Hoß. „Als ich im Juni 2014 in den Ruhestand ging, waren es 13 Nationalitäten.“ Heute betreut der Kinderschutzbund Kinder aus 16 Nationen, wie auf der Homepage nachzulesen ist.

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50 Jahre Kinderschutzbund in Leer
12.02.2023
Das in den vergangenen 50 Jahren Erreichte wird mit einem Festakt gefeiert. „Der Kinderschutzbund in Leer ist eine einzige Erfolgsgeschichte. Da haben wir etwas richtig Großes auf die Beine gestellt“, sagt Horst Milde. Der Stolz auf das Erreichte ist ihm deutlich anzuhören.

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